Men in trees

IMG_5008„Men in trees“ ist eine US amerikanische Serie, die ich noch niemals in meinem Leben gesehen habe, aber aus Studentenzeiten erinnere, in denen ich – weil ohne Fernseher – ständig US Serien im Internet gesehen habe und diese mir permanent vorgeschlagen wurde, ohne dass ich jemals darauf geklickt hätte. Seit gestern Abend geht mir der Serientitel allerdings nicht mehr aus dem Kopf. Und das hat folgende Bewandtnis:

Der Frühling hält Einzug und das Leben wird nach draußen verlegt. Warm ist es und es schreit nach Eis. Wir treffen Freunde auf dem Platz der Synagoge. Und ich liebe meinen Fahrradanhänger – wir haben alles dabei. Proviant, Getränke, Ersatzkleidung, Regenschutz, einen Roller, einen Helm, ein Pukylino für Ida. Und Platz für zwei Kinder. In Hamburg brodelt es von frühlingshaftem Stimmengewirr. Nach dem herum rollern essen wir Eis, die Kinder klettern auf Bäume im Hinterhof des Eiscafés. Dann ziehen wir weiter in den Schanzenpark. Bis halb acht sitze ich mit einer Freundin in der Abendsonne auf einem leichten Hügel, die Jungs laufen zum hundertsten mal über die Hängebrücke, Ida buddelt noch im Sand. das Licht wärmt uns. Erst dann machen wir uns auf den Heimweg, Emil mit dem Roller, Ida schon müde im Anhänger. An der Synagoge ruft Emil begeistert „Oh, wer als erster bei dem schwarzen Cowboy ist!“ und rollert mit Begeisterung auf einen Hut tragenden orthodoxen Juden im schwarzen Mantel zu. Der kann zumindest darüber lächeln. Dann klingelt mein Handy, Viele Anrufe in Abwesenheit von Papa, sehe ich. Ich führe ein Telefonat und denke im selben Moment an „Men in trees“. Ich glaube, in den letzten Jahren hatte ich diesen Titel nie wieder in meinem Kopf, aber jetzt, wo ich meinen Vater bildlich vor Augen habe, wie er in eine Buche klettert, da ist er wieder da. Warum mein Vater in eine Buche klettert? Weil meine Mutter ein Ast stört. Der würde ihr auf der Terrasse die Sonne klauen. Der Garten meiner Eltern hat ungefähr die Ausmaße eines Fußballfeldes. Überall gibt es Ecken und Nischen und Bänke und Orte zum verweilen, in denen mal mehr mal weniger die Sonne scheint. Aber dieser eine Ast, der musste nun aber wirklich direkt heute unbedingt noch ab. Zwei Tage bevor wir gemeinsam in den Urlaub fliegen.

Und es kommt, wie es kommen musste. Mein Vater stürzt samt Ast vom Baum. Doch damit nicht genug – zu allem Unglück stürzt er auf meine unten erwartungsvoll hoch blickende Mutter. Fazit: Bein gebrochen. Und kein gemeinsamer Urlaub.

“ Ach, hätten wir das doch bloß nicht heute gemacht,“ soll meine Mutter gesagt haben. Aber das ist natürlich die falsche Herangehensweise. Sie hätte auch vom Stuhl fallen können, am Bürgersteig umknicken oder sich mit heißem Wasser beim Kaffee kochen verbrühen können. Sie hätte auch bei Sonnenschein auf der Terrasse sitzen können, ohne störenden Ast, wenn es gut gegangen wäre. Es ist wie es ist. Nur Emils kleine Welt war für einen Moment zusammen gebrochen. Er rollerte vor, damit ich seine Tränen nicht sehen konnte. „Ach Emil, “ sagte ich an der Straße. “ Nächstes mal nehmen wir Oma und Opa mit in den Urlaub, okay?“ Und – Paul nennt es Übersprungshandlung – Emil dreht sich zu mir um und konstatiert nur: „Und sowieso, die steile Rutsche ist ohnehin viel zu steil für mich.“

Ach so.

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