Glücksmomente 13

„Für Miriam und Paul“ steht in einem Buch das auf dem Sideboard neben Pauls Schreibtisch steht. Fast ein bißchen unscheinbar wirkt es von außen. Innen sind Texte und großartige Fotos, schlicht und mit einem guten Gespür für Komposition ausgewählt. Das Buch ist von Montag Abend, von einem TV Noir Abend auf Kampnagel. Nur Paul und ich und grandios gute Musiker. Ich sitze da und lächle ein ganzes Konzert durch. Ich mag die Stimmung, das Licht, die Kampnagel Bühne. Die knatschenden Stufen und das Ölgemälde über dem Sofa. Ein Abend mit Paul und gutem Wein. Alles fühlt sich gut an. Besser geht es nicht. In der Pause treffen wir Freunde und am Ende treffen wir Tex. Pauls Lieblingssänger. Bereits der Spruch auf unserer Hochzeitseinladung damals ist einem seiner Texte entnommen. „Der Himmel ist die Ewigkeit in diesem Augenblick“. Musik kann man niemandem vorschreiben, man kann versuchen, zu begeistern und das klappt mal mehr mal weniger. Wenn Paare sich finden, Menschen, die vorher sehr unterschiedliche Leben geführt haben, und die sich für etwas gemeinsam begeistern können, fühlt sich das sehr bereichernd an. Die Welt ist voller großartiger Musiker, die einen wollen gefunden werden, die anderen will man im Stillen für sich alleine behalten. Aber wenn man dann zwischen 800 Menschen sitzt, die alle wegen Maxim da sind, fragt man sich, wie lange man etwas noch allein für sich in Anspruch nehmen kann. Und dann bleibt nur eines: ihn mit anderen zu teilen. Weil er es verdient hat.

Die Sonne legt sich über unsere Woche. Ich sitze viel auf der alten Rampe vor dem Büro, sehe den Kindern aus dem Kindergarten über uns zu, trinke Kaffee und schreibe, telefoniere und organisiere. Menschen kommen vorbei und winken, es ist eine warme Welt, die die Sonne hervorlockt. Beim Gemüsehändler sitzen Kinder auf dem Gehweg und essen Weintrauben, vorne an der Straße betreibt eine alte Türkin eine Schneiderei. Eine übergewichtige, ältere Frau, die dennoch immer so voller Würde wirkt, wenn sie vor ihren Laden tritt und einem zulächelt. Auf den Spielplätzen tobt das Leben. In den Cafés sitzen Menschen, aus den Restaurants klingt das Stimmengewirr und tausende Fahrräder bevölkern die Straße. Eine Welt voller Freunde, die man überall sieht, die Kekse und Äpfel an Kinder verteilen. Sie freuen. IMG_7000 Wir gehen mit den Kindern auf den Campus und sehen uns die Entenküken an. Es ist schön und traurig zu gleich. Fünf Kinder, die gemeinsam laufen, sich helfen, an den Händen halten und in ein paar Monaten alle getrennt sein werden. Ja, das Leben geht weiter, sie können sich weiterhin sehen, aber wir alle wissen, wir sind eingebunden in soziale Netze, die uns umgeben. Manche zerreißen, weil wir es nicht schaffen sie zu halten. Zum Glück ist M.s und L.s Papa grade mit in mein Büro gezogen. Eine außerordentlich gute Basis um die Freundschaft zu erhalten.

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Im Garten beginnt alles zu wachsen. Eine völlig neue Vegetation bricht hindurch und von der Winter Tristesse keine Spur mehr. Der kleine Großstadtdschungel erwacht zu neuem Leben. Und wieder macht sich die Zeit bemerkbar – im letzten Jahr habe ich es kaum gewagt einen Schritt in die Wohnung zu tun, so lange die Kinder alleine draussen war. der Abhang am Bunker, für uns grade mal Schulterhoch, für die Kinder eine immense Sturzgefahr. Am Boden nur Steinfliesen, im Nachbargarten der Teich, kein Zaun, auch nicht zur Kellertreppe. Das haben wir jetzt behoben. Ida klettert langsam aber beharrlich den Bunker hoch um von oben wieder herunter zu rutschen. Ich stehe in der Küche und koche. Ich fühle mich sicher und viel entspannter. Emil und Ida sind jetzt große, denke ich. IMG_7055 Paul hat Nachtdienst. Die ganze Woche und bis Sonntag. Der erste Mai, das Wochenende – wir sind allein. Ich fahre mit den Kindern aufs Land. Das Wetter ist trübe und windig, Emil tobt durch den Garten und ich friere. Ida füttert die Fische und hantiert mit einem alten Kescher am Teich herum. Ständig muss man um sie sein. Ich fühle mich einsam obwohl ich nicht alleine bin. Am Abend fahren wir zurück. Nach zwanzig Minuten wacht Ida wieder auf und schreit. Sie schreit und es geht mir durch Mark und Bein. Nach einer Stunde erreiche ich Hamburg und kämpfe mich durch diverse Absperrungen der Mai Demonstrationen. Ida schreit. Ich finde nur einen Parkplatz im Halteverbot. In meiner Vorstellung sollte das wie folgt ablaufen: Ich parke (irgendwo), trage Kind eins schlafend ins Haus. Renne zurück zum Auto und trage Kind zwei schlafend ins Haus. Tatsächlich aber schläft nur Emil. Ida schreit und ist ganz heiß vom Fieber. Ich kann sie weder schreiend im Auto lassen noch schreiend allein zu Hause um Emil zu holen. Ich sitze im Auto und überlege noch ob ich verzweifeln soll oder nicht. Ich entscheide mich für nicht. Emil schläft und schläft. Ida schreit und schluchzt. Am Ende der Straße taucht meine Nachbarin mit ihrem Freund auf. Du wunderbare kleine Eimsbüttel Welt. Ihr Freund trägt Emil, ich trage Ida. Nach einer weiteren Stunde bitterlichen Geschreis schläft sie endlich ein. Ich stehe am Fenster und grübele. Es ist halb elf. Bis morgen früh um halb sieben muss ich das Auto umgeparkt haben. Aber wohin? Gibt es morgen früh um sechs freie Parkplätze? Auf Grund eines Straßenfestes sind diverse Strassen gesperrt. Ich müsste auch beide Kinder gegen sechs wecken und mit ins Auto schleppen. Ich bin nervös und dann renne ich raus. Ich renne so schnell wie ich noch nie gerannt bin. Ich springe ins Auto und fahre los. Und: Ich finde einen regulären Parkplatz! ich renne wie eine Verrückte zurück. In der Wohnung ist es totenstill. Wie lange war ich weg? Keine zehn Minuten. Parkplatz gefunden: absoluter Glücksmoment. Kinder alleine gelassen: furchtbarer Moment!

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Das Wochenende verbringen wir im Garten und auf dem Strassenfest. Emil hat sein gespartes Geld dabei und ersteht eine fürchterliche blaue Plastik Parkagarage. Er ist stolz wie Oscar. Er hat sie selber ausgesucht, er hat sich selber getraut nach dem Preis zu fragen und die zwei Euro akribisch zusammen gesucht. Ich finde sie nicht schön, aber das ist irrelevant. Es ist etwas, das Emil ganz alleine entschieden hat. Und das ist gut so. IMG_7004

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2 thoughts

  1. ich liebe liebe liebe tex und die idee von tv noir! 🙂 immer wieder begegnen mir auf diese weise ganz besondere musiker, die mich manchmal ein stück begleiten und manchmal einen festen platz in meinem leben bekommen. diese ganz allein für mich haben zu wollen oder nur mit ausgewählten menschen, aus einer ausgewählten zeit, zu teilen kenn ich nur allzu gut.

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