Wenn ich dich schlafen lege

Es gibt eine Million Texte übers Schlafen, Durschlafen und Einschlafen. Aber was ist mit der Zeit davor? Den Momenten bevor man schläft?

Ich bin nicht Super-Mom. Diverse Tage die Woche gucke ich ab 18:00 auf die Uhr und frage mich wie damals zu Schulzeiten: Wie lange noch, bis ich sie endlich ins Bett bringen kann? Dann laufen sie mir vor die Füße, während ich versuche zu kochen, die Ida heult und will nur noch auf den Arm. Emil möchte mitkochen und dreht durch, wenn ich ihm den falschen Stuhl vor die Arbeitsfläche schiebe.

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Es gibt auch die Abende an denen wir erst spät vom Spieplatz kommen. An denen mir die Zeit bis zum ins Bett gehen nicht mehr lang, sondern häufig zu kurz vorkommt. Kurz vor acht und beide sind hundemüde. Haben noch nichts gegessen, noch nicht Zähne geputzt, haben dreckige Hände und verfilzte Haare, Sand in den Schuhen, kreischen und streiten. Haben keine Geduld 10 Minuten auf das Kochen der Nudeln zu warten.

So oder so, er kommt irgendwann. Der Moment in dem ich meine Kinder ins Bett bringe. Erst sehne ich mich danach, dann stresst es mich wenn ich alleine bin. Ida will dies, Emil will das, Ida tropft ihre Zahnpasta beim herumlaufen in alle Zimmer, Emil kippt den Sand seiner Schuhe in seinem Bett aus. Einer schreit, einer heult, einer will immer genau jetzt irgendetwas haben an das ich nicht rankomme, oder noch beliebter: etwas, das wir gar nicht besitzen. „Aber ich brauche das JETZT!!!“ Ist klar.

Aber dann ist er da. Der Moment, wo alle bereit sind ins Bett gebracht zu werden. Nicht bereit zu schlafen – das ist eine ganz andere Geschichte. Aber bereit ins Bett gebracht zu werden. Die kleinen Füße in dem Ganzkörperschlafsack tragen Ida in ihr Zimmer, sie räumt noch einen Teddy beiseite, sie sagt „Der Buch!“ und zeigt auf ihr Regal. Auf der weißen Kommode brennt nur noch eine alte Lampe, die gestreiften Vorhänge blenden das Restlicht des Tages ein wenig aus. Die Katze hopst neben uns auf das Sofa, sie schmiegt sich an Ida die immer beherzt in ihren Nacken krallt. Das gleiche Ritual, jeden Abend.

Ich genieße es Ida zu riechen wenn sich ihr Kopf irgendwann gegen meine Schulter fallen lässt. Der Geruch ihrer Haare, die kleinen Hände, die immer noch ein wenig rastlos nach etwas greifen. Die Augen, die langsam schwer werden. Ihr offenes, ehrliches Lachen, wenn sich unsere Blicke treffen. Geduldig und erwartungsvoll liest sie „der Buch“. Zeigt Tiere, trinkt eine Flasche mit Tee. Betrachtet ihre kleinen Füße in dem Schlafsack. Manchmal lacht sie. Manchmal meckert sie ein bißchen. Findet den Schlafsack doof oder findet Fussel zwischen ihre nackten Zehen

Ich lege sie in ihr Bett und beneide sie fast ein wenig um ihren großen Kopf. Der scheint so schwer vor Müdigkeit, den hat sie den ganzen Tag getragen, in dem hat sie ihre eigenen Gedanken gesponnen und sich ihren eigenen Reim auf die Welt gemacht. Aber jetzt scheint er zu schwer für die kleinen Schultern. Sie liegt da und sieht mich an. Manchmal starrt und träumt sie. Ihre kleine Hand umschließt die meine. Es ist ein Moment nur für uns. An dem wir füreinander da sind. Und uns Sicherheit geben. Und Ruhe und ein Gefühl von Geborgenheit.

Unter dem Baldachin sitzt Emil in seinem Hochbett. Ein kleiner Mond spendet ihm genügend Licht um in seinen Büchern zu blättern. Ich klettere neben ihn. Er schiebt mir ein Kissen und einen Großteil der Decke zu. „Damit du auch einen Kuschelplatz hast,“ erklärt er. Manchmal zieht er die Decke besonders hoch, fast bis unters Kinn und sieht mich glücklich an. „Schön haben wir es, Mama, oder?“ Oh ja.

Wir lesen lange. Wenn Paul nicht da ist bin ich nicht nur voller Ruhe fürs lesen, sondern auch voller Begeisterung. Geschichtenwelten tun sich auf und ich liebe es Emils ganz eigenen Theorien dazu zu hören.

Ins Bett bringen nervt manchmal. Meistens nervt aber mehr die Zeit bis man ins Bett bringt. Die letzten Tagesmomente in denen gekreischt und gestritten wird, in denen man übermüdet Zähne putzt, dreckige Gesichter wäscht, zappelnde Kinder wickelt. Von sich selbst genervt ist. Aber dann wird es schön. Dann wird es innig. Und sehr nah. Sehr intensiv und auch sehr besonders. Momente, in denen es selten um beide geht, sondern immer um jeden von ihnen. Ida Momente und Emil Momente. Zeit, in denen man Berührungen, Gesten und Wörter austauscht, die am Tag manchmal zu kurz gekommen sind. Zeit, in denen wir das Gefühl vermitteln Zuhause zu sein. Sicher und Geborgen zu sein. Zuzuhören und den Tag Revue passieren lassen. Eine Zeit, die alles am Tag noch einmal bündelt. Die allen gut tut, uns so wie den Kindern.

Manchmal liegen wir sehr lange nebeneinander, Emil und ich. Und reden. Es ist nicht so das Emil nicht den ganzen Tag reden würde. Nahezu durchgehend. Manchmal bis an die Grenzen des Aushaltbaren. Aber Abends reden wir anders. Reden wir inniger und bewusster und nachdenklicher.

„Wenn du mich ins Bett bringst,“ sagt Emil einmal. „Dann fühle ich mich immer besonders doll geliebt.“

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12 thoughts

  1. ich bin immer wieder erstaunt, wie emil seine gefühle schon in worte fassen kann, manchmal besser als so mancher erwachsener. er macht sich über so viele dinge gedanken (allein was in deinen posts zu lesen ist) und reflektiert diese dann.
    du hast so tolle kinder und deine kinder so eine tolle mutter 🙂

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  2. Ja, das finde ich auch. Manchmal denke ich, ich müsste viel mehr von dem aufschreiben oder aufnehmen, was er den ganzen Tag über so sagt. Vor allem weil ich selber so viel davon lernen kann.
    Vielen Dank für Deinen Kommentar: das macht mich ziemlich glücklich zu lesen! Aber auch ich schreie hier manchmal ganz schön rum und sage Sachen, für die ich mich hinterher schäme. icIh glaube, wenn mich dann jemand sieht oder hört, hält der mich für eine ziemlich katastrophale Mutter 🙂

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  3. Ein wahnsinnig toller Text, der mich dazu anhält, dieses Ins Bett bringen stärker als eigene Phase zu betrachten. In der Tat, die Zeit kurz davor ist meist total stressig, aber wenn sich meine Püppi dann an mich schmiegt, manchmal noch ne Weile gluckst und gackert, mich mit weit aufgerissenen Augen anlacht, dann strahlt trotz großer Müdigkeit, die ich selbst verspüre, mein Mutterherz.
    Du vermagst es, diesen allabendlichen innigen Moment zwischen dir und deinen Kindern unglaublich authentisch niederzuschreiben. Ich konnte dich und deine Kinder vor meinem inneren Auge sehen und fantasierte mir sicher auch das eine oder andere Detail dazu. Ich fühlte mich mitgerissen. Danke!

    LG Jessi

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    1. Liebe Jessi, vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist so ein schönes Gefühl zu lesen, dass meine Texte auch Menschen berühren die mich persönlich gar nicht kennen. Wo ich mich manchmal so schwer tue so viel privates öffentlich zu stellen. Aber dann freue ich mich so, wenn es Dich anregt auch die Ins-Bett-Geh Phase weiter auszubauen. Und es ist ja nicht so, dass ich das von Anfang an gemacht hätte. Irgendwie brauchte ich auch erst mal den Moment wo ich mir gesagt hab, was stresse ich mich eigentlich so? Warum genieße ich dass denn jetzt nicht einfach?
      Ich glaube, es ist einfach gut zu versuchen, das ganze positive am Eltern sein zu teilen. Weil man es manchmal selbst nicht mehr sieht in all dem Berg aus Aufgaben die man so hat.
      LG Miri

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  4. So ein wunderschöner Text. So toll geschrieben, dass ich dabei war. Ich hab die kuschelige Atmosphäre mitbekommen.

    Wenn ich das so lese, dann freue ich mich wirklich auf diese Phase. Ich mag es auch unheimlich gern, kuschelig bei den Kindern zu sitzen und Geschichten vorzulesen. Allerdings waren es bis jetzt immer die Kids auf der Arbeit (die es aber auch so sehr genossen haben). So eine Zu-Bett-bring-Situation lässt nicht nur die Kinder schön aus den Tag kommen, sondern auch ich selbst komme dann zur Ruhe.

    Mit der Milchschnute genieße ich die Abendrituale aber auch schon, auch wenn sie erst 7 Monate alt ist und es auch seeeeehr viele Abende gibt, bei denen es viel Geweine gibt.

    Ich wünsche euch noch ganz viele solcher intimen Momente, in denen Ruhe einkehrt und die schönen Momente im Herzen überwiegen können.

    Viele liebe Grüße,

    Sarah

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    1. Liebe Sarah,
      jaja, genieß es! Es gibt immer noch so viele Momente, wo man sich furchtbar ärgert, wenn die Kinder nicht schlafen wollen, nicht durchschlafen oder zum Abend hin anstrengend werden. Aber die Abende, wo es klappt, und wo man bereit ist den Moment zu genießen, die sind wirklich toll. Und ich glaube, das es immer „schöner“ wird, je älter sie sind. Manchmal bedauere ich ein bisschen, dass Ida so gar nicht zuhört wenn Emil und ich Abends lesen. Dabei lesen wir extra die Baby-Bücher! Aber sie hat dafür noch gar keine Ruhe und Geduld. Dabei stelle ich es mir so schön vor, wenn irgendwann beide neben mir sitzen und wir gemeinsam vorlesen können. Na ja, wahrscheinlich kommt das schneller als man denkt 🙂

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  5. Danke das Du mich daran erinnerst diese Momente wieder bewusster zu sehen. Hier waren viele Phasen der Anstrengung und heute – jetzt in diesem Moment merke ich, es war gar nicht das ins Bett bringen, es war die Zeit davor….. DANKE – DANKE das mir die Schuppen von den Augen gefallen sind!!!! Danke das ich wieder einen neuen Blickwinkel kennen lernen darf – es sind wundervolle Worte die mich ganz ganz tief berühren und das brauche ich heute ganz besonders.

    Dankeschön für diesen jetzigen und jeden kommenden magischen Moment!!!

    JesSi Ca

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    1. Oh, JesSi Ca, wie schön! Und ich kann dich auch noch so gut verstehen. Manchmal könnte ich ausrasten oder etwas kaputt schlagen in der letzten Stunde des Tages. Ich ärgere mich dann selber über meine blöde Ungeduld, aber es gibt einfach Momente, das reicht es mir einfach. Aber (fast!) immer schaffe ich es dann den Bogen zu kriegen, wenn erst mal alle in ihren Betten liegen. Diese kleinen Füße und Hände, diese zarten Gesichter und Stimmen. Wunderschön!

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  6. Sehr gut getroffen. Mir geht es ähnlich. Nur in verstärkter Form. Ich habe 5 Kinder und jeder von ihnen möchte abends noch ein bisschen zeit. Die größeren schlafen mittlerweile alleine. Bei den drei kleinen, husche ich von einem Kind zum anderen. Ich geniese diese entspannte zeit sehr. Natürlich wäre es gelogen wenn es nicht auch mal einfacher wäre sie hinzulegen. Viele verstehen nicht warum ich da nicht hart durchgreife. Aber Andere beneiden mich um düse Pausen. Ja Pausen, auch in mir kehrt dann immer Ruhe ein. Und manchmal schlafen wir dann selig zusammen ein. Wer kann schon sagen ich habe jeden Mittag eine Mittagspause 😉

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    1. Ich weiß nicht wieso, aber ich beneide im Stillen immer Menschen die mehr als drei Kinder haben. Ich glaube, weil ich es auch gerne gehabt hätte, aber zu spät angefangen hab 🙂 Und das du es dann auch noch so genießen kannst finde ich total toll!

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