Die Sache mit dem Glauben

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Kinder glauben was man ihnen glaubhaft macht. Das ist nichts dummes, sondern eine manchmal beneidenswerte Naivität. Sie glauben, dass die Dinge so sind, wie wir es sagen und machen. Sie glauben vielleicht, dass alle Eltern sich lieben, weil sie es so kennen, sie glauben, dass alle Menschen morgens im Bett erst mal einen Kaffee trinken, dass fliegen ungefährlich ist, dass der eigene Papa der stärkste ist. Sie glauben, dass das Gerumpel im Wohnzimmer wirklich der Weihnachtsmann war, dass der Nikolaus die Kekse von der Fensterbank heruntergenommen und dabei gekrümelt hat. Sie glauben, dass der Osterhase es schafft in unseren Garten im Hinterhof zu kommen, obwohl es keinen Zugang gibt. Und ich beneide sie um diesen Glauben. Um diese Aufregung. Aber auch darum so fest zu glauben, dass das Leben es gut mit ihnen meint.

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Ich beneide sie um all das Glück aber auch um die Dankbarkeit und Freude – der Osterhase hat an sie gedacht. Er hat ihre Nester gefunden und Eier hineingelegt. Und sie in dem Gedanken gestärkt, dass es so ist, weil sie es verdient haben. Weil sie sich Mühe geben freundlich miteinander umzugehen.

Sie glauben auch, wenn ich lüge. Und das tue ich manchmal. Das tue ich ja auch in Hinblick auf den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Und manchmal nur zu meinen Gunsten. Ich lüge manchmal, wenn ich sage, beim Sport wären Ferien, weil mich der Gedanke stresst, wieder beide Kinder bei Regen dahin zu kutschieren, umzuziehen, hinter ihnen her zu laufen, Fußball zu spielen, während Ida vom Kasten stürzt, zu trösten, geschälte Äpfel und Getränke mitzuschleppen, beide wieder umzuziehen und bei Geschrei in den Hänger zu stecken, während ich selber klitsch nass regne. Ich lüge auch manchmal, wenn ich behaupte, Shaun das Schaaf käme heute nicht im Fernsehen, weil ich nicht möchte, dass sie fernsehen. Und ich lüge manchmal, wenn ich am Wochenende strahlend berichte, heute dürften sie mal Zuhause bleiben, aber nur, wenn sie zwischendurch auch mal alleine spielen. Wie gemein! Aber Wochenenden an denen ich lüge, verlaufen viel harmonischer als Wochenenden, an denen sie wissen, dass sie eh Zuhause bleiben, und ich stundenlang als Pferd, Dino, Pirat oder Ritter durch die Zimmer krabbele und stundenlang Lego bauen muss. Ja, ich bin da eigennützig. Und berechnend. Und ich lüge meine Kinder an. Aber das eine bedingt das andere. Gehen wir nicht bei Regen zum Sport, streiten wir uns nicht. Weil ich nicht genervt oder nass bin, sondern trocken und warm mit einer Tasse Tee Zuhause und entspannt puzzle.

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Wenn es mir gut geht, dann bin ich entspannt und fröhlich und voller Kraft für den Tag. Wenn ich meine Sachen machen kann, habe ich danach die doppelte Kraft und Hingabe für die Kinder. Ich liebe meine Arbeit, und ich liebe es, die Kinder danach abzuholen. Wie ein erstes Date mit der großen Liebe. Das Kribbeln, die Aufregung, ihre strahlenden Gesichter. Dann bin ich bereit. Dann bin ich voller Ideen und Motivation. Dann kann ich noch um die Alster radeln und Enten füttern, ins Kindertheater gehen, ausgekipptes Popcorn mit den Händen wieder zusammen fegen. Dann kann ich über Spielplätze klettern, jonglieren und an der Elbe Burgen bauen. Wenn ich mir selbst nichts Gutes tue, dann werde ich träge. Dann fahre ich langsamer Rad, dann rede ich wenig, dann nervt mich das ausgekippte Glas Wasser im Wohnzimmer.

Vielleicht war ich zu lange mit mir allein. Ich mag mich und mein Leben und all die Dinge, die ich während des allein seins von mir selbst gelernt habe. Die Dinge, derer ich mir bewusst geworden bin. Was will ich, was kann ich und was macht mein Leben aus? Ich bin mir selber wichtig. Und meine Beziehung ist mir wichtig. Und meine Arbeit ist mir wichtig. Und meine Kinder sind mir am wichtigsten – und grade weil sie das sind, lüge ich manchmal. Und weil sie das sind arbeite ich. Weil ich die beste Mama bin, wenn ich mich selbst nicht vergesse.

Die Kinder werden nicht ewig glauben, was ich sage. Sie werden merken, dass auch Fassaden brüchig sein können. Das Papa vielleicht doch nicht der allerstärkste ist. Das es den Osterhasen nicht gibt.

Aber so lange sie glauben, will ich sie nicht nur glauben lassen, sondern in allen Facetten in ihrem Glauben stärken. Als wir gestern durch den Wildpark spazierten, gemeinsam mit rund 3000 anderen Hamburgern, habe ich in unbeobachteten Momenten immer dieselben 10 Schoko-Eier hinter Bäumen und Büschen fallen lassen. Und Emil ist durchgedreht vor Aufregung. Emil konnte nicht fassen, dass all die Horden von Kindern, die vor ihm liefen, die Eier nicht gesehen hatten. Das ER es war, der sie gefunden hat. IMG_4656Weil er aufmerksamer war und ein besserer Eiersucher. Wieviele Eier wir am Ende hatten war irrelevant. Er gab sie mir zum verwahren und ich nutzte sie zum verstecken. Es ging nicht um die Schokolade. Es ging um die Freude des Findens und vor allem um den Glauben. Den Glauben daran, dass hier vor ein paar Stunden der Osterhase gewesen sein muss. Und Eier aus seinem kleinen Korb verloren hatte.

Aber Glaube geht immer in beide Richtungen. Wer einmal glaubt, dem spielt die Fantasie auch in anderer Hinsicht streiche. Am Abend fragt Emil, ob der Luchs aus dem Tierpark auch in den Garten kommen kann. „Nein,“ sage ich. „Wie denn? Da ist doch alles zu?“ Emil denkt nach. „Aber der Osterhase ist ja auch reingekommen.“ Da hat er Recht. Wer lügt muss auch mit den Konsequenzen rechnen, auch wenn es „nur“ kluge Kinderfragen sind.

„Mama, glaubst du Carla kann mal von uns weglaufen?“ Carla ist unsere Katze. Sie schläft am Fußende von Emils Bett. Niemals könnte Emil ohne Carla schlafen. Sie beschützt ihn. Wenn ein Dino, ein Löwe oder ein Luchs durch sein Fenster kommen möchte, dann würde Carla fauchen und kratzen und beißen. „Nein,“ sage ich. „Carla kann aus dem Garten auch nicht weg.“ Aber Emil beschäftigt immer noch die Geschichte mit dem Hasen. „Vielleicht,“ beginnt er. „Hat er ein Loch unter dem Haus durchgegraben. Und da könnte Carla auch verschwinden.“

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Der Glaube vereint Gutes und Böses. In viererlei Hinsicht wird er eines Tages zerschlagen. Manches bleibt, aber das meiste geht. Woran glauben wir? Vielleicht an das Gute?

„Ich glaube,“ sagt Emil. „Carla würde gar nicht durch den Tunnel gehen, wenn sie ihn finden würde. Weil sie weiß, wie sehr ich sie liebe.“

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