Glücksmomente 6

Die ersten beiden Tage der Woche bin ich voller Wut und Frustration und Trauer. Im ersten Moment weiß ich nicht, warum ich die Kinder ständig anschreie, warum es mich bis aufs Blut nervt, wenn sie ein Glas Wasser umstossen, oder Emil trödelt wenn er seine Jacke schnell anziehen soll. Ich fluche im Auto, ich sitze auf dem Sofa und starre gegen die Wand. Und ich lese. Bildschirmfoto 2015-03-08 um 20.52.29Den ganzen Tag. Stundenlang. Ich lese ein Buch nach dem anderen. Ich lese mich durch Flüchtlingsberichte, durch so viele Leben, so viel Leid und Elend. Und ich weine. Ich sitze in Cafés über meinen Büchern und weine. Manchmal muss ich sie weglegen. Dann gehe ich irgendwann los und hole die Kinder ab und ich müsste so glücklich und dankbar sein, ich müsste mich so auf sie freuen. Auf diese beiden Wesen, die ich niemals bei Minus 26 Grad durch den Schnee schleppen musste, die leben, in einem Land ohne Krieg und Folter und Tot und Hunger. Aber erst am Abend merke ich, wie wütend und verzweifelt mich die Recherche macht. Ja, ich müsste dankbar und glücklich sein. Aber innerlich verzweifle ich an dem ganzen Elend von dem ich lese. Am Dienstag Abend sind wir auf der Geburtstagsparty von Gretas Mutter. Endlich mal wieder nur Paul und ich. Als einzelne Menschen, jeder für sich. Nicht als ein Elternpaar. Wir essen gut, trinken Wein, führen Unterhaltungen mit vielen spannenden Menschen. Als wir uns kurz vor elf auf den Heimweg machen, sitzen wir im Nieselregen an der Bushaltestelle, aneinandergekuschelt. Wenn wir ohne die Kinder sind, fühlt es sich so schnell wieder an wie früher. Und ich erzähle ihm eine Geschichte, die mir nicht aus dem Kopf geht. Und weil sie mir nicht aus dem Kopf geht, werde ich sie teilen, auch wenn sie so ganz und gar nichts mit Glück zu tun. Uns aber vielleicht die Augen für all das öffnet, was wir haben. Es geht um eine Familie mit sechs Kindern. Sie sind seit Monaten unterwegs- bei Minus 26 Grad. Es ist der Winter 1944/45. Die Russen sind dicht hinter ihnen. Alles, was ihnen wichtig war hatten sie versucht auf dem Pferdewagen unter zu bringen. Ein ganzes Leben auf einem einzigen Wagen. Es schneit, es ist kalt. Alle Kinder und die Mutter sitzen auf dem Wagen. Nur der Vater geht vorweg und eine Schwester hinterher. Es gibt nur noch den Weg übers Eis. Tausende Menschen suchen diesen letzten Ausweg. Aber das Eis ist brüchig und die Bombenkrater sind nicht richtig zugefroren. Niemand weiß, wo es hält und wo nicht. Sie müssen knapp 27 Kilometer übers Eis. In den Löchern links und rechts neben den Trecks schwimmen die Reste versunkener Wagen, tote Körper und Pferde. Und dann bricht das Eis. In Sekunden rutscht der ganze Wagen in die schwarze, kalte Tiefe. Der Vater und die Schwester reißen im letzten Moment an den Zügeln der Pferde, sie kämpfen, versuchen sich auf dem glatten Eis wieder hochzuziehen. Hoffnungslos, aber kurze Momente in denen die Mutter es schafft 4 der Kinder an Land zu retten und sich selbst. Nur die Letzte wird mit den Pferden in dem Eisloch versinken. Sie wäre bald zwei geworden. Sie berichten, dass eine gespenstische Stille die Familie weiter getrieben habe. Immer weiter, nass und kalt und voller Angst und Fassungslosigkeit, bis ans Ufer der Frischen Nehrung dem letzten Streifen Hoffnung. Es ist Nacht. Aber das Krachen verät ihnen immer, wenn wieder ein Wagen mit einer Familie voller Leben im Eis verschwindet. Als der Vater seine Familie sicher am Ufer weiß, macht er kehrt. Er geht zwischen den Kratern, den Eislöchern und den wieder startenden Tieffliegern zurück bis zur Unglücksstelle. Und er zieht das tote Kind aus dem Wasser und trägt es in eine Decke gehüllt bis ans Land.  Und ich weiß, wir müssen dankbar sein. Und ich versuche endlich mit all der Recherche abzuschließen. Es reicht. Ich merke, dass mein Limit erreicht ist. Ich habe genug gelesen, genug Filme gesehen, genug Dokumentationen, genug in Archiven geblättert. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich weiß, dass ich mich wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren muss. Und Mittwoch morgen wache ich auf und mache das. Ich sehe die beiden an und freue mich. Ich freue mich auch an falsch rum angezogenen T-Shirts, an dem Drama das entsteht, weil ein Polizei Auto nicht gefunden wird, an dreckiger Wäsche und an einem langen Spaziergang mit Ida durch den Regen. Ich freue mich, weil mir ganz bewusst ist, was ich habe. Und jetzt kommen aber wirklich die Glücksmomente: Am Mittwoch liege ich im warmen Wasser im Dino Bad, sehe durch die riesigen Scheiben in den Hamburger Dauerregen hinaus und kurz darauf wie Ida alleine rutscht. In mir ist eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit eingekehrt. Fast, als würde ich so unbedarft im hier und jetzt leben wie Ida. Unermüdlich steigt sie Stufe um Stufe hoch. Wird von anderen Kindern überholt. Kümmert sich nicht. Erreicht endlich ihr Ziel, setzt sich ganz vorsichtig hin, strahlt, rutscht die Rutsche runter ins Wasser. Beginnt von vorn. Ich könnte ihr ewig zusehen. Paul und Emil toben zwischen den Dinos herum. Wenn Emil kurz vorbei kommt, fängt er Ida beim rutschen auf. Ida strahlt. Als wir Donnerstag erst gegen frühen Abend nach Hause kommen, ist Ida bereits im Fahrradanhänger eingeschlafen. Ich koche Emil ein Essen, ziehe mich parallel um, stecke die Haare hoch, gieße Nudeln ab, fülle Wasser in Kinderbecher, suche die Theaterkarten, nehme die Babysitterin in Empfang, Küsse Emil zum Abschied und mache mich mit Paul auf den Weg ins Theater. Hamburg ist kühl, aber wunderschön, die Stadt leuchtet ganz aus sich heraus. Menschen schieben sich noch über die Straßen, die Alster leuchtet, wir finden einen Asiaten, der das Essen schnell serviert. Zwischen Essen und Theaterbeginn ist nicht mehr viel Zeit. Vor dem Thalia Theater überall Menschen auf dem Gehweg. Wir steigen die Stufen empor, Hand in Hand, es riecht nach Theaterluft, nach etwas klassischem aber nicht greifbarem. Und dann das. Überall Aushänge an den Glastüren: Die Aufführung fällt krankheitsbedingt aus. Als Alternative wird „Tschick“ aufgeführt. Paul zögert, ich nicht. Ich habe „Tschick“ gelesen. Ich habe auch durchaus mit dem Gedanken gespielt es zu sehen. Aber nicht heute. Ich war auf „Moby Dick“ eingestellt. Und man kann es tatsächlich so sagen: Ich hasse es, wenn Abende nicht so laufen, wie ich sie mir vorgestellt habe. In meiner Abendplanung war „Tschick“ nicht vorgesehen. Bildschirmfoto 2015-03-08 um 20.40.36 Wir gehen stattdessen Wein trinken im „Vesper“ bei uns um die Ecke. Wir reden lange und gut und fast gar nicht über die Kinder. Für einen Moment sind wir wieder Paul-und-Miri wie früher. Wir schlendern durch das nächtliche Eimsbüttel nach Hause und freuen uns trotzdem. Freitag morgen erledige ich Tausend Dinge. Ich schreibe Rechnungen, mache Aufträge fertig, akquiriere Models für Projekte und die letzten wichtigen Termine für das Buchprojekt. Je mehr man schafft, desto gestärkter scheint man für den Tag. Am Nachmittag gehe ich mit den Kindern ins Zoologische Museum. Greta kommt auch mit. Ich schäme mich bei dem Gedanken, dass ich noch nie zuvor mit Ida hier war. Als Emil so alt war wie sie, war ich in den Herbst und Wintermonaten nahezu einmal die Woche hier. IMG_0576 Wir kommen so spät nach Hause das wir es grade noch schaffen mit Paul zu essen – dann verschwindet der zum Nachtdienst. Und ich teile mir mal wieder das Bett mit Emil. Wieder liegt ein Wochenende ohne Paul vor uns. Aber immerhin die Sonne lässt sich blicken – zumindest ein bisschen. Wir packen alles für ein Picknick ein und fahren mit dem Rad zum Zoo. Ich bin eine äußerst langsame Radfahrerin mit dem Anhänger und völlig zu Recht konstatierte Emil irgendwann nachdenklich: Komisch, es kam mir noch nie so lang vor bis zum Zoo. Es reichte um Ida einschlafen zu lassen, gebettet auf Schaffelle und in Decken gehüllt. Wir bewegen uns langsam im Zoo, lassen immer die anderen vorbeiziehen. Manchmal verweilen wir irgendwo eine Stunde, essen, reden, beobachten. Bei anderen Tieren bleiben wir nur kurz – zum Beispiel wenn ich beide Kinder hochheben muss, damit sie etwas sehen können. Manchmal lüge ich auch kurz: Oh, gar kein Löwe draussen heute, dann gehen wir eben weiter. Denn wenn man erst mal hochgehoben wird, will man so schnell auch nicht mehr runter. IMG_0773 Und dann: überrascht uns der Frühling. Am Sonntag (Sonntag, wegen SONNE, erklärt Emil, und Montag wegen Mond. Mondtag. Weiß doch jedes Kind!) Die Welt steht uns offen und wir verlassen morgens das Haus um erst Abends zurückzukehren. Wir schlendern am Weiher, treffen Freunde auf dem Weiher-Spielplatz, füttern Enten, staunen über Flächenweise bunter Krokusse. Die Kinder spielen Fußball auf Gehwegen, Plätzen und unserem Garten. Gießen Blumen und pflanzen Gemüse. Im Niendorfer Gehege sehen wir dem Damwild zu, Picknicken auf bunten Decken in der Sonne, die Wiesen sind bevölkert mit spielenden Kindern. Es riecht nach Holzkohle und beginnendem Frühling. Aber im Stillen wissen wir alle: Die Freude über den einkehrenden Frühling wäre nicht annähernd so groß, wenn wir vorher nicht den Winter hätten! IMG_0818  IMG_0996  IMG_1037 Wer mehr Glücksmomente anderer Blogger lesen möchte kann das auf http://www.mamamiez.de/2015/03/08/gluecksmomente-102015/

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