Die zehn Stunden Regel

Warum müssen Tage mit Kindern eigentlich immer so um die 14 Stunden haben? Warum können sie nicht auf gemäßigte zehn Stunden reduziert werden? Dann wäre ich höchstwahrscheinlich frohen Mutes, hoch motiviert und ein Wesen, vollgepackt mit guter Laune, Geduld und Abenteuerlust. Vierzehn Stunden hingegen erscheinen mir anmassend. Wer kann vierzehn Stunden frohen Mutes und guter Laune sein? ich nicht.

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Also stehe ich nach knapp drei Stunden an einem Samstag morgen in der Küche vor einem seit 2 Stunden vorbereiteten Frühstück und rufe Paul in der Klinik an, nur um ihm mitzuteilen, dass ich „KEINE LUST!“ mehr habe, Wikinger zu spielen, Hund zu spielen, Lego zu bauen, Aufkleber zu kleben und (mein persönlicher Favorit!) Mutter-Vater-Kind zu spielen, wobei immer ich die Mutter spiele, Ida das Baby und Emil den großen Bruder. Ein wirklich äußerst schmaler Grad zwischen Realität und Fantasie – und grade deshalb voller Tücken. Ich spiele die Mutter immer falsch. Und immer endet das Spiel in Genörgel und Gemaule. Und das ganze, ohne gefrühstückt zu haben.
Der Tag kommt mir morgens um kurz vor zehn bereits endlos vor. Erst drei Stunden um?

Dann verschwinden Emil und Ida in Emils Zimmer und Stille kehrt ein. Wenn ich an der Tür vorbei komme höre ich sie blättern, bauen, leise mit sich selbst oder dem anderen reden. Es gilt, Blickkontakt zu vermeiden, denn nur dann bleiben sie in diesem angenehm ruhigen, samstagmorgendlichen Spielmodus. Draussen kommt die Sonne, ich mache mir einen Kaffee, rufe Freundinnen an, lese ein Buch, füttere die Katze, topfe eine Basilikum Pflanze um. Warum noch mal fand ich eben die Vorstellung eines ganzen Wochenendes alleine mit den Kindern ermüdend und anstrengend? Es gibt gar keinen Grund. Nur die wiederkehrende Erfahrung: Kinder müssen spielen lernen. Genauso wie alles andere. Sie müssen Langeweile lernen, um sich selbst schöpferisch daraus zu helfen. Und vielleicht müssen sie auch lernen, dass auch Mamas manchmal keine Lust mehr haben – und vor allem, dass es sich in den Momenten viel besser alleine spielen lässt, als mit ihrer erzwungenen Gesellschaft.

Mittags verstauen wir Picknick, Decken, Felle und Getränke im Anhänger und fahren in den Zoo. Die Frühlingssonne wärmt nicht nur unsere Körper – vor allem unseren Geist und unsere Laune. Vier Stunden schlendern wir von Gehege zu Gehege – wir haben es nie eilig. Wir verfolgen nie das Ziel möglichst viel zu sehen. Nur einfach zu sehen. Und zu warten. Und zu beobachten, zu essen, zu reden. Bei unserem letzten Besuch haben wir uns im tiefsten Winter 45 Minuten lang die Pelikane auf kleinstem Raum angesehen. Es passierte rein gar nichts. Danach sind wir äußerst zufrieden wieder nach Hause gegangen.

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Die Kinder entscheiden, was sie sehen wollen. Und wo wir picknicken. Und wo wir kurz und wo wir lang verweilen. Und zwischendurch schmeißen sie hochkonzentriert kleine Kiesel in die Schlitze eines Gullis. Der Tag gehört uns, niemand, der auf uns wartet, niemand, der auf die Uhr sieht oder zum nächsten Gehege strebt. Einfach nur Sonne und Zeit.

Gegen halb sechs machen wir uns auf den Heimweg. Nur noch schnell Sahne und Windeln besorgen. Wir halten beim Supermarkt und Ida weigert sich auszusteigen. Ich kann sie aber schlecht alleine draußen vor der Tür lassen. Endlich aus dem Anhänger befreit läuft sie weg. Emil sehe ich eh schon nicht mehr. (Ist wohl schon drin, denke und hoffe ich). Wir nehmen einen Korb und Ida schmeißt ungelogen ALLES hinein, was sie zu fassen kriegt. Ich schmeiße gar nichts hinein, weil ich damit beschäftigt bin Idas vermeintlichen Einkauf zurück in die Regale zu räumen. Wie lange muss ich es eigentlich als niedlich empfinden, was sie da treibt und ab wann darf ich genervt sein? Ältere Damen lächeln ihr zumindest noch verzückt zu. Emil? Weit und breit nicht zu sehen.

Oh, keine Tasche dabei. Wie kriege ich jetzt Windeln, Sahne, Kekse für Pauls Nachtdienst und eine Flasche Wein unter den Arm und trotzdem beide Kinder in die richtige Richtung gelenkt? Gar nicht. Ida will hinten raus, Emil steht schon vorne an der Straße. „Hier lang, Ida!“ rufe ich. Interessiert sie nicht. Emil will schon in den Anhänger steigen und das Rad kippt um. Gut gemeint, aber trotzdem scheiße. Sind die zehn Stunden schon um? Ja. Bleiben aber ja noch mindestens zwei. Jetzt heißt es, sich aufraffen und weiter kämpfen. Fahrrad wieder aufstellen, die sich mit Händen, Füßen und Geschrei wehrende Ida zurück in den Anhänger bekommen. Kaum losgefahren zieht sie bockig ihre Gummistiefel aus und wirft sie bei voller Fahrt aus dem Hänger. Na, vielen Dank! Macht doch bitte solchen Unfug innerhalb meiner zehn Stunden Tage. Denn da könnte ich das schulterzuckend und belustigt ignorieren. Jetzt nicht mehr. Ich ärgere mich, obwohl ich es nicht will. Anhalten, hupende Autos, Gummistiefel wieder einsammeln.IMG_0763

Dann komme ich nach Hause, Paul ist erwacht und kocht, es duftet fantastisch. Er zieht die Kinder aus, er lacht und albert herum, er lässt Emil Champignons schneiden und Ida im Topf herum rühren, will alles über Tiere wissen, die wir gesehen haben. Ich grummle ein bisschen und trage den Einkauf rein. „Oh,“ sagt Paul. „Du bist aber sehr angestrengt. Tut mir leid, dass du so einen anstrengenden Tag hattest.“ Und dann ärgere ich mich über mich selbst. Ich hatte überhaupt keinen anstrengenden Tag. ich hatte Sonne, Kinder, Picknick und gute Laune. Hätte ich Paul in meiner zehn-Stunden-Gute-Laune Zeit getroffen, hätte ich das verkörpern können. Aber diese blöden 14 Stunden machen einem wirklich alles kaputt.

Als Paul zum Nachtdienst verschwunden ist sitzen Emil und ich im Wohnzimmer auf dem Boden und erzählen uns vom Zoo. „Und weißt du was?“ fragt Emil. „Heute hatten wir alle den ganzen Tag gute Laune! Das lag bestimmt an der Sonne!“ Ach wie schön, das Wahrnehmung so verschieden sein kann. Oder, dass am Ende das Gute doch immer über das Schlechte siegt.

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3 thoughts

  1. ihr seid so wunderbar ❤
    und wie gut ich solche tage kenne! ich zerlege den tag im kopf immer in kleinere abschnitte, zum beispiel "noch 2 stunden bis zum mittagsschlaf".
    es gibt tage, da hilft mir das. ..
    ich hab eh das gefühl, nicht nur mir sind diese 14 stunden zu viel, sondern auch mein kind wäre weniger quengelig, wäre der tag einfach schon eher zu ende.
    (bloß 16 uhr ins bett is irgendwie auch keine lösung…)

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  2. Oh wie ich das kenne. Mein Mann ist ebenso in der Klinik, wie deiner. Man verbringt die Wochenenden so oft allein mit den Kids, während man bei Unternehmungen ständig auf Familien trifft. Das verlängert den Tag gerne noch mehr.

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    1. Ja, und dennoch lernt man dann unglaublich gut wie es ist, alles alleine zu managen. Und manchmal ist man Abends auch total glücklich und zufrieden und denkt: das hab ich irgendwie alles ziemlich gut hinbekommen. Man wächst ja mit seinen Aufgaben 🙂
      Aber an anderen Tagen sieht man ständig nur die anderen Familien, die gemeinsam unterwegs sind und man selber schleppt gefühlte hundert Taschen, hat immer ein nörgelndes Kind dabei und eines das von der Schaukel gehoben werden möchte und man hätte gerne mehr Arme und vor allem mehr Geduld! Dann sind 10 Stunden durchaus ausreichend 🙂

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