Zwei Stunden Flug, vierzehn Stunden Reisezeit

Fünf Uhr morgens, der Wecker klingelt. Alles ist ruhig in der Wohnung, wir schleichen barfuss über den Flur, die Katze streicht schnurrend um unsere nackten Beine. Wir duschen, packen die letzten Sachen ein, trinken heißen Kaffee. Dann wecken wir langsam die Kinder. Frühstück haben wir nichts mehr da. Die Kinder essen Apfel, werden angezogen, ziehen ihre kleinen Koffer selber. Draussen wird es langsam hell. Der Taxifahrer versucht das Gepäck zu verstauen. Das Handgepäck wiegt jetzt schon gefühlt zwei Zentner. Kameratasche, diverse Objektive, Bücher, Zeitschriften, Proviant, Laptop, Spielzeug. Sieben Uhr – wir erreichen den Flughafen. Emil und Ida rennen zwischen den Menschen herum. Wir versuchen die großen Koffer los zu werden und dabei die Kinder nicht aus den Augen zu verlieren. Sie haben Hunger. Verständlich.

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Wir essen ein überteuertes Frühstück, aber immerhin gibt es einen Indoor Spielplatz. Draussen starten und landen die Flieger. Es ist immer noch grau. Die Kinder haben gute Laune. Ich lasse Ida laufen und nutze den Buggy lieber für das ganze Handgepäck.

Am Terminal sehen die Kinder ewig den Fliegern zu. Sie starten, landen, parken ein. Tankwagen, Piloten, Flugbegleiter. Sie stehen am Fenster und staunen. Eine Stunde? Schaffen wir. Aus dem Lufthansa Flieger steigt eine Freundin von uns, die als Flugbegleiterin arbeitet. Sie kommt grade aus Singapur. „Alles okay mit dem Flieger?“ fragt Paul grinsend. „Alles super,“ sagt sie. Wir warten aufs Boarding. Die Kinder sehen weiter Flugzeugen nach. Wir treffen durch Zufall die Franzosen. Sie sind auf dem Weg nach Peru und schon etwas spät. Neun Uhr – von Boarding keine Spur. Unser Flieger wird auch weggefahren. Stille.

Wir erfahren, dass die Cockpitscheibe gebrochen ist. Flieger startet nicht. Eventuell kann man uns einen Ersatzflieger anbieten. Dafür müssten wir aber raus und erst mal unser Gepäck wieder abholen um es neu einzuchecken. Ach so.

Paul geht alleine. Die Kinder malen. Ständig fallen die Stifte unter die Sitze. Ich bin lange nicht mehr so viel über den Fußboden gerobbt. Erst recht nicht auf dreckigen Flughäfen. Die Kinder essen Proviant auf, der eigentlich für den Flug war. Nach einer Stunde gebe ich auf und rufe Paul an. Der steht immer noch in der Lufthansa Schlange. Bahn? Auto mieten und 10 Stunden Auto fahren? Das Gerücht geht um es gebe gar keine Flüge mehr nach Frankfurt. Ich binde mir Ida auf den Rücken, versuche das ganze Handgepäck auf dem Buggy zu verstauen. Emil läuft neben mir her. Wir finden den Ausgang nicht. Der Fahrstuhl ist kaputt. Ich schwitze.

Paul sagt er sei schon sehr weit vorwärts gekommen in der Schlange. Ich sehe davon nichts. Emil muss mal, Ida muss gewickelt werden. Paul versucht unseren Buggy samt Handgepäck und alle unsere Koffer in der Schlange mit vorwärts zu bewegen während wir weg sind.

Elf Uhr. Eigentlich wären wir jetzt schon lange in Frankfurt. Man kann uns einen Flug um vierzehn Uhr anbieten. Ich bin wenig begeistert. Wir checken die Koffer wieder ein und kehren zurück zum Indoor Spieplatz.

Dreizehn Uhr dreissig – Boarding. Sechs einhalb Stunden Hamburger Flughafen liegen hinter uns. Der Flieger kommt gleich beim Start in starke Turbulenzen. Ida explodiert vor Freude. Sie juchzt und kreischt, als hätte man die diversen Luftlöcher nur für sie erschaffen. Emil hat furchtbare Angst. „Das ist aber ein blöder Urlaub,“ konstatiert er leise. „Wenn wir jetzt in ein Wasser abstürzen, kann ich gar nicht schwimmen und gehe unter.“ Ach Emil, hier ist ja weit und breit kein Wasser.

Wir landen mit 45 Minuten Verspätung. Der Frankfurter Flughafen ist riesig. Ida kreischt und beißt, als wir versuchen sie in den Buggy zu setzen. Ich hänge mir alle Taschen um. Ich schwitze immer noch. Idas Geschrei nervt mich. Wir müssen ans Gate am anderen Ende des Flughafens. Sind wir schon zu spät? Nein. Die Kinder müssen schon wieder warten. Teilen sich essen, laufen ein bißchen herum. Lesen Bücher. Bis auf die kurzen Buggy-Intermezzos kein Streit, kein Stress, keine Langeweile, kein heulen.

Wir müssen mit dem Bus zum Flieger. Es ist heiß. Irgendwie geht es schon wieder nicht weiter. Emil und Ida krabbeln auf ihren Sitzen herum. Ich bremse sie jetzt nicht mehr. Für die beiden muss es totlangweilig sein. 16:45 wir steigen in eine Propeller Maschine. Alles ist eng und klein. Unser Handgepäck passt nicht in die Fächer. Paul vergisst einen Koffer am Gate. Chaos. Ich stosse mir mehrmals den Kopf. Knapp zehn Stunden unterwegs – wir starten. Das Flugzeug hopst eher hoch als das es fliegt. Es wackelt und scheppert und kippelt. Aber irgendwie macht es Spaß. Selbst Emil – der jetzt bei Paul sitzt findet es nicht so schlimm. Ida hat keine Lust still zu sitzen. Kann ich verstehen. Ein bißchen steht sie am Fenster, aber die Höhe versteht sie nicht. Sie isst Schokolade, schmiert sich Apfelsaft in die Haare, rührt in meinem Kaffee. Sie sieht langsam aus wie ein Strassenkind. Wir fliegen ganz dicht über die Alpen. Emil und Ida kleben an den Fenstern. Weit und breit nur schneebdeckte Berge. Wir fallen eher runter als das wir landen. Anders geht das wohl nicht wenn man in einem Tal landet. Wir hopsen ein paar mal. Dann können wir aussteigen. Wo ist bloß unser ganzes Gepäck verteilt? Wir suchen unter den Sitzen noch diverss Spielzeug zusammen. Die Flugbegleiterin wartet geduldig. Emil darf ins Cockpit solange. Als wir endlich draussen sind ist es extrem warm. Wir versuchen das ganze Gepäck irgendwie zu tragen und die Kinder. Einen Bus gibt es nicht.

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Der Innsbrucker Flughafen leert sich binnen von Minuten. Kein Wunder – außer uns waren auch nicht viele Menschen in dem Flieger. Wir stehen allein auf weiter Flur vor dem Mietauto Stand. Trotzdem alles andere als eine Garantie für zügiges Vorgehen. Das Auto war bestellt, ist aber jetzt nicht da. Wir machen, was wir schon den ganzen Tag machen. Wir warten. 11 Stunden unterwegs.

Hoch über den Bergen scheint noch die Sonne, es ist warm und still, der Flughafenparkplatz nahezu leer. Emil und Ida pflücken Gänseblümchen auf einem Grünstreifen. Ida wirft Steine aufs Pflaster. Es ist ganz still, sommerlich warm und es fühlt sich alles zufrieden an – trotz der langen Reise. Emil sucht Löwenzahn. „Ich baue daraus ein Nest,“ erklärt er. „Für ein Häschen. Wenn es heute Nacht hier vorbei kommt wird es das Nest riechen. Häschen haben ja eine Schnuppernase.“ Ich bin entzückt. Ich sitze auf dem aufgewärmten Asphalt und sehe den Kindern zu. Zwischen den Fingern halte ich Gänseblümchen. Nach fast einer Stunde bekommen wir unser Auto.

Eine Stunde und 45 Minuten Fahrt prophezeit das Navi. Wir versuchen alles im Kofferraum zu verstauen. Die Kinder sind müde und sitzen auf der Rückbank und essen Apfel. Emil liest ein Buch.

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21:00 Uhr, wir erreichen Meran. Alles fühlt sich irgendwie gut an. Die Kinder wachen auf als wir sie aus dem Auto heben. Ida sieht aus als wäre sie seit drei Wochen auf der Flucht. Ihre Haare sind zerzaust, ihr Gesicht dreckig, ihr T-Shirt bekleckert, ihre Hose mit Filzstiften bemalt – ebenso ihr Hals. Emil ist müde, die Locken sind wirr. Aber sie freuen sich. Im Restaurant erwartet uns der Rest der Familie. Viel Liebe und Freude steckt in allen von uns. Wir sind angekommen. Trinken Wein, essen, reden, lachen. „Eigentlich,“ sagt Paul, als wir Abends in unserem Bett liegen und durch die Bodentiefen Fenster auf das Tal mit all seinen Lichtern hinab blicken. „Eigentlich war es auch gar nicht so anstrengend.“

Finde ich auch.

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4 thoughts

  1. für die kinder war allein das sicher schon ein abenteuer 🙂 schön, dass sie so gut mitgemacht haben, wartezeiten mit kind zu überbrücken kann gruselig sein.
    jetzt habt ihr euch auf jeden fall einen schönen urlaub verdient!

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