Meran – eine Hommage an die Zeit

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Unsere Tage beginnen um kurz nach sechs – auch hier, so weit weg von Zuhause. Jemand klettert ins Bett, jemand ruft. Durch die bodentiefen Fenster kann man über das gesamte Tal sehen. Nur über den schneebedeckten Gipfeln scheint schon die Sonne. Vögel zwitschern, Kinder lachen. Auch Urlaube beginnen früh. Was wir dafür bekommen? Zeit. Einen ganzen Tag voller Zeit.

Wenn Emil woanders schläft, egal wo, egal, ob er es schon mal gesehen hat oder nicht, egal, ob er nur fünf Minuten wach war als wir ihn in einem fremden Zimmer in ein fremdes Bett gelegt haben oder drei Stunden. Wenn Emil Nachts in der tiefsten Finsternis erwacht, weiß er immer genau wo er ist. Von einem Moment auf den nächsten haben Räume für Emil eine Selbstverständlichkeit. Er findet sich im Dunkeln zurecht, er ertastet Türen und Lichtschalter. Es ist, als wäre er nie woanders gewesen.

Wir öffnen die Tür zur Terrasse. Kühle aber sommerliche Luft strömt herein. Die nackten Kinderfüße laufen über die kühlen Terassen Fliesen. Unter dem Geländer nur noch Weite. Ein riesiges Tal, Burgen und Dörfer und dahinter eine Front schneebedeckter Berge.

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Hier ist der Frühling längst erwacht. Und nach dem Frühstück, voller Tatendrang beschließen wir, die angeblich 40 Minuten Fußmarsch durch Weinberge ins Tal selbst zu gehen. Ungeachtet dessen, dass dieser Fußmarsch NICHT für Menschen mit Buggy gedacht war und noch viel hinderlicher – nicht für kleine 20 Monate alte Mädchen die selbst ihren Puppenbuggy schieben wollen und sich diesen nur unter Kratzen und Kreischen für kurze Wegstrecken aus den Händen nehmen lassen. Der Opa – immer beschwingt voraus – kann bei aller Liebe zu den Enkeln diese sagenhaft schleppende Langsamkeit kaum ertragen. Emil läuft nicht gerade aus, sondern die Wein- und Apfelberge raus und runter. Ida sammelt Steine im Kinderbuggy. Paul grinst. „Mein Vater dreht gleich durch.“ Um uns herum Apfelblüten und Vogelgezwitscher. Für die angekündigten 40 Minuten brauchen wir 2 einhalb Stunden. Kein Wunder, das Pauls Schwester, mit der wir in eben diesen 40 Minuten verabredet waren, sich nicht mehr in Meran City aufhält als wie eben dieses Zentrum erreichen. Und was bekommen wir? Zeit. Mal mehr mal weniger wird sie uns aufgedrängt. Aber sie wird uns aufgedrängt, sie fuchtelt vor unserer Nase herum, sie zwingt uns zur Langsamkeit, sie schreit regelrecht: Siehst du mich! Ich bin es, die Zeit, die du manchmal so hasst, wenn ich dir davon renne. Jetzt bin ich hier. Ich stehe vor dir, ich schleiche mich in deine Kinder und ich sage dir: Nimm mich an und lass dich von mir führen.

IMG_5464 Paul steht so da und sieht in die Berge. Emil wirft Steine in einen Bach. Ida sammelt Blumen. Die Zeit hat uns eingefangen. Und sie lässt uns so schnell nicht mehr gehen.

In Meran blüht es. Alles ist bunt und warm. Emil sieht zu wie ein Künstler eine alte Buche in ein riesiges Ballkleid hüllt. Wir bremsen ihn nicht. Er bremst uns. Und das ist gut so.

Wir wollen mit dem Bus zurück, wissen aber nicht, ab wo der fährt. Paul tendiert zu Iphone fragen, ich tendiere zu echte Menschen fragen. Jemand schickt uns zum Bahnhof. Ida will jetzt aber partout ihren Puppen Buggy selber schieben. Immerhin hat sie ihn erst beim Frühstück von Pauls Schwester geschenkt bekommen und das muss man ja jetzt erst mal nutzen. Für die Strecke brauchen wir über eine Stunde. Aber immerhin: Ida geht das ganze Stück selber.

Der Tag plätschert so dahin. Wir gehen schwimmen, sehen zu wie die Pferde und die Ziegen gefüttert werden. Wir gehen runter ins Dorf und kaufen Erdbeeren, als die Sonne tief über den Bergen steht trinken wir Wein auf der Terrasse. Was wir bekommen, wenn wir Urlaub machen? Zeit. Was wir nicht mehr bekommen? Ausschlafen, Erholung, Zeit für uns. Aber werden wir das nicht schneller wieder haben als uns manchmal lieb ist?

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Wir nehmen nicht was kommt, sondern wir lieben was da ist. Wir würden manchmal gerne lange schlafen. Alleine auf der Terrasse sitzen und nicht ständig jemanden vom Geländer wieder herunter heben oder daran hindern Lego Steinchen herunter zu werfen. Wir würden manchmal gerne schneller gehen, obwohl – ganze ehrlich – warum eigentlich? Wir würden Abends gerne Essen ohne das jemand Ketchup auf unserer Kleidung verteilt, oder heulend an den Haaren zieht, weil er müde ist. Aber das was wir stattdessen bekommen, bekommen wir nur heute. Nur jetzt. Urlaub mit zwei Kindern, die grade 4 Jahre und 20 Monate alt sind. Das bekommen wir nie wieder. Niemals. Ich glaube, das andere bekommen wir schneller zurück als wir denken. Das was wir heute haben, das müssen wir jetzt genießen. Und wo ginge das besser als hier?

Emil und Ida schlafen. Die Tage sind aufregend, die Strecken, die sie laufen sind lang. Jeden Tag gehen sie ins Schwimmbad, auf den Spieplatz, zu den Tieren, auf die Berge und in den umliegenden Städten flanieren. Sie laufen jeden Tag mit, mal mehr und mal weniger im Mittelpunkt. Sie suchen sich ihre eigenen Abenteuer und wir versuchen sie darin zu unterstützen. Aber am Ende zählt nur eins. Das sie glücklich sind. „Nichts,“ sagt Paul, als wir Abends alleine auf der Terrasse sitzen und auf das beleuchtete Tal hinunter sehen. „Nichts macht einen so glücklich, wie wenn die Kinder glücklich sind.“

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