Was uns zusammen hält

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Ein letzter „Meilenstein“ des Buchprojektes (https://emilundida.com/buch-projekt/) liegt hinter uns und eine Reise geht genau dort zu Ende, wo sie begonnen hat. Auf einem Bauernhof in Niedersachsen, gesäumt von alten Eichen, mit großäugigen Kälbern und gepflastertem Hof auf dem sich die Katzen sonnen. Hier ist es still, als sei die Zeit stehen geblieben. Mein Lieblingszeitzeuge bemerkte einmal: „Die hohen Bäume, die ich jetzt dort stehen sehe, wo ich geboren wurde, die sind doch gar nicht wirklich alt. Die Russen haben doch alles platt gemacht. Sie kamen erst danach und hatten 70 Jahre Zeit zu wachsen“

Die Bäume aber, die die Strasse zum Hof säumen, die sind viel älter. Die haben all das erlebt, was hier vor siebzig Jahren passierte. Es ist der 9. März. Vor genau 70 Jahren hat der Flüchtlingstreck meiner Großmutter hier endlich ein Ende gefunden. War „angekommen“, in der Fremde, mit dem Gewissen, dass es für sie keine Heimat mehr gab.

Und weil 2 Millionen Flüchtlinge untergebracht werden mussten, gab es kein Mitspracherecht. Und nur das Schicksal entschied. Und es entschied richtig. Es brachte Menschen zusammen, die sich fremd waren. Und die bis an ihr Lebensende zusammen blieben.

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Was uns zusammen hält? Blut, Verwandtschaft und Liebe. Letzteres lässt sich nicht erzwingen – auch in der Verwandtschaft nicht, auch durch Blut nicht. Letzteres ist frei und lässt so viele Kombinationen zu wie Sand am Meer. Wen wir lieben entscheiden wir selbst.

Und so kommt es, dass vier Generationen zusammentreffen, auf einem Hof in Niedersachsen, der einst das „neue“ Leben meiner Großmutter eingeleitet hat. Und zwei alte Frauen nehmen uns in Empfang so herzlich und voller Zuneigung, dass es fast schmerzlich erscheint. Meine Mutter, mich und meine Kinder. Und als sie selber jung waren, haben sie damals meine Großmutter in Empfang genommen, und ihre Eltern und Geschwister. Und an diesem 9. März, auf den Tag genau siebzig Jahre später, fühlt sich alles richtig an. IMG_1127Die Kinder essen Kekse und streicheln Kälber. Sie lachen und rennen den Hunden hinterher. Sie wissen nicht, warum sie hier sind. Sie wissen nicht, was uns verbindet. Sie wissen nicht, welche Freude sie in dieses Haus bringen. Als vierte Generation. Als Urenkel. Als Weiterführung einer langen Geschichte.

Wir sehen uns ein Schulmuseum an. Emil betrachtet Kreuzottern in Spiritus, Melkschemel und Schiefertafeln. Er fragt viel, läuft von Raum zu Raum und kann dennoch nicht ganz greifen, was das alles soll. Hat er doch noch nie wirklich eine Schule gesehen. Die Unterschiede sind ihm längst nicht so deutlich wie uns. Alte Wandbilder, Karten, Nazi Symbole auf Geschirrtüchern. „Ist das der Krieg?“ fragt Emil und deutet auf ein schwarz weiß Bild. „Ja,“ sage ich. „Kommt der noch mal zurück?“ ich sehe ihm nach wie er vor läuft. „Ich hoffe nicht,“ sage ich leise.

Was uns zusammen hält? Vielleicht am meisten der Wille, den Zusammenhalt zu wollen. Zu entscheiden, mit wem wir unser Leben verbringen, mit wem wir Zeit teilen wollen. Menschen, die uns aus irgendeinem Grunde wichtig sind. Und dieser Teil ist mir so fremd und doch so wichtig. Eine Familie, zu der uns keine verwandtschaftlichen Bande ziehen, aber die einen so wichtigen Part in unserer Vergangenheit eingenommen hat. Menschen, die ich vielleicht als Kind im Beisein meiner Oma mal besucht habe, deren Gesichter ich nicht wieder erkannt hätte, aber die so voller Liebe und Dankbarkeit waren. „Der neunte März war immer ein Feiertag bei uns,“ sagen sie zum Abschied. Ein Feiertag. Kann man etwas liebenswerteres darüber aussagen, gezwungen zu werden eine ganze Flüchtlingsfamilie aufzunehmen und über Jahre mit durchzufüttern?

Die Kinder winken. „Kommt bald mal wieder!“ rufen die beiden zurück bleibenden Gestalten im Schatten der hohen Bäume. Das werden wir. Meine Mutter und ich verabschieden uns am Auto. „Das war aber schön,“ sagt sie. „Ja,“ sage ich. „Lass uns den neunten März zum Feiertag machen.“ Wir lächeln beide.

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