The day you were born

48Vier Jahre ist es her – heute auf den Tag genau. An diesem März Morgen um kurz vor fünf. Da lagst du in meinen Armen. Nass und neu auf dieser Welt. Da wusste ich nicht wirklich wer du bist und wer du sein wirst. Da kannten wir uns nicht und waren uns doch so vertraut. Da hab ich dich zum ersten mal in meinem Leben berührt. Und noch viel erstaunlicher: du wurdest zum ersten mal in deinem Leben berührt. Du hast zum ersten mal in deinem Leben mit deinen eigenen Lungen geatmet. Du hast zum ersten mal Luft gespürt und Licht gesehen.

Und du warst zauberhaft. Du warst großartig, du warst so groß in Deinem Wesen, dass wir es nicht greifen, fassen und begreifen konnten. Du hast uns sprachlos gemacht. Deinen ruhigen Atem auf meiner nackten Haut zu spüren. Nass, vom Wasser, in dem ich dich geboren hab. Du hast in die Welt gesehen und gestaunt. Du warst so viel mehr, als alles was ich je zuvor gesehen habe. Du warst so viel mehr, als ich jemals gespürt habe. Wir kannten uns eine halbe Minute und ich hätte dich nie wieder hergeben können.

Einen Tag später habe ich Dir Dein neues Leben gezeigt. Haben wir Dich die Treppen hinauf getragen, die ich weniger als 48 Stunden zuvor mit dem dicken Bauch um kurz nach Mitternacht hinunter gestiegen bin. Drei Jungs aus der WG von über uns kamen in der Nacht an mir vorbei. Erzählten von einer Party zu der sie aufbrachen. Waren angetrunken und voller Tatendrang. Wollten raus in die Welt. „Und du?“ fragten sie. „Ich?“ Ich sah sie einen Moment an. „Ich bekomme grade ein Kind.“28

Ich habe Dich immer nur angesehen. Ich habe nicht geschlafen. Ich konnte nicht aufhören dich anzustarren. Deine kleinen Finger zu berühren. Ich habe dich aus deinem kleinen Bettchen gehoben und zu mir gelegt. Dein entspanntes Gesicht angesehen, während du schliefst. Ein Gesicht, dass ich noch nie zuvor gesehen hatte. Wie sollte ich mich daran satt sehen?

Als um kurz nach Mitternacht die Fruchtblase platzte, da wusste ich, ich würde dich in einigen Stunden sehen und halten können. Ich hatte keine Angst. Nur eine unbändige Vorfreude. Eine nahezu hysterische Aufregung. Es gab kein zurück mehr. Du würdest auf die Welt kommen. Wie soll man sich in so einem Moment nicht freuen?

Du kamst in einer Nacht in der alle Kreißsäle bereits belegt waren. In einem fliederfarbenen Vorwehenzimmer, in einer Badewanne hab ich um mein Leben geschrien. Aber nie bedauernd. Nie klagend. Mein Körper war mir fremd und doch so unglaublich vertraut. Ein Instinkt hatte von mir Besitz ergriffen. Mein Kopf hatte keine Entscheidungsgewalt mehr. Bis zu dem Moment, wo du in Blut und Wasser schwammst. Und auf meine Brust gelegt wurdest. Und alles, wirklich alles war es Wert gewesen. Zwei Jahre später würde ich Ida genau hier, in dieser Wanne zur Welt bringen. Weil es sich richtig angefühlt hatte.IMG_9199

Ich sitze noch heute an deinem Bett und sehe dir beim schlafen zu. Ich denke noch heute oft, dass ich dich noch immer nicht kenne. Das du dich jeden Tag veränderst. Eine Freundin hat einmal gesagt, die Charakterzüge, die ein Neugeborenes in seinen ersten Wochen zeigt, die werden sich ein Leben lang durchsetzen. Ich erkenne vieles in Dir. Die Ruhe, die ständige Suche nach Nähe, aber auch die Wut und Ungeduld, wenn etwas nicht sofort so läuft wie du es dir vorstellst.

Niemals wird mein Leben wieder so sein, wie vor dir. Mit Dir fühle ich mich erfüllt. Mit Dir fühle ich mich gebraucht und entwickele ein unerschöpfliches Potential an Liebe. Mit Dir habe ich gelernt Dinge zu fühlen, die ich niemals zuvor gespürt habe. Dinge zu sehen, die ich zu sehen verlernt hatte. Die Zeit, die Geduld, die Langsamkeit neu zu entdecken. Aber auch die Angst zu spüren. Die Angst vor Verlust. Und die Angst um Dich.

Mit dir habe ich gelernt Paul mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht ein wenig gelernt, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Aber auch vieles neu zu betrachten, Gemüse zu pflanzen, damit du es ernten kannst, Wälder zu finden, damit du sie entdecken kannst, Bücher zu kaufen, damit du sie lesen kannst, Lieder zu hören, damit du sie mitsingen kannst.

Vier Jahre, von denen ich keinen Tag missen möchte.

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8 thoughts

  1. MIr sagte neulich ein fünfjähriges Mädchen „ein Wunder ist eine Wunderkeit, die überrascht und glücklich macht“…….Recht hat sie…….Lass dich feiern kleiner Emil! Du dich auch miri!

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  2. ein wunderschöner liebesbrief zum geburtstag! alles gute kleiner emil! 🙂

    es ist immer wieder toll und schmerzlich von solchen erfahrungen zu lesen.
    weil ich die erste tage und wochen so ganz anders erlebt habe.
    weil ich glaube dass man von dem wunder des ersten kennenlernens noch lange (hätte) zehren kann.
    aber jetzt komm ich allmählich dazu, die zeit mit dem mir anvertrauten kleinen menschen wirklich zu genießen 🙂

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