Wer Recht hat

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Ich glaube, ich kann von mir behaupten, keine Helikopter-Mutter zu sein. Vielleicht bin ich manchmal sogar ein bisschen zu optimistisch. Vielleicht lasse ich Dinge auch erst mal geschehen. Am Wochenende zumindest lief Ida ständig bei einer Veranstaltung anderen Menschen vor die Füße. Und Paul war damit beschäftigt sie in einer Tour wegzuziehen oder „Ida, pass auf!“ zu rufen. Ich tat gar nichts. Am Ende fragte Paul, warum ich nichts gesagt hab. „Weil ich finde, dass sie laufen kann, wohin sie will, so lange sie nicht wirklich in Gefahr ist. Und wenn sie jemand umrennt, dann ist das so. Dann fällt sie hin und weint. Sie wird sich weder die Schulter brechen noch das Genick.“

Ich vermeide es auf Spielplätzen all zu häufig aufzustehen. Ich bin empfindlich, wenn es darum geht, dass Kinder bewusst andere Kinder ärgern. Ich bin weniger empfindlich wenn ich darüber nachdenke, ob meine Kinder von einem Gerüst stürzen oder mit dem Kopf gegen Schaukeln laufen. Ich gefährde sie nicht. Aber ich habe gelernt Dinge einzuschätzen. Und meine Kinder haben das auch. Wer einmal fällt, der fällt meist kein zweites mal. Ich möchte, dass sie lernen ihre Fähigkeiten gut einzuschätzen. Ich möchte niemals, dass sie sich ernsthaft verletzen. Ich möchte niemals, dass ihnen jemand etwas antut, oder sie glauben, ich würde nicht auf sie acht geben. Aber ich weiß, dass sie vieles alleine können. Und dann sollte man sie in ihrer Selbständigkeit unterstützen, als sie zu bremsen.

Am Mittwoch fuhren Paul und ich mit dem Rad und Emil mit dem Roller. Emil ist schnell – ziemlich schnell. Aber wir sind ein gutes Team, ein eingespieltes Team. Ich bin nicht von Anfang an mit dem Rad gefahren. Ich bin mit ihm die Strecke zum Kindergarten zig mal gelaufen. Jeden Tag wieder. Ich habe ihn auf Ein- und Ausfahrten, auf kleine und große Straßen aufmerksam gemacht. Jetzt kennt Emil bereits jeden hochkantigen Pflasterstein und weicht ihm aus. Eben weil er gestürzt ist. Und sich die Dinge merkt aus Erfahrung.

ich fahre mit Paul und Ida im Anhänger auf der Straße und Emil auf dem Gehweg. Auch Regeln müssen gelernt werden. Emil weiß, dass man mit dem Erwachsenen Fahrrad nicht auf Gehwegen fahren darf und selbstverständlich mit einem Kinderroller niemals auf der Straße. An einer Kreuzung halten wir. Die Ampel ist rot und direkt neben uns eine Grünfläche. Emil weiß, dass er einmal um diese Grünfläche herum rollern darf, während wir auf grün warten. Er macht das jeden Tag. Plötzlich taucht neben mir eine Dame mit Hund auf. „Unverantwortlich sind sie mit dem Kind!“ keift sie. „Lebensmüde! Wegnehmen sollte man ihnen das!“

Ich bin sprachlos. Ich versuche mein Kind zur Selbständigkeit zu erziehen. Ich bringe ihm von Klein an die Verkehrsregeln bei. Emil betritt – im Gegensatz zu manch einem Erwachsenen – niemals den Radweg. Emil wartet – im Gegensatz zu manchem Erwachsenen, immer auf grün. Emil fährt auch auf dem Bürgersteig niemals auf der falschen Strassenseite. Emil hält an jeder Ausfahrt. Emil bedankt sich bei Autofahrern wenn sie ihn vor lassen. Er guckt immer ob von irgendwoher Fahrräder kommen. Er trägt einen Helm, er fragt IMMER, ob er kurz irgendwo noch einen Abstecher fahren darf. Ob er anhalten darf. Emil weiß, dass Feuerwehr und Polizei immer Vorfahrt haben. Er weiß den Unterschied zwischen den „Knöpfen“ für Blinde und denen für Fußgänger an den Ampeln. Er weiß, dass häufig rechts Abbieger zeitgleich mit Fußgängern grün haben und man dann besonders acht geben muss. Und dann so was.

Ich koche innerlich, Paul schüttelt den Kopf und fährt einfach los. Kann so was irgendwie besser abschütteln als ich. Und Emil rollert brav bei grün und nach der obligatorischen „Darf ich?“ Frage über die Straße.

An der nächsten Ampel hält eine Frau mit dem Rad neben mir. „Sie machen das großartig,“ sagt sie und deutet auf Emil. „Sie geben ihm Raum und Vertrauen und Verantwortung. Das trauen sich die wenigsten Eltern.“ ich sehe zu Emil rüber, der vorschriftsmässig an der Ampel hält. „Oh, danke,“ sage ich. „Wir werden dafür aber auch häufig kritisiert.“ Sie nickt nur. „Weiß ich. Die meisten Eltern lassen ihren Kindern diesen Freiraum nicht. Und erziehen sie damit zu unselbständigen Menschen.“

Wer hat Recht? Frage ich mich. Natürlich weiß das keiner. Ich finde für mich, dass ich Recht habe, sonst würde ich es anders machen. Aber dann kommen die Blicke, wenn sie denn mal stürzen. Wenn sie denn mal gegen eine schwingende Schaukel laufen, wenn sie die letzten Treppenstufen herunterfallen, oder aber mit dem Roller stürzen, während ich auf der Straße herumeiere.

Es geht mir nicht darum, aus Erfahrungen zu lernen oder nicht. Es geht mir nicht darum, wer das wie handhabt. Und wer viel Angst um seine Kinder aussteht, der sollte schon allein wegen der eigenen Anspannung vielleicht doch öfter nachsehen, ob sie nicht vom Klettergerüst fallen. Ich urteile nicht darüber, aber ich urteile über ungefragte Kommentare meinen Erziehungsstil betreffend von völlig fremden Personen, die weder mich noch mein Kind kennen. Die Emils Fähigkeiten nicht kennen, und ach nicht den Lernprozess, der seit Monaten dahinter steckt. Ich urteile über Menschen, die mich verärgern und verunsichern in meinem Tun, in dem sie behaupten, ich sei eine unverantwortliche Mutter. Menschen, die ausgerechnet Müttern das Leben schwer machen. Müttern, die 24 Stunden versuchen das richtige zu tun. Ihre Kinder nicht nur großzuziehen, sondern das auch so gut wie möglich, so respektvoll wie möglich und so liebevoll wie möglich. Die kleine Menschen großziehen wollen, die sich in diesem Falle in der Großstadt zu Recht finden. Sich den Begebenheiten anpassen können. Und lernen, sich später genauso rücksichtsvoll zu verhalten.

Und noch viel schlimmer ist es, dass ich mich einen ganzen Tag über den dummen Kommentar der Dame mit Hut aufregend kann, aber viel kürzer über den Kommentar der Radfahrerin freue.

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