Ich wäre grade gerne glücklicher…

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Lieber Emil,

ich entscheide über Deinen Kopf hinweg – wieder einmal. Und es fühlt sich nicht gut an. Ich sehe Dir zu wie du zu Deinem Kindergarten läufst. ich sehe warmes Licht und drei Erzieherinnen, die dich seit jeher begleiten. In der gemütlichen Küche sitzen 24 Kinder am Tisch die du liebst und schätzt und zu respektieren gelernt hast. Im Garten blühen die ersten Tulpen. Wenn ich Dich abhole sehe ich immer jemanden in der frischen Erde graben, pflanzen und säen. Ich mag den Geruch und dein kleines Foto an der Garderobe. Du bist grade zwei auf dem Bild. Ein ganz anderer Emil als heute. Mit blonden, weichen Haaren. Heute morgen habe ich mal wieder vergeblich versucht mich durch Deine braune Fülle an Haaren zu kämpfen. Jede Frau wird Dich eines Tages darum beneiden.

Als ich Dir tschüs sage, sagst du aus dem Nichts: Bald ist die Ida endlich zwei. Dann kommt sie auch in meinen Kindergarten! Ich sage nichts. Meine Güte, das Glück steht und fällt mit einem Kindergarten – wer hätte das gedacht?

Ich steige aufs Rad und mache mich auf den Weg zu Deinem neuen Kindergarten. ich weiß, dass heute der Tag sein wird, in dem ihr alle, ihr kleinen süßen Wesen, erfahren werdet, dass eure Zeit in eurem jetzigen Kindergarten sich dem Ende zuneigt. Ein guter Tag den neuen Vertrag abzuholen?

Wenn man in unserer Gegend nach Kindergärten sucht fällt man in einen Pool aus Möglichkeiten. Wenn ich eingebe, nur Kindergärten die maximal 1,5 km von unserem Haus entfernt sind kriege ich eine Liste aus ungefähr 24 Kindergärten. Alle können irgendetwas, sind bilingual, anthroposophisch, auf Drinnen- oder Draussen spezialisiert, auf Sport, Sprachen, Kunst, Musik, Reformpädgogik oder alte Schule. Alle sind sie da von klein bis riesig, von Souterrain ohne Garten bis Villa mit Parkanschluss. Alle präsentieren sich im Internet, bombardieren mich mit Informationen. Und: nahezu alle haben Plätze frei, was die Entscheidung nicht einfacher macht. Nur der, den wir wollen, der nimmt uns nicht. Also mit der Suche beginnen.

Am Anfang ist die Überlegung möglichst viele Kinder zusammen zu lassen. Aber wir sind längst aus dem Viertel weggezogen in dem unsere Kinder in den Kindergarten gehen. Wir sind geblieben, weil es so schön war. Weil sich kaum etwas jemals so richtig angefühlt hat. Sollen wir auch jetzt bleiben um die Kinder nicht zu trennen? Ich brauche genau 60 Minuten um die Kinder mit dem Rad zu Kindergarten 1, dann zu Kindergarten 2 zu bringen und dann ins Büro zu fahren. Jeden Tag zwei Stunden Arbeitszeit, die ich auf dem Fahrrad verbringe. Das könnte ich ändern, in dem ich Emil und Ida endlich in unsere neue Wohngegend umsiedele. Dann hätten sich Freunde, mit denen sie später wahrscheinlich in die gleiche Schule gehen werden. Und Freunde in der Nachbarschaft.

Aber Emil und Ida haben Freunde in der Nachbarschaft. Und ich lese mich durch Internetseiten diverser Kindergärten und denke. nein, nein und noch mal nein. Passt nicht.

Greta hat bereits einen Platz und viele seiner anderen Freunde kommen im Sommer in die Vorschule. Emil bleibt übrig. Wo sollen wir ihn lassen?

Am Ende fällt unsere Entscheidung auf den Kindergarten, der damals auch nach der Krippe unsere zweite Wahl war. Was wir damals präferierten kann heute so schlecht nicht sein. Und viele seiner damaligen Krippenfreunde sind jetzt dort. An einige erinnert er sich, an andere nicht mehr. Und so stehe ich heute morgen da und warte darauf, dass jemand im Büro die Tür aufschließt und mir den angekündigten Vertragt zusteckt. Ich fühle mich unwohl. Und irgendwie leer. Alle sind sehr nett zu mir, aber ich fühle mich nicht aufgehoben und nicht geborgen. Es fühlt sich falsch an und ich könnte heulen.

Lieber Emil,

ein Kindergarten, was ist schon ein Kindergarten? Du wirst dich zurecht finden, und später gar nicht so viel an diese Zeit erinnern. Du wirst alte Freunde wieder treffen und ganze viele neue Dinge lernen, erfahren und bewältigen. Aber ich, ich fühle mich grade nicht gut dabei. Du bist so zart, so empfindlich und manchmal so unsicher. Du suchst auf Deine rührend freundliche und begeisternde Art immer nach Anschluss, aber wenn die Resonanz der anderen Kinder nicht kommt, dann ziehst du dich zurück. Wie sollst du dich in dieser großen Kindergartenwelt zurecht finden? Diesen riesigen Räumen ohne die Arme deiner drei Erzieherinnen, die dich bisher durchs Leben begleitet haben. Ohne den bunten Garten, die Blumen auf dem Tisch wenn ihr esst.

Lieber Emil, ich weiß, dass du das schaffen wirst. Und sicherlich ganz viele positive Dinge daraus mitnehmen kannst. Aber ich möchte, dass du weißt, das ich mir für dich etwas anderes gewünscht hätte. Das du bleibst, wo du gerade bist. Gut aufgehoben und irgendwann in der Gesellschaft von Ida. Aber jetzt ist es anders und auch das ist okay, das werden wir schaffen. Und es wird wahrscheinlich nur ein zwei Monate dauern und ich werde all die Vorzüge Deines neuen Kindergartens zu schätzen wissen. Sehen, wie du dir da einen Platz suchst und ganz wundervolle Dinge machst und genauso strahlst und voller Geschichten bist wenn ich Dich abhole.

Deine Mama

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5 thoughts

  1. Ufff :(( gerade macht unser Kleiner (2 3/4) die Eingewöhung in einem neuen Kindergarten, OHNE seine gewohnte Umgebung, Erzieherin und seiner kleinen Freundin Luise. Was haben wir uns Gedanken gemacht die letzten Wochen – all diese, die Du hier besschrieben hast. Mir kommen fast die Tränen, wieder.
    Wie kann einem so eine Entscheidug so schwer fallen? Hätte ich nie gedacht!
    Die ersten beiden Tage sind überstanden – mit gemischten Gefühlen für alle Beteiligten… Mal gucken, wo die Reise hingeht und ich hoffe ebenso, dass ich in zwei Monaten dieses gute wohlige Gefühl wieder habe wie vor noch 1 Woche.

    Danke dür den Text! Er spricht mir aus der Seele.
    Grüße

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    1. Oh, das wünsche ich Euch auch! Wir gucken uns heute Nachmittag den neuen Kindergarten in einer Probestunde an. Ich habe Emil gesagt, wenn es ihm nicht gefällt, dann darf er das auch sagen. Zum Glück gibt es in Hamburg genug Auswahl. Aber es fehlt ja auch an der Zeit sich alle anzusehen und im Internet sieht natürlich alles schön und freundlich aus.
      Euch viel Glück!

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  2. Danke, gleichfalls.
    Papa sagt „es wird“. Glaube ich dann mal 😉 Ich seitze nämlich im Büro und muss die Dinge laufen lassen, aber die beiden Männer machen das schon.

    Hat es Emil gesten nachmittag gefallen?

    Ich drücke die Daumen, dass Du ein gutes Gefühl bekommst. Grüße aus dem Hamburger Osten 😉

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  3. So, ich kann nicht anders, ich muss dir jetzt einfach einen Kommentar hinterlassen.
    Gestern bin ich durch Zufall auf deine Seite gestoßen und als ich mit dem ersten Artikel fertig war,musste ich einfach den nächsten lesen und noch mehr und noch mehr..
    Ich erkenne mich in so vielen deiner Geschichten wieder, meine beiden Räuber sind auch zwei und vier Jahre alt und ich schreibe seit den Geburten Bücher für sie, als Andenken für die Zeit an die sie sich nicht erinnern können.
    Das überdimensionale Liebesgefuehl für zwei so oft herzensgute liebevolle, wunderbare Wesen denen, sind wir mal ehrlich, unser ganzes Herz gehört.. Und im Gegensatz dazu das verrückt werden wenn so ein Tag voller Wutausbrüche nicht enden will (deine beiden Wutgeschichten sind grandios! ), wenn man sich fragt warum bei anderen alles besser zu laufen scheint und man selbst sich fühlt wie in einer (Kinder-) Irrenanstalt. Dazu die Sorgen die man sich, obwohl man ja EIGENTLICH entspannt sein möchte, aus welchem Grund auch immer (Kindergarten, Krankheiten, Zukunftsvorstellungen, was auch immer) macht.
    Ich finde es toll, wie offen und ehrlich und berührend du schreibst, nicht „verschönernd“, sondern ich glaube dir jedes einzelne Wort. Es tut unheimlich gut durch deine Texte zu merken, dass man nicht alleine ist.
    Am Liebsten würde ich mich mal eben nach Hamburg beamen, dich umarmen und knutschen und dir sagen dass ich es toll finde wie du denkst und bist.
    Also, danke.

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    1. Liebe Siri, komm nach Hamburg und mache das! Denn das beruht auf Gegenseitigkeit. So ein wunderschöner Kommentar! So bestärkend und liebevoll. Ich bin gerührt und glücklich. Also solltest du wirklich mal hier sein, dann melde dich. Egal wann. Wir werden Kaffee zusammen trinken und uns an unseren Kindern erfreuen.
      Ganz liebe Grüße,
      Miriam

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