Und weg waren sie

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Wenn man nach dem Winter bekannte Mütter samt Kindern wieder in den altbekannten Parks, Strassen und auf den Spielplätzen trifft denkt man jedes mal: mein Gott, wie groß sind die geworden! (Und zwar nicht die Mütter…). In den Wintermonaten kann ziemlich viel passieren, was unentdeckt an einem vorbei zieht. Bei uns ist alles gleich, denke ich, okay, die Ida kann jetzt richtig sicher laufen und klettern und rutschen und ein bisschen reden. Und Emil? Ist vielleicht ein bisschen gewachsen, hat aber jetzt mit 4 Jahren grade mal so die 1 Meter Marke geknackt und demnach kann es jetzt nicht so sonderlich auffallen, dass er zum Riesen mutiert ist. Nur die Haare werden immer mehr, und wachsen und kringeln sich in all erdenklichen Richtungen.

Gestern saß ich mit Freundinnen im Inno Park und sah der Ida beim spielen zu. Ida ist ein autarkes kleines Wesen. Sie sucht hin und wieder den Blickkontakt, aber ansonsten zieht sie schnell ihrer Wege, gräbt und rutscht und lacht auch alleine, wenn sie sich über etwas freut. Emil und seine drei Freunde verschwanden.

Wir reden über Kindergartenwechsel, über Schulwahl und die Umzugspläne einer Freundin. In Hamburg eine Wohnung finden? Eine Katastrophe. Ich sehe auf die Uhr. Es ist halb fünf. Seit 30 Minuten keine Spur mehr von den Jungs.

Die Ida zieht auch ihrer Wege. Zum Glück ist sie nicht schnell. Ich sehe sie in der Mitte des Parks Blumen pflücken. Und im Kopf rechne ich mir immer aus, wenn sie jetzt zu einem der Ausgänge läuft bis an die Strasse, schaffe ich es dann noch sie rechtzeitig einzuholen? Schaffe ich, denke ich, und esse eine Weintraube. Hinter hohen Bäumen auf einem Hügel taucht tatsächlich hin und wieder mal eines unserer Kinder auf. Dann sind sie wieder verschwunden. Fünf Uhr, keine Ahnung wo Emil ist.

Wie ist es dazu gekommen? Habe ich nicht noch letzten Sommer ständig nach ihm Ausschau gehalten? Habe ich nicht doch immer mit einem Auge gucken müssen, ob er von dem hohen Kletterturm auch alleine wieder runter kommt? Ihm helfen müssen, wenn er irgendwo rauf wollte. Ihm die Schuhe neu zu binden. Mich manchmal gesorgt, wenn er mit Greta einen imaginären Kaufmannsladen eröffnete, irgendwo, in der hintersten Ecke des Spielplatzes hinter Büschen und Sträuchern.

Emil ist nicht alleine. Seine Freunde sind 5 und 6 Jahre alt. Und der große Bruder eines Freundes ist dabei. Er ist bereits zehn. Muss ich mir Sorgen machen?

Ich sehe sie wieder oben am Hügel stehen. Vier Jungs mit wuscheligen Haaren und dreckigen Gesichtern. Sie halten den Roller in der Hand. Wollen die jetzt ernsthaft mit dem Roller den steilen Abhang runter fahren? Über die Baumwurzeln? Sie diskutieren. Muss ich jetzt einschreiten? Über Gefahren aufklären? Sie schütteln den Kopf, ich kann nicht hören worüber sie reden. Sie stellen den Roller wieder beiseite und verschwinden zwischen den hohen Bäumen.

Ich muss nicht eingreifen. Wahrscheinlich tue ich es eh schon viel zu oft. Warum sie nicht frei sein lassen? Sie treffen viel weniger falsche Entscheidungen, als wir so denken. Sie wägen ab, sie reden miteinander. Sie passen aufeinander auf.

Sie sind Kinder? Sie können Gefahren nicht richtig einschätzen? Das stimmt. Sie sehen nicht, mit welcher Geschwindigkeit sich ein Auto nähert. Dementsprechend wissen sie, egal wie gut man guckt, man darf niemals ohne die Eltern über die Strasse. Aber zwischen den Bäumen im Inno Park verschwinden?

Ja, Kinder verschwinden von Spielplätzen. Ja, irgendwo steht auch mal ein Spanner. Irgendwo kann jemand sein, der ihnen Blödsinn erzählt oder schlimmeres. Aber ich kann sie nicht einsperren. Ich kann sie nur stark machen. Und daran appellieren zusammen zu bleiben.

Am Ende kommt L. dazu, der kleine Bruder. Er ist noch zwei. Den steilen Hügel alleine schafft er nicht. Drei paar Hände ziehen und schieben ihn nach oben. Muntern ihn auf. Loben ihn, als er oben am Hügel steht. Kinder, die zusammen wachsen und ihre Grenzen erkennen. Weil man sie manchmal frei sein lassen muss, damit sie das Leben in all seinen Facetten und Gefahren selber erkennen können. Damit sie sich gegenseitig stark machen. Und irgendwann gegenseitig schützen können. Damit sie sich helfen und auffangen und aufmuntern. Und vor allem, damit sie so spielen, wie sie spielen möchten. Ohne Grenzen, ohne Verbote und ohne Vorgaben.

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Die Ida läuft alleine zwischen den Blumen. Ich sehe sie gut. Ein paar schnelle Schritte den seichten Hügel hinunter und ich wäre bei ihr. Und doch sorge ich mich viel mehr. Jede Weintraube nach der ich greife nimmt einen Moment Aufmerksamkeit. Was ist, wenn ich mich umdrehe und sie ist nicht mehr da. Ida ist gerne alleine – und alleine sein hat viele Tücken.

Wenn von Emils Freunden einer stürzt, ist sofort ein anderer dabei, den steilen Hügel hinunterzurennen um Hilfe zu holen, wenn Emils Freunde vom Baum nicht mehr herunter kommen,  helfen alle mit. Wenn Emils Freunde vom Hügel rutschen, halten mehrere Hände sie fest. Wenn Ida etwas passiert steht sie alleine da. Wenn Ida jemand schnappt, sieht es niemand. Wenn Ida geärgert wird, beschützt sie keiner.

Wir alle müssen lernen, uns auf andere zu verlassen. Hilfe anzunehmen. Freundschaften aufzubauen und zu pflegen, Menschen, die uns jeder Zeit helfen würden. Auffangen würden. Aber Ida muss das noch lernen. Und am besten, so bald wie möglich.

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One thought

  1. Oh wie ich das kenne.
    Meine Kleine ist ebenso gerne alle, spielt für sich. Vollkommen unbesorgt und wohlgesonnen strahlt sie mit der Sonne um die Wette.
    Meine Große braucht mich beim Spielen auf dem Spielplatz nun auch deutlich weniger. Ich ertappe mich dabei, wie ich manchmal leicht hektisch um mich schaue, wo sie wohl gerade steckt. Dann sieht man wieder: nicht nur die Kinder wachsen. Auch wir Eltern.

    Gefällt 1 Person

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