Chorprobe

Ich treffe eine Kindergarten-Mutter auf der Strasse. Die Sonne scheint in unsere Gesichter, ihre kleine Tochter sitzt hinten auf dem Fahrradsitz.

„Emil geht heute zum ersten mal zum Chor,“ sage ich. „Willkommen in der Welt der Frühförderung!“ „ Wow,“ sagt sie. „Direkt im Anschluss an den Chinesisch Unterricht,“ füge ich hinzu. „ Ach,“ sagt sie. „Kann meiner schon.“ Ich nicke. „Wir suchen grade nach einer neuen Herausforderung.“ seufzt sie. „Cello?“ schlage ich vor. „ Zu einfach.“ bedauert sie. „ Spricht Nils Gehirn nicht an.“„ Verstehe ich.“ nicke ich wissend.„ Und jetzt ab zum Spielplatz,“ lacht sie und radelt davon. Und ich? Ich gehe heute wirklich mit Emil zum Chor. Und das, obwohl Emil bei dem Vorschlag bereits freundlich intervenierte: „Nein, danke, Mama. Singen finde ich wirklich blöd.“

Es ist tatsächlich so, ich feiere ein inneres Fest weil wir keine Verpflichtungen haben. Weil wir im Turnverein sind, der jede Woche gefühlt 100 Kurse für Kinder anbietet und es niemanden interessiert ob wir die eine Woche 8 mal gehen und die folgenden drei Wochen kein mal. Weil ich mein Kind nicht mit 4 Jahren schon vom Kindergarten abholen will und das Wort „musst“ benutze. „Du musst heute zum singen“, „Du musst heute zum Hokey“. Gar nichts muss man, wenn man vier ist.

Aber ausprobieren darf man trotzdem. Leidenschaften entdecken kann man nicht früh genug, sie ablehnen kann man genauso gut. Und Greta freut sich so sehr auf den gemeinsamen Chor Besuch!

IMG_8603Wir fahren mit dem Bus bis in die Innenstadt und müssen erst mal den Eingang finden, dann wird es eng mit zwei Kinderwagen, vier Kindern, zwei Rollern und zwei Erwachsenen im Aufzug. Wir steigen erst mal im falschen Stock aus, dann alle wieder ein. Fünf Minuten zu spät. Im Halbkreis sitzen vielleicht 12 Kinder um einen schwarzen Flügel herum. Ihre kleinen Beine kommen nicht bis auf den Boden. Sie sehen süß aus und brav. Es sind kaum Jungs dabei. Emil sieht nicht so brav aus, in seiner schwarzen St. Pauli Jacke klebt er an meinem Hosenbein. Greta sucht sich gleich einen Platz. „Ich singe mit!“ konstatiert sie begeistert. „Ich nicht.“ Sagt Emil.

Die Proben gehen weiter, hohe und tiefe Töne und eine sehr ambitionierte Lehrerin. Zwölf – nein, mit Greta 13 Kinder – die eifrig nachsingen. Emil sagt, er will nicht mitmachen.

Wir verlassen den Raum und ich bin sauer. Richtig sauer. Dabei weiß ich gar nicht warum. Vielleicht, weil es mich grade nervt, dass Emil nicht wenigstens zehn Minuten bei Greta bleibt und sich das anhört. Weil er gleich so rigoros alles ablehnt. Weil wir deshalb in die Stadt gefahren sind. Mir ist warm, Ida will keine Schuhe tragen und hat keinen Mittagsschlaf gemacht und ist nicht besonders freundlich drauf. Emil will etwas essen und das bringt das Fass zum Überlaufen. „Egal wo wir sind,“ sage ich wütend. „Immer wollt ihr nur essen!“ Ida muss gewickelt werden, gut, machen wir das eben im Treppenhaus. Ich bin super genervt. Emil isst einen Keks. Dann sieht er mich an und sagt: „Schön, dann kann ich im Garten noch ein bißchen rutschen!“

Ich bin immer noch richtig sauer.

Dabei hat er Recht. Er hat einfach nur Recht. Er möchte rutschen, wer möchte das nicht mit vier Jahren?

Weil Ida im Bus nur schreit, weil sie nicht stehend fahren darf, steigen wir wieder aus und gehen zu Fuß. Die Sonne scheint. Emil und Ida teilen sich die Apfelspalten auf einer Bank in der Sonne. „Schön haben wir es, oder?“ fragt Emil. Ja, denke ich.

Ja, ich hätte mir ein bißchen mehr Mut und Begeisterung gewünscht. Aber hat er nicht selber schon vorher gesagt, dass er kein Interesse hat. Hab ich meinen Wunsch über seinen gestellt? Und noch viel mehr, war es mein Wunsch?

Ich hätte Emil und Greta gerne gemeinsam dort gesehen, aber vorstellen kann ich mir Emil in dieser Welt der sitzenden, Tonlagen singenden Kinder überhaupt nicht. Emil, der „Spaceman Spiff“ liebt und zu Hip Hop tanzt, der still sitzen ohnehin überwertet findet, den kann ich mir bei aller Liebe nicht im kleinen gebügelten Hemd vorstellen, wenn er vor Publikum in einer Kirche auftritt und „Alle Vögel sind schon da“ trällert. Als würde ich ihn in einen Knabenchor stecken. „Emil im Chor,“ hatte Paul gelacht. „Aber ich finde, wir können ihn ja auch mal für Dinge begeistern,“ wehre ich mich. „Wir begeistern ihn doch ständig für Dinge,“ sagt Paul. „Für Dinge für die wir uns auch begeistern. Wann hast du dich denn schon mal für einen Chor begeistert?“

Am Abend telefonieren wir mit Idas Patenonkel, einem sehr erfolgreichen Dirigenten und einem von Pauls engsten Freunden. Der verweilte grade mit seinem jüngsten Sohn beim Rugby Training. Das hatte er sich gewünscht. „Ich weiß nicht wieviel Cornelius mit Rugby anfangen kann,“ überlegt Paul. „Aber ich glaube, es ist etwas anderes, wenn Kinder sich etwas wünschen, was den Eltern fremd ist, als wenn Eltern sich für ihre Kinder etwas wünschen, was ihnen fremd ist.“

Also warten wir jetzt ab, was Emil sich mal wünscht und bis dahin kann er rutschen und irgendwann auch mal mit zum „Spaceman Spiff“ Konzert.

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2 thoughts

  1. Wir waren beim Spaceman Konzert auf dem Bunker damals, leider fing es später an und dahin war die ganze romantische Vorstellung von „wir gehen alle hin…“ Wurstfred möchte jetzt zum Tischtennistraining – neben zweimal in der Woche zum Fußball ist es mir allerdings zuviel…

    und… ich war früher gern beim Chor 😉

    ach.. und… zum MAMF fahren zumindest die Jungs…

    liebe Grüße,
    Jule

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    1. Ja, irgendwie erinnere ich mich an Euren Spaceman Ausflug. Im Sommer gibt es ja wieder Nachmittags Konzerte am Knust und im Central Park. Damit fangen wir erst mal an. Ich sag dir Bescheid!
      Liebe Grüße,
      Miri

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