Glücksmomente 8

Ida steht Kopf und wenn man krank ist, ist das kein Glück IMG_2471 2 Ida versteht die Welt nicht mehr, eben war noch alles gut und dann kotzt man die Küche voll. Der eigene, eh grade erst kennen gelernte Körper, wird zum Fremdkörper. Zu einer Art Feind. Grade hat man gelernt Körperteile zu koordinieren, die Füße sind zum Laufen da, die Hände zum greifen, die Finge für filigranes. Und Zack, macht der Körper was er will. Weil Ida ganz und gar nicht versteht, was das soll, beobachtet sie das Ganze aus einer völlig anderen Perspektive. Überkopf. Seit drei Tagen leidet Ida an einem Magen Darm Infekt und die meiste Zeit davon verbringt sie „Überkopf“. Was genau ihr diese Perspektive bringt, wissen wir nicht, aber allem Anschein nach, eröffnet sie Ida einen ganz neuen Blick auf sich, die Welt und ihren Körper. Wenn man krank ist, hat das wenig mit Glück zu tun. Findet auch Ida. deshalb schreit sie auf dem Weg zum Flohmarkt, und Zuhause. Deshalb will sie drei Tage nur auf den Arm, ich darf mich aber NIEMALS setzen. Ich soll laufen, gehen, in Bewegung bleiben. Hin und wieder dirigiert Ida mit dem Finger die Richtung. Nachts hingegen hat sie beschlossen zwei bis drei Stunden nicht zu schlafen. Ich hingegen bin hundemüde. Dafür erreicht mich eine WhatsApp Nachricht meiner Schwägerin, die folgende Entdeckung gemacht hat: IMG_2588IMG_2592 IMG_2589 In der aktuellen „Eltern“ wird der „Emil und Ida“ Blog zum Thema „Zweites Kind“ gleich als erstes vorgeschlagen. Ich habe mich tierisch gefreut. Nach 5 Monaten Bloggens gleich so eine Referenz! IMG_2528 Dennoch beobachte ich sie gerne. Grade jetzt, wo Dinge mit ihr und ihrem Köper passieren, die ihr fremd sind. Die sie nicht steuern kann. Ich sehe ihr zu, wie sie sich immer wieder „Überkopf“ stellt. Als wolle sie die Dinge neu wahrnehmen. Als würde sie verstehen, dass sich etwas geändert hat. Und als würde sie daraus schlussfolgern, dass auch sie eventuell etwas ändern müsse – und sei es nur die Perspektive. Ida war aber nicht die ganze Woche krank. Zu Beginn der Woche lies sich die Sonne blicken und wir gehen wieder viel zu Fuß. Morgens die 3,5 km zum Kindergarten zum Beispiel. Emil bemerkt jeden knospenden Baum, jede Blüte, jedes keimende grün und freut sich. Unser Leben verlagert sich nach draussen und kreuzt wieder viel mehr Menschen, als in den Wintermonaten. Kinder, die man zu letzt im Herbst gesehen hat – bevor alle sich in ihre Winterquartiere zurück gezogen haben – sind gewachsen. Mütter freuen sich. Es gibt viele Gespräche, viele Veränderungen. Im Kindergarten findet das Leben wieder draussen statt – die Eltern, mit wehmütigem Blick, die Kinder unbedarft, unschuldig, ohne Hintergedanken. Das der Kindergarten schließen wird, wissen sie noch nicht. Sie tun das, was wir alle tun sollten. Sie leben in den Tag hinein. IMG_2506Paul und ich gehen Mittwoch zu „Feels like home“, einer Konzertreihe initiiert von Freunden. Wir trinken Wein, genießen. Aber wir stellen auch fest: seit wann gehen wir auf Konzerte ohne diverse Menschen zu kennen? Haben wir uns verändert oder die anderen? Hat das „Eltern sein“ uns doch von dem ein oder anderen getrennt, und haben unsere Leben sich auseinander gelebt? Ab Mittwoch wird das Wetter schlechter. Wir laden Freunde ein. Die beste Alternative für schlechtes Wetter. Die Wohnung ist voll, immer sind vier bis fünf Kinder da. Überall herrscht Chaos, aber auch eine Atmosphäre des Lachens, der Unbekümmertheit. Wir backen Muffins und Brote, wir kochen, basteln lesen. Die Kinder bauen sich ihre eigenen Welten. Abends füllt sich die Küche mit bis zu 10 Menschen, überall wird gebacken, Wein getrunken, Musik gehört und Kinder gefüttert, geliebt und am Leben teilhaben gelassen. Viele Freunde wohnen so nah, dass man vergessene Milchfläschen und Kinderjacken noch schnell auf Socken hinüber tragen kann. Kühl ist es, dunkel aber auch erwartungsvoll. Der Frühling sitzt in den Ecken und wartet nur auf seinen Durchbruch. IMG_2526 In  ruhigen Momenten, zwischen Arbeit, Haushalt, Kindern gilt es aber dennoch Dinge zu erledigen. Wo sollen wir Emil und Ida lassen, wenn der Kindergarten wirklich für immer seine Tore schließt? Diverse Kindergärten bieten ihre Plätze an. Kindergartenmangel? Kein Hamburg typisches Problem. Wir würden viele Plätze bekommen, nur nicht die, die wir wollen. Im Umkreis von einem Kilometer werden dutzend Kindergärten ausgespuckt. Wir wollen keinen davon. Wir wollen unseren. Emil weiß von alledem nichts. Stolpert mal mehr male weniger unbeholfen in seine Zukunft, ohne sich Gedanken zu machen. Und das ist gut so. Und wir werden abwarten und abwägen. So vieles kommt in Frage und doch nichts von allem. Wir sind unsicher und frustriert. Kann man sich nicht sagen: Ist doch nur ein Kindergarten? Leider nicht. IMG_2508 2Die kalten Tage verlagern unser Leben noch einmal nach drinnen und ich lehne fast alle Veranstaltungen und Treffen ab. Nicht nur wegen Idas Krankheit. Paul arbeitet und ich genieße die Zeit. Einfach nur Zeit. Ohne alles. Die Kinder spielen, ich lese. Wir frühstücken lange, die Kinder spielen wieder. Wir beschließen in die Bücherhalle zu gehen, zwei Stunden sind wir immer noch Zuhause – weil sie spielen. Ich muss sie nicht hetzen. Ich muss keine Jacken überstreifen, sie in Buggys oder Fahrradanhänger stecken. Die Zeit gehört uns. Mit Kaffee und heißem Kakao. Mit Nieselregen vor dem Fenster und später in unseren Haaren. Mit und ohne Freunde. Aber immer mit Zeit. 48 Stunden Wochenende nur für uns. Niemand der auf uns wartet. Niemand dem wir etwas schuldig sind. Wir graben im Garten, wir basteln und lesen, fahren mit dem Rad zu Kirchplatz und wieder zurück. Wir sind für uns da – nur für uns. Und unser Leben verlangsamt sich. Und reduziert sich. Auf das Wesentliche. Nur auf uns. Und das ist für einen Moment das allergrößte Glück.

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One thought

  1. Zurecht wird dieser wundervolle Blog derart in der Eltern erwähnt. Ich freue mich für dich mit, denn ich lese schon lange die verschiedensten Blogseiten , aber deiner ist mit Abstand der Tollste. Er sticht einfach heraus mit so liebevoll geschriebenen Texten , mit so viel Wärme und schönen Erzählungen über ein Leben, in dem man sich als fremder Leser irgendwie so wohl fühlt 🙂 liebe Grüße, Melanie

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