Oman – wir sind nicht mehr die, die wir mal waren

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Manchmal sehe ich „alte“ Fotos von Emil und nehme ihn wie eine Außenstehende wahr. Als würde ich einen Emil betrachten, den es nicht mehr gibt. Den Zweijährigen-Emil, den Baby-Emil. Emil ist immer genau der Emil, der er jetzt in diesem Moment gerade ist. Und morgen ist er ein anderer als vorgestern. Jeden Tag entwickelt er sich so rasant. Der Zweijährige Emil? Meilenweit weg. Und bald wird er der vierjährige Emil sein.

Wenn ich den Zweijährigen-Emil sehe denke ich, mein Gott bist du zart, und klein, uns süß, und unwissend und hilfsbedürftig gewesen. So, wie die Ida jetzt. Ich musste deine Hand halten, wenn du auf Rutschen gestiegen bist, ich musste dich auffangen, wenn du gesprungen bist. Und immer wieder denke ich: Habe ich dich oft genug und noch darüber hinaus in den Arm genommen? So oft ich konnte, weil du nie wieder der kleine Zweijährige Emil sein würdest. War mir das bewusst? Natürlich nicht. Ich habe dich tausend mal in den Arm genommen und Abertausend mal. Aber ich war auch genauso genervt und angestrengt wie ich es heute manchmal bin. Ich war manchmal genauso müde, genauso hilflos, genauso wenig ICH wie ich es jetzt bin. Denn meistens bin ich Mama. Und Mama sein kann auf Dauer ziemlich anstrengend sein.

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Vor genau zwei Jahren waren wir auf einer großen Familienfeier im Oman. Emil, fast zwei und ich im sechsten Monat schwanger mit Ida. Es war das erste mal, dass Emil so direkt in eine fremde Kultur eingetaucht ist. Obwohl sich die Frage stellt, ob bis dato nicht ohnehin alles fremd war für ihn. War nicht jeder neue Tag auf seine Art und Weise noch fremd? Ich weiß nicht, ob Emil die Differenzen wirklich wahrgenommen hat. Er hat sie zumindest nie kommuniziert. Er ist mit einer unbändigen Lebensfreude in dieses Land hinein geplatzt und war bereit es zu erobern. Wir waren unbedarft im Reisen. Und wir hatten eine klare Vorstellung vom Reisen. Ob die mit Emil konform liefen, wussten wir nicht. Und da wir das nicht wussten, haben wir genau das gemacht, was wir auch ohne ihn getan hätten. Es war das erste mal, dass unsere Courage uns auch hätte zu Fall zwingen können. Wir haben Emil mit auf Touren durchs Innland genommen, haben ihn Stunde um Stunde in klimatisierten Geländewagen durch mehr als öde Steinwüsten kutschiert. Haben ihn der Hitze ausgesetzt, ihn durch die Souks der Stadt getragen und geschoben. Haben ihn von Einheimischen hochheben lassen, haben ihn mit verschleierten Frauen und ihren Kindern spielen lassen. Klar, wir haben ihn ein Abenteuer erleben lassen. Wir haben im Auto angekündigt, dass wir nach elenden 4 Stunden Fahrt aber eine Festung besichtigen würden. Emil hatte keinen blassen Schimmer, was eine Festung wohl sein könnte, aber als wir ausstiegen rief er voller Begeisterung: Eine Festung! Eine Festung!

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Wir haben ihn mitgerissen, auch und vielleicht vor allem, weil wir beweisen wollten, dass es geht. Das es tatsächlich ging war Glück. Vielleicht das unsagbare Glück, dass wir in Emil haben.

Wenn Emil heute vom Oman erzählt, dann erinnert er sich nur noch an wenige, ganz prägnante Dinge. An einen toten Rochen, den wir am Strand gefunden haben und der unglaublich gestunken hat. Egal wo wir einen Rochen sehen, sei es im Tropen Aquarium, im Film oder in einem Buch, Emil erinnert sich sofort an die Geschichte mit dem toten, angespülten Rochen im Oman. Und, was ich noch viel bemerkenswerter finde, er erinnert sich daran, dass wir ihm den Unterschied zwischen Sternen und Flugzeugen erklärt haben. Wir haben Abends auf der Dachterrasse gesessen und in den Himmel gesehen. Und wir haben gesagt: Sterne leuchten. Und Flugzeuge blinken.

Erst vor ein paar Monaten hatten wir eine ähnliche Situation. Ich wollte gerade ausholen, da unterbrach Emil mich. „Das habt ihr mir schon im Oman erklärt.“ Er war noch nicht mal zwei.

IMG_9406Bei all unserer inneren „Arroganz“, wir würden unser Leben, unsere Reisen, unseren Lifestyle trotz Kind nicht ändern haben wir im Oman eines gelernt. Wenn wir mutig genug sind, unseren Kindern etwas zuzutrauen, sind sie mutig genug Neues zu erleben. Paul sagt heute noch, er würde so gerne in den Oman zurück kehren. Aber ich weiß, dass es nicht dasselbe ist. Denn es war die Familie, die uns zusammen geführt hat und es war der Zweijährige-Emil der uns begleitet hat. Der Vierjährige-Emil ist jemand anderes. Und schon deshalb kann man gute Dinge nicht wiederholen, Weil wir alle nicht mehr dieselben sind. Wir sollten lieber starten und uns bereit machen für Neues. Für all die Dinge, die jetzt, in diesem Moment für uns die richtigen sind.

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