Glücksmomente 9

Montag morgen, und hier ist es still. Die Katze schnurrt auf dem Sessel, die letzten Kuchenkrümel kleben noch unter meinen nackten Füßen – aber ansonsten ist alles verschwunden, der ganze Trubel des vierten Geburtstags. Jetzt ist er groß, mein Emil, und hat sich für ein paar Tage bei Oma und Opa einquartiert.

Wir haben alles mitgenommen in der letzten Woche. Die Feiern, Magen Darm Viren, Nächte, in denen man vier mal Bettwäsche wäscht und Feste mit vielen Kindern, viel Kuchen, viel Lärm und Aufregung und Freude. Wir haben gebacken, Geschenke ver- und wieder ausgepackt, Burgen aufgebaut. Geschichten geschrieben, für Ostern geschmückt. Waren keinen Tag allein Zuhause, hatten die Wohnung immer voller Menschen, haben den Garten aufgeräumt, Kohlrabi gesät und Kartoffeln gepflanzt, die ersten Erdbeeren wieder entdeckt – auch an Orten, wo wir sie nicht vermutet haben, unter anderem wild wachsend zwischen den Steinen des alten Bunkers. IMG_2527

Jetzt ist es fast erschreckend still. Nur ich und Kaffee und mehrere Maschinen Wäsche, die darauf warten zurück sortiert zu werden. Ida, die durch alle Zimmer ging, erwartungsvoll den Kopf schief legte und nach Emil rief. Draußen stürmt es und innen kehrt wieder Ordnung ein. Bücher stapeln sich überall. Momente zum Lesen. IMG_2538Ständig. Immer zu. Emils hochgetürmte Bücherstapel, Idas Bilderbücher, Pauls auf dem Nachttisch, meine in der Küche. So lange der Frühling auf sich warten lässt, wird die Zeit eben lesend genutzt.

Nach zwei großen Geburtstagsfesten von Emil, einmal mit unseren und einmal mit seinen Freunden, waren wir gestern auf der Taufe meines Neffen. In dem kleinen, verzauberten Haus tummelten sich die Menschen, hervorragendes selbst gemachtes Essen, Torten, Geschenke. Und dazwischen Emil, Ida und Helene. Völlig in ihrer eigenen Welt über Stunden und am Ende von allen gelobt für ihr gutes Benehmen und ihre einnehmenden Wesen.

„Kriegt Ida auch so eine Taufe?“ erkundigt sich Emil leise während des Gottesdienstes. „Nein,“ erkläre ich leise. „Warum nicht? Darf sie nicht?“ Darf sie nicht, überlege ich? Aber Emil denkt bereits weiter. „Wenn man so eine Herdplatte unter die Schale mit dem Wasser machen würde, so wie in der Küche, dann wäre das nicht so kalt,“ überlegt er. „Dann würden die Babys vielleicht nicht so weinen.“ Gute Idee, denke ich. „Was ist das schwarze, was Jesus an den Händen und Füßen hat“ flüstert Emil und deutet auf eine Kreuzigungsszene. Das sind Nägel, die man ihm durch die Hände und Füße geschlagen hat, denke ich und sage: „Das weiß ich nicht so genau.“ Warum mache ich das? Sind Kinder wirklich so empfindlich oder nur ich? Erziehe ich meine Kinder zur Empfindlichkeit? In denen ich ihnen verschweige, dass das Fleisch das wir essen tatsächlich von einem (wenn auch frei herumlaufenden) Huhn kommt? Und indem ich beim Vorlesen ständig in Eigenregie die Märchen ändere? Darf man Hexen in offenes Feuer schmeißen, wenn sie doch vorher Hänsel und Gretel auch nicht grade zimperlich behandelt haben? Darf man Jesus Nägel durch die Hände schlagen, wenn man nachher darüber spricht, dass es für einen „guten Zweck“ war und das er wieder auferstanden ist? Darf der Wolf die sieben Geißlein nicht nur fressen, weil er umangekündigt vor fremden Haustüren aufkreuzt, sondern darf die Ziegenmutter ihm auch ungestraft einfach so den Bauch wieder aufschneiden?

Darf und vor allem sollte ich das einem Kind sagen, dass schreit, ich solle den Fernseher ausmachen wenn man sieht, dass dort ein Kind ein anderes ärgert? Darf und sollte ich das, wenn Emil in Tränen ausbricht, wenn in einer Geschichte ein Tier stirbt? Schütze ich mein Kind vor Märchen, aber unseren Gesprächen entnimmt er, dass ein Flugzeug mit 150 Menschen abgestürzt ist? Erziehe ich mein Kind zur Weichheit, wenn ich ihm zu viele Dinge verschweige. Kann ich nicht so tun, als sei das mit Hänsel und Gretel und der Hexe einfach nur eine unterhaltsame Geschichte. Vor allem, wo ich Märchen als Kulturgut verteidige, aber dann wiederum meinen eigenen Kindern nicht vorlese?

Ich habe noch die Wahl, was ich meinen Kindern an Wissen, Kultur, Tradition und Brauch anbiete und was nicht. Ich kann Dinge verschweigen und auf andere einen nahezu übernatürlichen Wert legen. Fairness und Respekt. Die Überzeugung, dass das Gute in der Welt siegen kann. Das man beschützt und behütet wird. Und das am Ende derjenige Gutes ernten wird, der Gutes sät. Das man Rücksicht nimmt, auf Tiere wie auf Menschen. Und vielleicht auch, dass man sich vor dem Bösen hütet und zumindest literarisch durchaus fürchten darf.

An Emils Geburtstag jedenfalls lese ich eine Geschichte vor, die ich am Abend vorher noch schnell verfasst habe. Sie handelt von sechs Rittern und vier Prinzessinnen, die sich aufmachen, gegen die Ritter der schwarzen Burg zu kämpfen. IMG_4061Denn diese halten die Drachenmutter des kleinen Drachenbabys Ida gefangen. Um diese zu befreien machen sie sich auf den beschwerlichen Weg in den Besitz der Zauberschwerter zu gelangen. Denn nur diese können das Gute für immer über das Böse siegen lassen. Im Trubel des Geschehens wurden Holzschwerter bunt beklebt und verziert und niemand hat sich mehr für die letzte Seite meiner Geschichte interessiert. Aber auch das war völlig egal. Denn es wurde gelacht und getobt und sogar noch eine „echte“ Hexe in einer Burg gefunden. Was will man mehr?

Das klein Ida am nächsten morgen dann doch noch mal in die von Kuchenkrümeln klebende Küche gekotzt hat, war kein herausragender Glücksmoment, dass sie zwei Stunden später auf der Taufe schon wieder in Feierlaune war dafür umso mehr. Denn: Feste muss man feiern wie sie fallen.

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One thought

  1. hier dasselbe, der magen-darm killervirus ging durchs ganze haus und hat auch uns nicht verschont.

    kinder sind natürlich unterschiedlich sensibel und als eltern ist es gar nicht so leicht, einzuschätzen, was kann ich meinem kind zumuten, was nicht.
    in der ausbildung (zur erzieherin) wurde mir beigebracht. dass kinder sich nichts schlimmer vorstellen, als was sie auch verarbeiten können.
    also, wenn sie keine vorgefertigten bilder dazu durch bücher oder andere medien geliefert bekommen, KÖNNEN sie es sich nur so „schlimm“ vorstellen, wie sie auch verkraften.
    ich habe in einem christlichen kindergarten gearbeitet und kann diese these durchaus bestätigen (jesus am kreuz, verfolgung, verrat, trug und schwindel, ….), aber ich schließe nicht aus, dass andere eltern/kinder da andere erfahrungen damit machen. zumal man eine geschichte ja eigentlich nie wortlos stehen lässt, sondern schon ins gespräch mit dem kind darüber kommt.
    und ich finde richtig gut, wie du versuchst, dich in die beiden einzufühlen und die welt aus ihren augen zu sehen! 🙂

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