Meran im Frühling – ein Reisebericht

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Südtirol – wenn man mal von unserer katastrophalen Anreise (https://emilundida.com/2015/04/14/zwei-stunden-flug-vierzehn-stunden-reisezeit/) absieht ein gut zu erreichendes Urlaubsziel mit Kindern. Wenn man die katastrophale Anreise mitzählt, dann lässt sich nur konstatieren: Genügend Spielzeug im Handgepäck parat haben, etwas zum malen, Essen und Trinken und – in unserem Fall nicht ausreichend – Windeln. Wie soll man ahnen, dass die drei Handgepäck Windeln für zwei Stunden Flug am Ende für knapp 14 Stunden Anreise nicht ausreichen würden?

Unsere Reise führt uns nach Schenna, einem am Hang gelegenen Dorf über Meran. Von unserer großen Terrasse überblicken wir das gesamte Tal. Für die Kinder, die zuvor Berge in diesem Ausmaß noch nie bewusste gesehen haben, ein Erlebnis. Jeden Abend sitzen wir dort zusammen und sehen zu wie Sonne sich über den Gipfeln rosa färbt. Warm ist es auch bis in die Abendstunden – Frühling in Südtirol – für uns grade um die paradiesischen 25 Grad im Schatten.

Untergekommen sind wir im Hotel „Finkennest“ – ein Kinderparadies ohnegleichen. IMG_6093Geräumige Zimmer samt großem Bad und Küche, wir schlafen in einem von den Kindern separat gelegenem Himmelbett und genießen unseren Weißwein am ersten Abend dort liegend – mit fantastischem Blick über das Tal durch die bodentiefen Fenster.

Wir sind im Dunkeln angekommen und können es doch erahnen – die Schönheit die vor uns liegt und eine Woche voller Kinder, Sonne und Zeit.

1. Schenna oberhalb von Meran umfasst 200 Kilometer markierte Fußwege in allen Höhenlagen. Weitere 300 Kilometer rund um Meran 2000/Hafling machen das Wandergebiet zu einem der attraktivsten in Südtirol. Aktive haben die Wahl zwischen Spaziergängen durch Weinberge und Obstgärten, Ausflügen von Alm zu Alm sowie anspruchsvollen Hochgebirgstouren. das klingt vielversprechend! Aber geht das auch mit Kindern?

Wir starten gemächlich und entscheiden uns für den ausgeschilderten und angepriesenen Fußweg durch die Apflelplantagen von Schenna nach Meran. Angegeben ist hier immer alles in voraussichtlichen Geh-Zeiten und nicht im Kilometern, was anhand der Steigungen auch Sinn macht. Angegeben ist die Strecke mit 40 Minuten. Auf unsere Frage an die Einheimischen, ob das auch mit Buggy machbar sei, erhalten wir immer wieder die freundliche Antwort: Ja, das geht auf jeden Fall. Das hat zur Folge, das nicht nur wir Idas Buggy mitnehmen, sondern Ida auch ihren Puppen Buggy. IMG_5216

Die Sonne scheint, die Apfelbäume blühen. Unser Weg führt über Brücken und Bäche in die man hervorragend Steine werfen kann und Emils Weg führt hauptsächlich durch die Apfelplantagen. „Emil,“ so konstatierte der Opa am Abend. „Läuft jede Strecke mindestens doppelt. Er läuft sie nicht nur vorwärts, sondern immer auch noch mal nach links und rechts.“

Wir genießen die Strecke und jeden einzelnen Stein, den Ida während des Laufens in ihren Buggy läd und wieder entläd. Die angegebenen Wegzeiten gelten aber definitiv nicht für uns. Wir erreichen Meran nach zweieinhalb Stunden. Dafür haben wir Butterblumen gesammelt, Steine geworfen, Berge bestaunt. Wer in Südtirol mit Kindern unterwegs ist, sollte sich seine eigenen Zeiten nehmen. Und: Liebe Südtiroler, nur weil IHR findet, man kann diese Strecken ohne weiteres mit Buggy spazieren möchten wir nur anmerken: Für normale Menschen eignet sich das nicht. Also: Kinder sonstwie transportieren, aber nicht im Buggy – zumindest wenn man keine Lust hat diesen die Hälfte der Strecke zu tragen oder über Stein- und Geröllwüsten zu verkanten.

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2. Trinkbrunnen

IMG_5250Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die in den Augen unserer Kinder einen außergewöhnlich hohen Stellenwert einnehmen. In Emils Fall waren es die Trinkbrunnen. Zu jedem Brunnen lief er ganz aufgeregt hin und deutete auf die dort angebrachten Schilder: „Ist das Trinkwasser?“. In den meisten Fällen war es. Die Vorstellung, dass man wie bei einem Springbrunnen einfach so das Wasser aus dem Hahn trinken konnte, dass vor seinen Augen in ein altes Becken aus Holz tropfte, das erfüllte ihn mit Glück und Abenteuer Gedanken. Egal wo wir liefen, egal wie lange, wie steil, wie Abseits der „Zivilisation“ – Emil war stets auf der Suche nach Trinkwasserbrunnen. Es war seine ganz eigene Aufgabe für diese Reise. Und er ist ihr hervorragend nachgekommen. Und sollte es doch mal den ein oder anderen Moment gegeben haben, an dem selbst Emil nicht mehr weiter wollte, dann haben wir ihn mit der Aussicht auf Brunnen gelockt, die sich vielleicht hinter der nächsten Ecke verborgen hielten.

3. Viedegg

Mit der Seilbahn fahren wir von Verdins – ganz in der Nähe unseres Hotels – auf 1400m hoch nach Tall. Die Fahrt als solche ist für die Kinder natürlich ein aufregendes Erlebnis. Wir passen mit zwei Buggys, vier Kindern und 8 Erwachsenen in eine Gondel und können somit als Gruppe zusammen bleiben. Auf dem Rückweg fährt die Bahn sogar zweimal – ausnahmsweise. Sonst hätte es mit den anderen Gästen nicht gepasst und wir hätten 30 Minuten warten müssen.

Von Fall aus hat man eine wunderbare Sicht über das Tal.

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Wir entscheiden uns für die Strecke von Fall nach Viedegg. Diese ist im übrigen für Kinderwagen und Buggys ganz gut geeignet. „Kaui“ (noch 2 Jahre) und Emil (grade 4 Jahre) laufen fast die gesamte Strecke selber. Neben Bergen, Wäldern und steilen Felsen gibt es vor allem Blumen und Eidechsen zu entdecken.

Wehrmutstropfen: Keine einzige Kuh auf der gesamten Strecke.

Höhepunkt: Kaiserschmarren auf der Terrasse des Gasthofs Viedegg und dazu auch noch eine Sandkiste und eine Schaukel in Sichtweite der Eltern.

Fazit: alle kommen bei diesem Ausflug ganz gut auf ihre Kosten.

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4. Meran – südlicher Flair im Tal

Meran liegt in einem von bis zu 3337km hohen Bergen umgebenen Talkessel. Die Stadt erreichen wir über den bereits beschriebenen Weg durch die Obstplantagen von Schenna aus. Im Frühling präsentiert sie sich genauso blühend wie das Umland. Wer die große Shopping Offenbarung sucht ist hier verkehrt – wer einen sommerlich warmen Nachmittag in Straßencafés verbringen will, oder auf den großen Steinen am Ufer der Passer den Blick auf die Abendsonne genießen will, der ist hier komplett richtig. Es ist eine stille Stadt. Menschen auf den Straßen, Touristen sowie Einheimische, aber alles wirkt ganz sommerlich entspannt. Einige alte Cafés muten mit leichtem Wiener Charme an und das Kulturhaus erstrahlt in schönem Glanz. Wir haben mit den Kindern keinen Bedarf an einem längeren Gang durch die Laubengänge, in denen sich das ein oder andere Geschäft präsentiert. Wir essen Eis in der Nähe des Kulturhauses und haben von hier die Kinder auf dem Spielplatz im Blick.

Zurück kann man im übrigen ganz hervorragend mit dem Bus fahren – schließlich geht es bergauf und die Strecke hatte sich ja auch auf dem Hinweg als nicht besonders Buggy freundlich hervorgetan. Dafür muss man aber wissen, wo eben dieser fährt und wir haben uns blindlings auf die Strecke gen Hauptbahnhof schicken lassen um hinterher festzustellen, dass es durchaus dichtere Haltestellen gegeben hätte. Dafür flanieren gut eine Stunde eine alte Allee entlang, sehen uns prächtige italienische Villen an und Ida bekommt die Chance eine ganze Stunde ihren Puppen Buggy selbst zu schieben. Für ein kleines Wesen, dass noch keine zwei ist eine beachtliche Wegstrecke – vielleicht nicht unbedingt Wegstrecke, aber Wegzeit – und hier wird ja alles in Zeiten gemessen.

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To do: Gut, auch wenn wir es selbst thematisiert haben, dass zu der Zeit als ich in Italien gelebt habe, und das war 2000/2001 Aperol Spritz als das In-Getränk gehandhabt wurde und es erst Jahre später endlich die deutsche Grenze passiert hat, kann man dennoch nur konstatieren: Es wird dadurch nicht schlechter. Und wer bis zur Abendsonne bleibt, der sollte sich in einem Café niederlassen, am besten mit Blick auf die Passer und einen Aperol trinken. Es gehört zum italienischen Lebensstil einfach dazu.

Praktisch: Der Spielplatz vor dem Kulturhaus. Überall drumherum Eiscafés von denen aus man die Kinder sehen kann.

5. Waalwege

Wale sind künstlich angelegte Kanäle die zur Bewässerung der Obstplantagen dienen. (Entgegen Emils Vermutung, es könne sich hierbei um Wale handeln…). Ein bißchen naiv hatten wir ein weiteres mal auf die Dorfbevölkerung gehört, die uns mitteilte, man könne ohne weiteres den Anstieg bis zum Waalweg mit Buggy erklimmen. Wir können nur feststellen: das ist definitiv nicht der Fall. Von Schenna bis zur Taser Seilbahn – von wo an wir den Waalweg bestreiten wollen, ist mit Kinderwagen unmöglich. Wir geben auf dem ersten drittel der Strecke auf. Nur Emil und der Großvater erklimmen die Strecke noch weiter. Die Männer müssen zurück zum Hotel und die Autos holen – kein Erfolgserlebnis, aber anders geht es nicht. Wir bleiben mit drei Kindern zurück von denen die Kleinste noch kein Jahr alt ist. Auf einer Wiese voller Butterblumen sitzen die Mädchen und sehen zu, wie ein Bauer Holz mit dem Trecker holt und eine alte Frau die diversen bunten Blumen wässert. Es ist sehr still hier oben und wir sehen den Abstieg der Männer als geschenkte Zeit.

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Leider endet die Wander-Frustration damit nicht. Auch die Waalwege sind mit Buggys und Kinderwagen nicht passierbar. Treppen, Baumwurzeln, Steigungen. Wir geben alsbald auf. Der Wille war da und der Wald ist traumhaft. Emil und der Großvater ziehen alleine los. Fünf Stunden sind sie insgesamt unterwegs. Die letzten 20 Meter musste der Opa Emil auf den Schultern tragen. Ansonsten : Alles alleine marschiert. Tannenzapfen in Kanäle geworfen, Eidechsen gesucht und gerannt wie ein kleiner Weltmeister.

Waalwege: Laut der Erzählung und dem was wir gesehen haben, sollen sie wirklich wunderschön sein. Nur ein geeignetes Transportmittel für die Kleineren sollte man dabei haben. Und ob ich selbst Lust hätte die ganze Strecke mit Ida auf dem Rücken zu laufen weiß ich auch nicht. Aber wenn man der Typ dafür ist: Auf geht’s!

7. Botzen

Vierzig Minuten mit dem Auto von Schenna entfernt. Wer zwischendurch das Bedürfnis nach ein bisschen Urbanität hat, kann das also durchaus in Kauf nehmen. Außer auf der Suche nach einer passenden Taucherbrille für Emil haben wir keinen Bedarf an einem Geschäftebummel, entdecken aber statt dessen einen wunderbaren kleinen Markt, der bereits alles an paradiesischen Früchten bereit hält, was bei uns erst in den heißen Sommermonaten angeboten wird. Wir erkundigen uns an einigen Ständen und es ist tatsächlich alles saisonal und lokal. Wir kaufen eine große Schale italienischer Erdbeeren und genießen den Geschmack nach Sommer und Sonne.

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Am Walther-Denkmal können die Kinder sich lange aufhalten. Das Denkmal zu Ehren Walters von der Vogelweide ist umrahmt von einem Brunnen, den die Kinder nutzen um ihre Hände zu kühlen und auch das ein oder andere Körperteile – mal mehr, mal weniger zur Freude der Eltern. Auch dieser Brunnen, inmitten des Walther Platzes ist gesäumt von Cafés. Wir nutzen die Pause für ein Eis – allerdings eines, das schlechter schmeckt als erwartet.

9. Lana – Obstmuseum und Schnatterpeck Altar

Wir nutzen das trübe Wetter um ins Obstmuseum nach Lana zu fahren. Das kleine Museum liegt etwas Abseits hinter der Kirche und bezaubert durch seine liebevoll gestaltete Art. Museen anzupreisen ist ein schmaler Grad, eine ganz schwierige und subjektive Sache. Entweder man mag Museen oder man mag sie nicht. Entweder man kann sich für die Thematik interessieren und die Kinder dafür begeistern oder nicht. Aber wir können das Obstmuseum nur empfehlen. Per touch-screen können die Kinder Bilder und Informationen selber durchblättern, eine Armbrust halten, ausmessen wie große die unterschiedlichen Äpfel sind und in einem der Räume gibt es extra einen Raum in dem sie malen können. Den wunderschönen Obstgarten können wir leider nicht mehr besichtigen, weil wir von einem Regenguss überrascht werden und statt dessen Kakao trinken können. Unsere Karte gilt aber für den ganzen Tag und wir nutzen das um noch einmal zurück zu kehren. Die Kinder bekommen einen Apfel geschenkt und Emil lassen wir auf einem alten Trecker sitzen – ob das erlaubt war wissen wir nicht, deshalb preisen wir es hier jetzt nicht als Highlight des Ausflugs an 🙂

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Der Schnatterpeck Altar in Lana befindet sich in der Niederlana Kirche und diese zählt zu den schönsten Werken der Südtiroler Spätgotik. Der Altar – von Hans Schnatterpeck gebaut – ist weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Er ist ganze 14 Meter hoch und sieben Meter breit und aus geschnitztem Kastanienholz das komplett vergoldet wurde. Der Altar kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden die knapp über dreissig Minuten dauert. Für Ida empfinden wir die Zeitspanne zu lang. Sie möchte laufen und sich bewegen und nicht still sitzen und schweigend zuhören. Auch Emil stellen wir die Entscheidung frei. Aber gemeinsam mit Opa und seiner Lebensgefährtin – die ihn für alles auf dieser Reise mit einer so bezaubernden kindgerechten Art begeistern kann – nimmt er an der Führung teil und bleibt bis zum Ende stark beeindruckt von dem Bauwerk.

Auf dem Friedhof sehen wir uns bei Nieselregen die Gräber an und stellen uns die Leben dieser Menschen vor.

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Sonstiges: In und um Meran gibt es diverse Burgen zu besichtigen. Viele sind als nicht tauglich für Kinder unter vier angegeben. Wir haben es nicht probiert, aber von anderen erfahren, dass die Ausstellungen zum Teil viele Details über Kunstgeschichte beherbergen, die für Kinder langweilig erscheinen können und demnach die Aufmerksamkeit der Erwachsenen ablenken. Von außen sind aber viele sehr gut zu besichtigen und reichen um sich spannenden Geschichten auszudenken.

Emil ist sehr gerne so hoch in die Berge gefahren, dass wir in den Wolken standen. Ein kleines Highlight bei schlechtem Wetter.

Wir haben nicht ansatzweise das geschafft, was mit Kindern in dieser wunderbaren Landschaft noch möglich gewesen wäre. Aufgrund unseres wunderbar kinderfreundlichen Hotels haben wir unsere Ausflüge immer nur bis zum späten Nachmittag gemacht um den Kindern genug Zeit für das großartige Spielplatz und Schwimmbad Angebot zu bieten. Neben Pferden waren auch Ziegen und kleine Kaninchen zum bestaunen vorhanden und – was wir selbst nie genutzt haben – die Möglichkeit, die Kinder für mehrere Stunden in eine über 200 qm und liebevoll ausgestattete Kinderbetreuung zu geben, die tagtäglich ein großes Repertoire an Abwechslung geboten hat.

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2 thoughts

  1. Ich entdeckte eben deinen wundervollen Blog. Und mit diesem Beitrag hast du mein Herz erobert. Ich erkenne so viel wieder. Ein wunderbarer Urlaub war das. Meine Kinder sind in den gleichen Jahren geboren, wie deine. Ich lese nun fleißig weiter. Alles Liebe

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    1. Liebe Tanja, wie schön, dass ich deine Erinnerungen geweckt habe! Ich kann Südtirol auch nur allen, allen, allen empfehlen. Dabei war ich früher so eine militante Travellerin, die Orte in „unmittelbarer“ Nähe schrecklich langweilig und uminspirierend fand. Gut, dass ich durch meine Familie eines besseren belehrt wurde. Die Welt ist fast überall schön – man muss nur bereit sein es zu sehen.
      Alles Liebe!

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