Donuts und stigmatisierende Kleidung

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Hatte ich nicht grade gestern davon berichtet, wie sehr es mein Herz mit Freude erfüllt, wenn ich Emil und Ida vom Kindergarten abhole? Vielleicht revidiere ich das noch mal. Ich freue mich tierisch doll Emil und Ida aus dem Kindergarten abzuholen, wenn Emil und Ida sich auch freuen. Das ist ja tatsächlich hin und wieder der Fall. Manchmal allerdings ist das nicht der Fall und ich gebe zu, bei aller Selbstverwirklichung die ich Vormittags so betreibe, reicht die ganze Kraft, Freude und Gute Laune dann doch nicht so ausdauernd wie ich es mir erhofft hatte. Als ich Emil abhole, heult er. Ausversehen in die Hose gemacht – kann mal vorkommen. Aber viel schlimmer: man wurde danach gezwungen eine Ersatzhose anzuziehen. Diese befinden sich seit – gebe ich zu – Monaten in einem kleinen Bastkorb auf dem sein Name prangt. Darin befinden sich Unterhosen die ich vor Monaten gekauft habe und eben diese sonst nie getragene Ersatzhose. Macht auch total Sinn in meinem Mama-Kopf. Würde ich eine der coolen Hosen in dem Körbchen versenken, dann würde sie da monatelang ihr Dasein fristen ohne dass sich jemand ihrer Existenz bewusst ist. In Emils Kopf sieht das aber ganz anders aus. Denn wie soll jemand der jetzt vier ist es aushalten, mehrere Stunden in einer fürchterlichen Ersatzhose den Tag zu verbringen, die nur noch bis zu den Knöcheln reicht. Und weil das der Fall war, hatte man ihn zusätzlich genötigt darunter eine Strumpfhose zu tragen, und Emil trägt partout keine Strumpfhosen mehr seitdem er zwei ist.

Tapfer hatte Emil versucht diese Schmach nicht Herr über die Lage werden zu lassen, aber an der Kindergarderobe brach es aus ihm heraus. Bittere Tränen – furchtbare Ersatzhose, grausige Strumpfhose. Wie soll er so auf die Strasse gehen? Also deckte ich ihn bis zum Fahrradanhänger und versuchte ihn samt furchtbarer Hose und grausiger Strumpfhose darin zu verstecken. „Oder kann ich ganz ohne Hose?“ versuchte ich zu ignorieren. Daraufhin bemerkte Emil, ein Donut könne der ganzen Traumatisierung wohl Abhilfe schaffen. Nun gut, ich hielt Fahrrad und Anhänger vor dem Bäcker, Emil blieb sicherheitshalber sitzen – man könne ihn ja sonst in dem gruseligen Outfit sehen. Der letzte Donut wanderte in die Tüte und mit ihm ein Quarkbällchen für Ida. Es galt vorausschauend zu denken – bevor es Streit gab.

Bereits an Idas Kindergarten war der Donut in Emil verschwunden. „Kann ich Idas Quarbällchen?“ „Natürlich nicht,“ sagte ich und schloss das Rad ab. Emil brummelte, ich holte Ida ab. Idas Kindergarten ist zu allem Chaos auch umgezogen, und in den neuen Räumen fand sie es noch toller als in den alten. Sie hatte keine Lust zu gehen. Schmiss ihre Jacke in die Ecke, zog die Schuhe eigenhändig wieder aus. Nur die Aussicht auf das Quarkbällchen schienen sie zu locken.

Im Anhänger nahm ich die Tüte und verkündete frohen Mutes: „Na gut, Ida gibt dir noch was ab.“ Ich teilte das Quarkbällchen. „Aber ich krieg das größere,“ konstatierte Emil. „Natürlich nicht,“ erklärte ich. „Ida hatte ja noch gar nichts. Du kriegst das kleinere.“ Riesiges Geschrei. Wütendes herum treten mit den kleinen Beinen in der Ersatzhose. Schrilles Schreien. Ich nehme ihm das kleinere Teil weg und gebe es auch Ida. Monster Geschrei. Der ganze Anhänger wackelt. Ich fahre mal langsam los. Schnell kann ich eh nicht.

25 Minuten Fahrradstrecke, der Anhänger bebt. An der Ampel steht schon wieder eine dieser Personen neben mir, die es zum Glück immer besser wissen. Eine Hochkultur der Pädagogik. „Geben sie dem Jungen doch auch einen Kuchen,“ bemängelt sie kopfschüttelnd.“Das geht doch nicht, einer darf essen und der andere nicht.“ Sie sieht mich böse an.

Zuhause endlich Ruhe, Ida hat keine Lust auf das Quarkbällchen und reicht es desinteressiert an Emil weiter. Na bitte.

Emil befreit sich bis auf die Unterwäsche von der stigmatisierenden Kleidung. „‚tschuldigung, Mama,“ flüstert er und kuschelt sich an mich. „Ich weiß gar nicht, wieso ich so geschrieen hab.“ Ich ehrlich gesagt auch nicht.

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Am Abend bringen wir gemeinsam Ida ins Bett. Sie trinkt einen Tee, wir lesen viele Bilderbücher. Emil singt ihr ein Lied, wir kuscheln lange im Schein einer kleinen Lampe auf dem Sofa. Dann decken wir sie zu, lehnen die Tür an, lassen das Licht im Flur brennen. Ich schicke Emil die kleine Leiter zum Hochbett hoch. Ida schreit. Ida schreit erst wenig und dann herzzereissend und dann wie in Rage. Ich gehe zurück, sie steht am Gitter, der kleine Körper bebt vor Schreien. Als sie mich sieht lächelt sie. „Ida,“ sage ich und decke sie wieder zu. „Jetzt wird geschlafen.“

Ich lehne die Tür an. Ida schreit. Sie wirft vor Wut Kuscheltiere aus dem Bett. Ihre Stimme ist schrill. „Lies vor, Mami,“ sagt Emil. Wie soll ich denn bei dem Geschrei vorlesen? Ich klettere aus dem Hochbett wieder raus. Ida schluchzt. Streckt ihre Arme nach mir aus. Bebt. „Mama,“ ruft Emil erst leise, dann lauter. „Maaamaa, wann kommst du denn zu mir?“ Ich schweige, vielleicht schläft Ida jeden Moment ein. „MAMAAA!“ Ida schlägt die Augen auf. Ich lege sie ins Bett, sie schreit. Ich gehe zu Emil. „Emil, guck das Buch doch schon mal alleine an. Ich komm ja gleich.“ Das Schreien von Ida schrillt in meinen Ohren. Zwanzig Minuten später. Ich nehme die schreiende Ida raus. Sie legt ihren Kopf auf meine Schulter. Jetzt wird sie müde, denke ich. „Mama, aber ich hab Angst!“ flüstert es aus Emils Zimmer. „Maaamaaa,“ man kann sehr laut flüstern, wenn man es denn will. Ida schlägt die Augen auf. „Aber ich hab echt Angst,“ höre ich Emil. „Nie kommst du zu mir. Immer bist du nur bei Ida!“

Eine Stunde später. Ida schlafend ins Bett gelegt, dabei ist sie wieder aufgewacht. Ida schreit. „Liest du jetzt?“ fragt Emil. Seine Stimme ist ganz vorsichtig und lieb. Er merkt, dass ich genervt bin. Aber er will auch nicht auf sein Vorleserecht verzichten. „Du hast noch gar nichts gelesen,“ fügt er ganz leise hinzu. „Ich weiß,“ sage ich, und weil das schrille Schreien mich wahnsinnig macht, klettere ich wieder das Hochbett runter. Ich halte Idas Hand. Ida schläft wieder ein. Wenn ich die Hand bewege, öffnet sie die Augen wieder. Wie lange braucht man denn, um in den Tiefschlaf zu fallen?

Ich gehe leise aus dem Zimmer und zurück zu Emil. Er liegt da und schläft, das Buch noch an sich geklammert. Ich habe nichts vorgelesen. Ich sehe auf die Uhr. Eine Stunde und 18 Minuten hat er gewartet. Ich könnte heulen.

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One thought

  1. So geht es mir auch viel zu oft. Sich zerteilen kann man nicht und die Aufmerksamkeit auf zwei Kinder zu verteilen ist gar nicht immer so einfach wie gedacht … Schön, dass man jeden Morgen eine neue Chance bekommt aus diesem Tag einen besonderen zu machen 😉

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