Glücksmomente 12

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Als ich am Montag morgen das Fahrrad gegen die Hauswand lehne, die Sonne bereits auf die Graffitti besprayte Hauswand scheint und nur zwei drei Mütter samt ihrer Kinder hinauf in den Kindergarten hetzen, überkommt mich eine sagenhafte Ruhe. Im Büro ist niemand. Durch die großen Fenster scheint die Sonne und in mir scheint die grenzenlose Ruhe. Emil und Ida sind längst im Kindergarten abgegeben, die Stille umfängt mich, ich lese mich durch 210 Mails der letzten Woche, das meiste ist Mist, aber es beruhigt mich. Dann schlendere ich los, mit Strickjacke und Morgenkühle durch die Schanze, hole mir einen Kaffee, ein bißchen Obst beim Türken in der Susannenstrasse, sehe den Menschen zu die ihre Häuser verlassen. Guten Morgen, Montag, ich mag dich sehr.

Paul hat langen Dienst diese Woche, das heißt, er geht sehr früh und kommt erst am Abend, aber das macht nichts. Die Kinder sind im Garten, die ersten Kartoffelpflanzen strecken ihre Köpfe hinaus. In den Ritzen des alten Bunkers haben sich wilde Erdbeeren angesiedelt. Wir säen Möhren, Paprika, Tomaten, Kapuzinerkresse. Emil und ich graben ein, Ida gräbt wieder aus. Die Katze streckt sich zum ersten mal in der Sonne in diesem Jahr und außer den Vögeln ist es still. Großstadtparadies.

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Dienstag früh merke ich, dass wir leider nach unserem letzten Wildpark Ausflug einfach in den Urlaub gefahren sind ohne irgendetwas aus dem Auto zu räumen. Ich finde den Emmaljunga Kinderwagen im Kofferraum vor und einen Korb voller Schneehosen und Winterjacken, Picknickdecken und Regensachen. Daneben Taschen mit Blechdosen, in denen mal so etwas wie Bananenscheiben waren – die jetzt nur noch aus Schimmel bestehen. Halb geleerte Salzstangen Tüten, überall Krümel. Sandspielzeug. Diverse Bücher, Trinkflaschen, Kuscheltiere, Cds mit Hörspielen (die aber nicht mehr drin sind, sondern irgendwo unter den Sitzen, weil Emil sie sich mal „angucken“ wollte….). Sonnenbrillen, Wasserflaschen, zwei ganze Körbchen voller Ostereier, hat anscheinend auch keiner vermisst. Eine Strickjacke, Tücher, ein Buch von mir – denn man sollte niemals ohne Buch das Haus verlassen, wer weiß, wo sich die Gelegenheit zum lesen ergibt. „Auf meinem Sitz liegen ganz viele Sachen,“ meckert Emil. „Ja ja,“ sage ich und werfe einiges davon in den Fußraum. Ich schiebe die Kameratasche hinein, Geschenke aus Südtirol für Oma und eine Tasche voller Kindergartenersatzkleidung. „Man,“ sagt Emil. „Ist unser Auto immer voll….“ Soviel dazu, dass Kinder immer denken, so wie es Zuhause ist, so sieht die Realität eben aus. So ist das Leben. Emil hat aber längst die Bekanntschaft mit anderen Autos anderer Familien gemacht und ich gebe zu, bei denen herrscht bekanntlich nicht so ein Chaos wie bei uns.

Wir bringen Ida weg und Emil hopst weiter zu seinem Kindergarten. Überall treffen wir Freunde, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag werden. Emil verabredet sich mit John. Ich verspreche, die beiden so früh wie möglich wieder abzuholen. Aber erst mal mache ich mich auf den Weg Richtung Bremen.

In den Wäldern zwischen Hamburg und Bremen treffe ich Stef. Mein Lieblingsmodel – ohne Übetreibung. Sie ist großartig. Und sie geht in den Bildern auf, als wären sie für sie gemacht. Und sie geht in den eiskalten Fluß, morgens um kurz nach zehn, und lässt es aussehen als sei es ein heißer Sommertag.

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Ich hole zuerst Emil und John ab und bin beschwingt. Das Shooting wirkt noch nach, ich bin erfüllt von den Bildern. Wir laufen gemeinsam zu Idas Kindergarten. Ida strahlt. Während die Kinder im Garten spielen räume ich endlich das Arbeitszimmer leer. Bis auf den Sekretär im Stile der 60er Jahre New Yorker Arbeitszimmer und einem alten Ledersessel wird alles verbannt. Das Arbeitszimmer wirkt jetzt ruhig und aufgeräumt mit Blick auf den Garten. Die Kinder stecken Blumen in eine weiße Emaille Vase. Dann sitzen wir auf der alten Metalltreppe und essen Erdbeeren. Eine Freundin kommt vorbei, wir trinken Weißwein und reden über Projekte, die Kinder verursachen ein Chaos, das dem in unserem Auto in Nichts nachsteht. Im Grunde ist es mir aber egal. Es gibt tatsächlich wichtigeres. In meinem Leben zumindest. Paul kommt spät und geht nahezu direkt im Anschluss zum Sport. Für mich ist das okay, ich nutze den Abend um zu arbeiten. Als Paul gegen 22:30 vom Sport kommt habe ich zumindest meine to-do List nahezu fertig abgehakt.

Direkt am ersten Tag der „Veröffentlichung“ lesen knapp 8000 Leute den Beitrag „Wenn ich dich schlafen lege“ und ich bekomme sehr viele unglaublich rührende Kommentare und Mails. Ich trage Dinge aus meinem Leben in die Öffentlichkeit, ich lasse Menschen an meinen Gedanken teilhaben und frage mich manchmal, ob das gut für mich ist. Und für meine Familie. Aber dann lese ich all die Mails und kommuniziere mit Menschen die ich nicht kenne, aber die mir etwas zu sagen haben. Die mir sagen, dass meine Texte etwas in ihnen berührt haben. Und das macht mich glücklich.

Ida schläft seit Tagen Nachts bis zu zwei Stunden einfach GAR nicht. Langsam strengt es uns alle an, aber Samstag gehen Paul und ich trotzdem endlich mal wieder weg. Wir sind müde aber gut gelaunt, unsere Fahrräder scheppern auf dem Kopfsteinpflaster und trotz Nieselregens duftet es nach Frühling. Vor dem Büro stehen die ersten Leute und trinken Bier, ich sehe Leute wieder, die mich mein Leben lang begleiten und welche, die ich seit Jahren nicht gesehen habe. Immer gibt es noch Verbindungspunkte zwischen all diesen sich längst aufgesplitteten Freundesgruppen. Sie alle verbindet immer noch die Idee etwas zu bewegen, etwas Gutes zu tun und sich zu engagieren. Die wenigsten noch dort, wor wir uns einst alle zusammen gefunden haben, aber alle bleiben durch ihre Projekte irgendwie miteinander verbunden. Wir ziehen vom Büro weiter in die „Sichtbar“ und trinken Bier. Paul und ich und all die alten Freunde – es fühlt sich an wie früher.

Ausschlafen ist und bleibt auch nach solchen Abenden utopisch – Paul hat das ganze Wochenende Dienst und ich hab ab halb sieben die Kinder mit im Bett. Wir packen Proviant ein, kleine Hocker, eine Iso Matte, Idas Puppen Buggy, Ersatzkleidung und Regenhosen, Emils Roller plus Helm. Alles passt in den Fahrradanhänger. Sagte ich schon, wie sehr ich den liebe?

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Um kurz nach zehn holen wir Greta ab und machen uns trotz Regens auf den Weg zur Marathonstrecke. Die einzige Begeisterung die einen Marathon ausmacht ist, dass alle um einen herum begeistert sind. Die Kinder klatschen, rasseln und teilen ihren Proviant. Der Regen durchnässt ihre Mützen, es tropft von den Augenbrauen. Der Tag ist schön.

Marathon do’s: Immer da sitzen wo die Trommelgruppen sind, das erheitert das Gemüt der Kinder. Ida hat viel getanzt. Immer genug Rasseln dabei haben um Streit zu vermeiden.

Marathon don’ts: Nicht so unbedarft gleich zu Beginn der Veranstaltung in einer Lücke zwischen zwei extrem schnellen Äthiopiern mutig noch mal die Strassenseite wechseln, weil es an der Alster doch viel schöner ist. Einmal drüben und man kommt niemals zurück!

Nach drei Stunden regnet es immer noch. Emil, Ida und Greta sitzen zu dritt im Anhänger, zusammen mit Proviant, Rasseln, Roller, Puppenbuggy, Teddys, Wolldecken, Ersatzkleidung. Ich schiebe drei Kilometer in die eine und in die andere Richtung. Es gibt kein Rüberkommen. Mehr als 19 000 Menschen laufen an mir vorbei. Und ich bin ziemlich nass. Immerhin erntet man ganz freundliche Blicke wenn man drei kleine Kinder hinter sich herzieht, die sich trotz Platzproblems extrem wenig streiten und man als Mutter dabei ein entspanntes Gesicht macht, trotz durchnässter Hose. Schlechte Laune? Bringt einen ja jetzt auch nicht über die Strasse.

Wer mehr Glücksmomente anderer Blogger lesen möchte kann das auf http://www.daily-pia.de/2015/04/26/gluecksmomente-182015/

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