Glücksmomente 10

Ich sitze an einem Schreibtisch, an dem ich noch nie zuvor gesessen habe. Alle zehn Minuten passiert die Bahn mein Fenster, an der Graffiti besprühten Wand wächst wilder Efeu empor. Der Blick aus den Bodentiefen Fenster geht raus auf einen Innenhof und eine Riege Garagen. Ich habe hier noch nie zuvor gesessen und dennoch fühlt es sich gut und richtig an. Hier, in diesem Büro in der Schanze, mit abblätterndem Türkisen Lack auf dem Betonboden und ein- und ausgehenden Menschen mit Ideen und Visionen. Hier sitze ich und denke über die letzte Woche nach – die Osterwoche. IMG_4726 Der Frühling hat Einzug gehalten in Hamburg. Und Hamburg lebt, an allen Ecken, in allen Parks, auf allen Fahrradwegen und allen Cafés. Emil hat eine Woche Kindergartenferien und war für ein paar Tage zu Oma und Opa aufs Land gezogen. Still ist es alleine mit Ida. Wohltuend und intensiv still. Wir haben Zeit füreinander. Ida hilft im Garten, ich säe, sie gräbt wieder aus. Und das ist der Lauf der Dinge. Irgendetwas wird wachsen, das meiste nicht, dafür wächst Idas Freude am Garten. Nicht mehr lange, dann wird auch Ida das säen und ernten verstehen und werden wir dann nicht vielleicht sogar ein wenig ihren klitze kleinen grabenden Händen hinterher trauern? Ihrer Unbedarftheit? Ihrer Unschuld, mit der sie wieder ausgräbt, was wir mal ernten möchten? IMG_4280 Ich lasse sie graben. Und über die frischen Rasensamen laufen. Ich sehe ihrer Geschäftigkeit zu, sitze auf der alten Metalltreppe und trinke Kaffee in der Sonne. Abends bade ich sie. Ganz alleine sitzt sie in der großen Wanne. Ein bißchen unsicher – als würde sie noch nicht so Recht glauben können, dass ihr kein kleiner Emil mehr folgt. Sie planscht im Schaum, sie ist still aber zufrieden. Man wächst mit seinen Aufgaben – sich nur um ein Kind zu kümmern, nur ein Kind ins Bett zu bringen, um- und anzuziehen, vorzulesen, Aufmerksamkeit zu schenken – es kommt einem sagenhaft einfach vor. Wie konnte man die Tage als anstrengend empfinden, als man nur ein Kind hatte?

Am Mittwoch kommt Emil zurück – mit glühenden Wangen, vor Freude, vor Aufregung, vor Landluft. „Am meisten,“ konstatiert er. „Habe ich die Ida vermisst!“ Ida freut sich. Sie rennt herum, sie macht ihm alles nach und kreischt vor Vergnügen. Pauls Nachtdienste beginnen – wir stellen uns darauf ein wieder viel allein zu sein. Dafür teile ich mir das Bett mit Emil. Im Schlaf robbt er mir hinterher, umklammert meinen Arm oder meinen ganzen Körper. Ein paar mal lacht er laut und herzhaft im Schlaf. Ich beneide ihn um diese pure Freude.

Trotz Schlafmangels ziehen Paul und Emil für einige Stunden in den Keller um eine Werkstatt zu bauen. Ida und ich pflanzen Kartoffeln und Kohlrabi, aber die meiste Zeit steht Ida am Zaun, der sie von der Kellertreppe trennt und ruft sehnlichst: Papa?

Die Freude, als man sich ihrer zarten Stimme endlich erbarmt und sie über den Zaun hebt ist grenzenlos. Im Keller allerdings ist sie keine große Hilfe, kippt Schrauben aus und will die ganze Zeit auf den Arm. Die Welt von oben betrachtet ist eben doch eine andere als die ihre. Die späten Nachmittage verbringen wir am Feuer im Garten. Die Kinder stochern mit langen Stöcken in der Glut. Immer aufmerksam und auf der Hut. Auch Ida. Für ein kleines Wesen von nicht mal zwei Jahren geht sie sehr respektvoll mit dem Feuer um. „Heiß!“ ruft sie und hält Stolz ihren Stock hinein. IMG_4281 In und um Hamburg brennen die großen Osterfeuer. Erst zögern wir, aber dann hält es uns im Garten. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Genuss. Nur wir, nur unsere Gespräche, unsere Liebe und unser Leben. Für manche Tage ist das durchaus genügend. Der Osterhase, dieses wunderbare Wesen, ist bis in unseren Garten vorgedrungen. Wie genau, dass wissen wir bis heute nicht. Entweder durch die Wohnung „Er darf dann aber nur die Füße sehen,“ erklärt Emil. „Wenn er ein Gesicht sieht, dann erschrickt er.“ Oder durch einen geheimen Gang, den er unter dem Haus, oder wahlweise unter dem schweren Tor unserer Nachbarin hindurch gegraben hat. Wichtig ist nur, dass er da war. Und unseren Garten mit Glück erfüllt.

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Bei Oma und Opa war er auch. Und deren Garten ist viel größer! Wir verbringen die Ostertage im Freien. Überall fängt es an zu blühen. Die Kinder sind voller Energie. Wir gucken im neuen Büro vorbei, essen Eis in der Schanze, fahren an einen See, genießen die Momente. Ostern – ein Fest voller Frühlingssonne und Glück. Mehr braucht man nicht. IMG_5032

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