Über den Wert von Familie oder Willkommen, kleines Julchen

ichFamilie – ein ganz eigenes Thema. Umgibt uns, fängt uns, trägt uns. Erst in dem Moment wo wir eine eigene Familie gründen sind wir wirklich bereit uns abzunabeln. Aber die Verbundenheit bleibt. Und unsere Kinder mit unseren Eltern zu sehen erfüllt uns mit so viel Wärme. Manchmal beobachte ich meine Eltern mit Emil und Ida. Und dann sage ich mir: So muss es auch gewesen sein, als ich drei war. ich erinnere mich nicht. Aber jetzt kann ich es sehen. Wie viel Geduld sie hatten. Wie viel Liebe, wie viele Ideen, wie viel Zuneigung. Wir lernen unsere Familie immer wieder neu kennen. Wir sehen unsere Eltern und Geschwister immer wieder mit neuen Augen. Sie sind nicht dieselben, wie wir sie als kleine Kinder wahrgenommen haben. So groß und unfehlbar. Sie sind nicht dieselben wie in der Pubertät, so störend, bremsend und verständnislos. Sie sind nicht dieselben wie die, die uns durchs Studium geführt haben, bei Liebeskummer aufgefangen haben. Einem ständig aus selbstverschuldeten Situationen wieder rausgeholfen haben. Heute sind sie Großeltern und doch noch viel mehr die Eltern, wie wir sie nie sehen konnten. Als könnten wir einen Teil unseres Lebens noch einmal von außen betrachten. Die Gesten, Berührungen, die gemeinsamen Momente. Wie sie versucht haben beim Plätzchen backen zu verhindern, dass wir Kinder den Teig aufessen. Wie sie in meinen Augen ständig am Garten gearbeitet haben, aber jetzt weiß ich, dass sie ständig gucken ob nicht eines der Kinder in den Teich fällt.

Familien sind unterschiedlich. Meine ist anders als Pauls, und meine mit Paul ist anders als die meines Bruders mit seiner Frau. Keine ist gleich und das ist gut so. Alle nehmen das mit, was ihnen wichtig erscheint. Alle trennen sich von dem, was überflüssig war. Alle tun aber im Stillen doch sehr vieles genauso, wie meine Eltern es bereits getan haben.

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Seine eigene Familie zu haben macht einen nicht autark. Wir umgeben uns mit Freunden, die kein Familienersatz, sondern wie eine Vergrößerung der Familie sind. Menschen, die ganz eng an unserem Leben teilhaben. Die unsere Kinder lieben und umgekehrt. Die bei uns ein und aus gehen. Wir suchen uns die Menschen selber aus, mit denen wir unser Leben teilen. Aber mit der Familie verbindet uns noch mehr. Eine gemeinsame Vergangenheit. Eine gemeinsame Zeit aus Glück und auch Unglück. Aus Liebe, Vertrauen aber manchmal auch Entfremdung. Aber tief in unserem Herzen wissen wir, dass sie zu uns gehört. Das wir sie niemals missen möchten. Und das wir die Momente lieben, wo die vertrauten Gesichter im Licht der Scheinwerfer auftauchen und winken. Wo sie an erleuchteten Küchenfenster stehen und uns in Empfang nehmen. Wo immer eine große Portion Glück im Raum schwebt – das Glück das wir uns haben. Uns sehen. Unsere Leben miteinander teilen.

Und dann kam Julchen. Seit acht Monaten ist sie auf der Welt mit ihren großen freundlichen Augen und wir hatten sie noch nie gesehen, die zweite Tochter von Pauls Schwester. Manchmal rennt die Zeit einem aber auch davon. Paul, erst in der Chirurgie nahezu unabkömmlich, kaum von uns gesehen, geschweige denn von anderen Menschen. Dann die sechs Tage Woche. Täglich ein luxuriöses bisschen mehr Zeit, aber auf die Summe gesehen noch immer sehr viel. Die vielen Freunde, die vielen Kurztrips, Ausflüge, Fotoprojekte. So zogen die Wochen und Monate ins Land und klein Julchen wuchs und gedieh und das im fernen München ohne je in die Gesellschaft von Emil und Ida zu kommen. IMG_2355

Dieses Wochenende robbte klein Julchen aufgeweckt und voller Entdeckerlust auf Ida zu. Emil streichelte ihre weichen hellen Haare und Ida reichte ihr großzügig ihre Kekse weiter. Familie entsteht auch durch Kommunikation. Sie hatten sich nie gesehen, aber wir haben erzählt und Bilder gezeigt. Nie gab es Zweifel daran, dass dieses kleine fröhliche Mädchen zur Familie gehörte und schon in ein paar Monaten eine richtige Freundin für Ida sein würde.

Wir haben alle unsere eigenen Leben. Wir arbeiten, wir leben, wir reisen, wir organisieren. Aber wir sollten nie vergessen, unsere Leben mit denen zu kreuzen, die uns wichtig sind. Wir sollten nie vergessen, dass das Leben vergänglich ist. Wir sollten nie die Momente verpassen, in denen wir alle beisammen sein können. In denen drei und mehr Generationen an einem Tisch beisammen sind. Wir sollten nicht zu oft darüber nachdenken, wie wir diese Treffen einrichten, organisieren, umsetzen können. Wenn sie da sind, sollten wir sie genießen. Und unseren Eltern jeden erdenklichen Moment bieten mit unseren Kindern zusammen zu sein. Für ihr Glück, aber vielleicht noch ein bisschen mehr für das Glück unserer Kinder. Um zu lernen, dass es ein Netz gibt, dass uns auffängt und umgibt, egal was das Leben bringt. Eine Sicherheit, die nie versiegt. Aber auch ein Pool an Ideen, an Möglichkeiten und Inspirationen. So viele unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Lebens- und Erziehungsvorstellungen. Die wir vielleicht ablehnen, aber viel öfter auch aufnehmen können.

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Meine Eltern haben in vier Jahren fünf Enkel bekommen. Fünf Kinder, die hoffentlich ihr Leben lang miteinander verbunden sein werden. Auch und grade, weil sie ihre Kindheit zusammen verbringen sollen, so oft es uns möglich ist. Fünf Kinder in unterschiedlichen Städten, in unterschiedlichen Bundesländern, die genau wissen, dass sie zusammen gehören. Weil sie spüren, dass ihre Eltern zusammen gehören und ihre Großeltern. Die Dinge voneinander lernen können. Die Stadt- und Landkinder werden. Die lernen werden, welche Bedeutung Familie hat und auch lernen werden, welche Bedeutung Freundschaften haben. Alles braucht Zeit und Wertschätzung.

Emil und Ida werden Klein-Julchen und ihre Schwester im April schon wieder sehen. Das letzte mal haben sie sich im Oman gesehen. Aber Emil spricht immer von „Kaui“, die damals auch erst neun Monate alt war. Die nächste Familienreise wird uns in Italien wieder zusammenführen. Auch meine Eltern und Pauls Vater und den Großvater vom kleinen Julchen. Drei Generationen, drei Familien, die sich nur kennen, weil ihre Kinder zusammen gefunden haben. Die jetzt etwas verbindet – vier wunderbare kleine Kinder. Vier Enkel, die gemeinsam über die Wiesen laufen sollen.

Jeder hat seine eigene Familie und seine eigene Geschichte – und nicht alle sind gut. Jeder muss sich sein Leben so zusammenbauen, wie es am besten passt. Nicht jeder sucht die Nähe zu den Eltern und Geschwistern. Und vielen ist dies auch nicht zu verübeln. Es gibt so tragische, lieblose, anstrengende Familiengeschichten.

Ich kann nur versuchen, das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und unendlicher Liebe so weiterzugeben, wie ich es erfahren habe. Und Paul. Wir sind uns nicht immer einig darin, wie wir unsere Kinder erziehen. Wir schmipfen nicht gleich viel, nicht gleich laut. Wir stellen unterschiedliche Regeln auf. Wir fokussieren auf andere Dinge. Aber wir ergänzen uns auch. Wir bieten ihnen genau das, was uns mal wichtig war. Mir andere Dinge als Paul als Kind. IMG_2394

Ja, wir würden für unsere Familie bis ans andere Ende der Welt fahren wenn es nötig wäre. Jederzeit. Aber bis zu Klein-Julchen nach München haben wir es noch nicht geschafft. Umso schöner war es, sie genau da zu sehen, wo alles zusammengeführt wird. Im Haus von Pauls Vater. Und wenn wir unseren Eltern zusehen, wie sie unsere Kinder in den Armen halten, und dann vor Rührung manchmal den Tränen nahe sind, dann haben wir glaube ich ziemlich sicher alles richtig gemacht.

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