Dürfen zwei Kinder weniger als eins?

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Manchmal haben wir ganz gute Ideen, aber die Umsetzung wird zum Organisations-Act und manchmal drücken wir uns vor Dingen, die gar nicht die Tücken bergen, die wir darin sehen wollen. Und das führt manchmal zum typischen Zweitgeborenen-Phänomen.

Als Emil klein war durfte er zum Eltern-Kind-Turnen. Man konnte ihn loben und aufmuntern, ihn hochheben, auffangen, einfangen. Man konnte ihn ohne weiteres an- und ausziehen, mit dem Buggy dahin transportieren und ihm eine Banane und ein Wasser mitnehmen. Als Ida klein war (bzw. ja immer noch klein ist) durfte sie auch zum Eltern-Kind-Turnen. Die ersten Monate wurde sie zwischen Bänken und Matten einfach abgelegt. Oder schnell mit dem Tuch auf den Rücken gebunden. Danach durfte sie mit krabbeln und klettern, aber ständig wurde sie von Bänken, Kästen und Matten wieder weggenommen und mitgeschleppt. Schließlich musste man im Auge behalten, was Emil so treibt. Man musste gucken, wie man zwei Kinder die nicht die ganze Strecke laufen mögen, zur Turnhalle bekommt. Man musste genug zu Essen und zu Trinken dabei haben und immer aufpassen, dass nicht einer weglief, so lange man den anderen grade an- oder auszog.

Als Emil klein war gingen wir regelmässig zu „Gedichte für Wichte“. Emil hat es geliebt. Hat mitgesungen, Bücher durchgeblättert, sich gefreut. Ida war noch nie bei „Gedichte für Wichte“. Weil ich nicht weiß, was Emil in der Stunde machen soll. Baby Bilderbücher angucken?

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Als Emil klein war gingen wir in den Herbst- und Wintermonaten nahezu jede Woche einmal ins Zoologische Museum. Von unserer alten Wohnung, die mitten im Uni-Viertel lag, was das Museum nur zwei Häuser entfernt. Emil kannte jedes Tier, jeden Winkel. Mit Ida war ich bis gestern noch nie da. Weil ich nicht wusste, ob ich die Nerven hatte, zwei Kinder davon abzuhalten die Artefakte zu berühren. Zwei Kinder zu ermahnen leise zu sein. Nicht zu rennen. Bloß nichts umzustossen. Ob ich es schaffen würde Emil weiterhin alle Texte auf den Tafeln vorzulesen und zu erklären, obwohl Ida parallel Vogelspinnen aus Gläsern ziehen würde?

Aber dann schäme ich mich kurz. Für das was ich denke, dafür, dass ich Ida Dinge vorenthalte, die für Emil selbstverständlich waren. Und dafür, dass ich manchmal nur an mich denke, und wie ich den Tag für mich am einfachsten gestalten kann.

Also waren wir heute im Zoologischen Museum. Und niemand hat etwas umgestossen, umgerissen oder angefasst. IMG_0568Emil und Greta wissbegierig wie immer, haben sich Skelette und ausgestopfte Tiere angesehen und eifrig durch Bücher geblättert und Ida? Ida hat gestaunt. War ehrfürchtig, manchmal ein bisschen ängstlich. Hat all das mit genau der Faszination wahrgenommen und aufgesogen, mit der auch Emil immer durchs Museum gestapft ist. Bei „freundlichen“ Tieren hat sie gelächelt, den ausgestopften Bibern hat sie ein „Hallo“ durch die Scheibe zugerufen und beim Krokodil zeigte sie auf die Zähne und bemerkte sehr passend „Aua!“.

Das erste Kind wird Dinge erleben, die wir nur ihm zugestehen können. Das zweite, und das wissen wir alle, profitiert von ganz anderen Dingen. Vom nie allein sein, vom Lernen von den großen, von der Liebe der Geschwister und auch von all dessen Aktivitäten. Wie früh ist Ida mit Emils Freunden über die Spieplätze gerannt? Durfte beim Fußbbal, bei Festen und Events immer dabei sein? Und dennoch ist es keine Entschuldigung, ihr manches nicht zu gönnen, weil der Organisationsaufwand höher ist. Wachsen wir nicht mit unseren Aufgaben?

Als Ida sich das eine einzige mal verdächtig nah zum Wolf vorbeugte, trat Emil neben sie und hielt sie zurück. Ganz freundlich hat er nur gesagt: „Das darf man nicht anfassen, Ida.“

Und ich hab mir Sorgen gemacht!

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5 thoughts

  1. Deine Geschichten und Erlebnisse treffen so verblüffend den Kern des von uns erlebten Alltags mit einem Erstgeborenem der fast vier ist und einem Zweitgeborenem der seit kurzem zwei ist… Und sind unheimlich erfrischend grschrieben. Danke und mach weiter so.

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  2. Ohhhhhhhh man ich kann gar nicht auf hören zu heulen und zu lachen und unendlich dankbar für diesen Text und damit die Erinnerung daran wie schön doch auch zwei Kinder sind. Und das alles gleichzeitig. Jeden Tag. Besser noch jede Minute glaube ich das man mit zwei doch gar nichts mehr planen kann und ich gestehe manchmal denke ich ich versuche den tag so gut es geht rum zu kriegen. Dabei kann man doch jede einzelne Sekunde genießen. Und das kann ich jetzt wieder Dank deinem Text! Dankeschön!

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    1. Liebe Barbara, vielen, vielen Dank! Ich kann es auch wieder. Und ich glaube, wir alle können das. Wir können als Mütter nur einfach wahnsinnig viel auf einmal, und wenn dann eine Sache nicht klappt, dann zweifeln wir gleich an uns. Ich finde genervt sein völlig legitim. Und erst dann merken wir ja manchmal, wie schön all die anderen Tage, Stunden, Momente sind, in denen wir glücklich sind!

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