Glücksmomente 5

Ich weiß nicht, wie es anderen Künstlern und künstlerisch tätigen Menschen so ergeht, aber je länger man auf seine eigenen Erzeugnisse sieht, desto absurder, uninspirierter und vor allem schlichtweg schlechter kommen sie einem vor. Nur auf Grund einer Teilnahme an einem renomierten Bildwettbewerb starre ich seit Tagen auf die Bildauswahl und würde mich vor Scham gerne im Keller verkriechen. Das will ich abgeben? Dann setze ich mich erst mal an die Texte und finde die Texte super – nur, dass sie nicht zur Bildserie passen. Frustration ist der schlimmste und wahrscheinlich auch zweithäufigste Gemütszustand von kreativ arbeitenden Menschen. Immerhin steht Begeisterung immer noch an erster Stelle.2 Nachmittags gebe ich auf (Abgabetermin ist ja auch erst morgen) und fahre mit Emil und Ida zu Emils Freundin Greta. Wie bereichernd Kinder in dem Moment (und in fast allen sonstigen Momenten) sein können. Man vergisst alles andere. Man lebt einfach. Sie holen einen aus jeder selbstverursachten Situation wieder heraus, und schreien einem das Wesentliche nonverbal ins Gesicht: Leb doch einfach! Von Greta aus gehen wir zu Fuß nach Hause. Zeit? Relativ. Auf uns wartet keiner. Ida stapft durch jede noch so kleine Wasserlache, ruft den Enten ein aufgeregtes „HALLO!“ zu und staunt großen Hunden hinterher. Als wir den Isebekkanal erreichen, fängt es schon an rasant zu dämmern. Auf dem Piratenspielplatz vertiefen Emil und Ida sich binnen von Sekunden in ein Spiel, eine Fantasiewelt. Etwas, das nicht nur in ihren Köpfen entsteht, sondern überall. Ihr ganzer Körper spielt, die ganze Welt um sie herum ist nicht mehr dieselbe. Es ist schön zu sehen das sprachlicher Kommunikation nicht der Wert beigemessen wird, den wir manchmal in Anspruch stellen. Emil brüllt Befehle („Segel setzen“ und „Steuer auf die Insel zu, Ida!“) und Ida versteht nichts oder wenig, sie strahlt und tut meistens auch Dinge, die mit Segel setzen oder steuern recht wenig zu tun haben, aber sie ist Teil des Spieles. Von Emil wird sie als ernstzunehmende Spielgefährtin absolut akzeptiert. Dienstag Vormittag breite ich eine neue Bildserie auf dem kleinen Tisch im Elbgold aus. Wir haben Kaffee und Landbaguette bestellt, ich schiebe die Bilder so gut es geht zwischen Tassen und Teller. Ich sage hundert mal: „Oder so?“ „Oder dies neben das?“ „Oder das weg?“ Paul schiebt auch noch mal hin und her. Am Ende schiebe ich alle Fotografien achtlos in meine Tasche. Ich glaube, ich mache da einfach nicht mit. Ist es nicht sowieso viel schöner mit Paul in der hereinscheinenden Sonne im Elbgold zu sitzen, Promis beim Kaffee trinken zuzusehen und über die eigenen Kinder zu sprechen? Ich finde schon. Emil „abveredet“ sich mit dem Großen-Emil und bevor ich Ida abhole gehe ich alle 1800 Auswahlbilder noch einmal durch, entscheide mich für 10, die ich noch nie in Betracht gezogen habe, stecke alle Texte, CD´s mit Dateien und Kontaktbögen in einen Umschlag und schicke es doch noch ab. IMG_1051Mit einem völlig befreiten Gefühl hole ich Ida ab und fahre am Second Hand Laden vorbei um einen Stapel Bücher zu kaufen. Ich spare nie an Büchern. Ich kaufe ständig Bücher. Neue, gebrauchte – wie auch immer. Ich kaufe stapelweise Bücher. Wir selbst sind vor einem Jahr mit knapp 1000 Büchern hier eingezogen – zumindest hat der freundliche Herr vom Umzugsunternehmen das so notiert. Ich schenke den Kindern in einer Tour Bücher. Also, Bücher kann man wirklich nie genug haben! Als ich Emil Abends abhole lesen wir lange im Bett. Später bemerke ich, es sind Bücher für Kinder ab sieben. Emil ist drei. Aber er hat bis zum Schluß ganz gebannt zugehört. Am Abend lese ich bei Spiegel online einen Artikel über den tödlichen Masern Fall in Berlin und die „Problematik“ mit den Impfgegnern im „Prenzlauer Berg“ /Berlin (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/impfskeptiker-in-berlin-wie-eltern-auf-die-masern-reagieren-a-1020157.html) von meiner Freundin Anna. Unter dem Artikel ist ihre Email angegeben. Ich versuche mir vorzustellen, mit wievielen Mails sie bombardiert werden wird und wie wenig ich damit umgehen könnte. Dagegen ist so ein bißchen Frustration über die falsche oder richtige Bildauswahl ja ein Witz! Wir brauchen im Leben Menschen und Freunde, die uns inspirieren. Die Dinge manchmal anders sehen als wir. Die Ideen haben und umsetzen, an die wir nicht gedacht haben. Die ihr Leben auch mal anders leben als wir. Und so stehen wir am Mittwoch auf dem Platz der jüdischen Synagoge und sehen zu, wie Freunde ein Kletterseil in eine riesige Eiche hängen und dann abwechselnd mit dem richtigen „Klettergeschirr“ die Kinder bis ins Astwerk hoch hineinziehen.IMG_0238Die Kinder sind begeistert. Aufgeregt, bereit Abenteuer zu erleben – auch mitten in der Stadt. Auf dem Campus liegen auf großen Stapeln die Äste der bereits beschnittenen Bäume. Die Kinder kriechen und klettern darauf und darunter herum. Das ist kein Landleben, denke ich, aber muss es denn immer Landleben sein? Reicht nicht dieser Platz voller alter Bäume, das noch feuchte Gras unter ihren Füßen und die dicken Äste um sie für einen Moment frei sein zu lassen? Und dieser Geschichtsträchtige Platz über dem sie schweben, wenn sie hoch in den Ästen der Eiche hängen. An dem sie an Feiertagen Blumen nieder legen und Kerzen aufstellen. Kultur und Natur so eng miteinander verbunden mitten in der Stadt? Im Dunkeln machen wir uns auf den Rückweg. Emil und Ida sind müde – die kalte Luft, das viele Rennen und Klettern und Spielen. Ein Hoch auf unseren Emmaljunga Kinderwagen – mit zurückgeklappter Rückenlehne bietet er immer genug Platz für zwei Kinder, ohne Gedränge und Geschrei. Unter einer bunten Wolldecke liegen sie aneinandergekuschelt im Wagen und beschreiben mir, was sie sehen, wenn man die Welt aus der Rückenlage sieht. Am Abend erreicht mich eine Mail von den Organisatoren von „Feels like home“ – einer Konzertreihe internationaler Singer Songwriter, organisiert von Dannie Qulitzsch und Revolverheld Sänger Johannes Strate. Unsere Gästelistenplätze werden bestätigt. Ich freu mich. Ich habe das Gefühl, wir brauchen einen Tag Ruhe. Alle. Paul hat Vormittags einen wichtigen Termin und ich sitze an diversen aufgeschobenen Fotoaufträgen – immerhin im Café und nicht Zuhause. Bildbearbeitung ist so ermüdend! Paul stösst dazu und wir geniessen immerhin eine halbe Stunde zu zweit. Der schnelle Aufbruch scheitert erneut am Platz der jüdischen Synagoge – die Sonne scheint, alle Kinder treffen sich dort. Urbane Spielplätze. Erst gegen fünf sind wir Zuhause. Zwei Säcke voller Grassamen warten auf ihre baldige aussaat. Emil und Ida streuen überall (auch auf der Rutsche und ganz üppig hinter der Kinder Gartenbank). Als der erste Sack leer ist, gehe ich nur kurz die alte Eisentreppe zum Arbeitszimmer hoch. Direkt hinter der Tür liegt der zweite Sack, als ich Emil schreien höre. Er schreit, wie Kinder schreien, wenn sie wissen, dass es wichtig ist, dass es nicht mehr lustig ist. Er schreit panisch. Ich lasse den Sack fallen und laufe in den Garten runter. Ida liegt schreiend im Teich der Nachbarn. 30 Sekunden nicht aufgepasst. Das Leben gibt uns immer wieder Hinweise, um zu merken, wie kostbar alles ist. Wie dicht Glück und Unglück zusammen liegen. Ich ziehe die schreiende Ida heraus und befreie sie noch draußen von der eiskalten nassen Kleidung. Schneehose, Jacke, Hose, Strumpfhose. Bis auf den Body. Dann ganz schnell in die Badewanne.IMG_0267IMG_0272 Ida sieht Badeschaum und lacht. Dramatik? Ziemlich schnell an ihr vorbeigezogen. Was mich glücklich macht? Emil. Emil ist mein Held. Emil lässt Ida so selten aus den Augen. Und Emil erkennt Gefahren. Ich bin stolz auf ihn. In der Badewanne beugt er sich zu ihr vor und sagt: „Ida, dir darf nichts passieren. Ich lieb dich doch so. Und Mama liebt auch!“ Das Wochenende verbringen wir ohne Paul – wie die meisten Wochenenden. Der Samstag entzückt uns voller Sonne. Wir treffen uns mit den Franzosen auf dem Spielplatz, saugen jeden Sonnenstrahl in uns auf. Ida hat beschlossen, den Mittagsschlaf für überflüssig zu erklären und Emil fährt an einem Tag gut 9 km mit dem Laufrad. Erst auf dem Weg nach Hause schläft Ida endlich ein. Emil und ich machen ein abendliches Picknick im Wohnzimmer auf dem Boden, teilen uns eine große Schale Oliven und lassen den Tag Revue passieren. „Heute,“ sagt Emil. „War wirklich alles gut. Selbst die Sonne!“ Wie Recht er hat. IMG_0362Sonntag fahren wir zu Oma und Opa aufs Land. Das Wetter meint es nicht mehr so gut mit uns, dafür meinen es Oma und Opa umso besser. Die Kinder genießen es wieder hier zu sein und ich genieße es zu schlafen. Es gibt ein kleines Fest in der Stadt und wir lassen uns auch vom Regen nicht abschrecken. Hier ist alles etwas langsamer, etwas schlichter, und tatsächlich bei Regen auch ein wenig trostlos, aber ist das für kinder wirklich wichtig? Nein. Emil hüpft und lässt sich schminken und feiert ein inneres Fest. Ein wundervoller Tag. Den Regen? Sieht er nicht.

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Wer noch mehr Glücksmomente anderer Blogger lesen möchte, kann das hier http://www.mamamiez.de/2015/03/01/gluecksmomente-092015/

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One thought

  1. Liebe Miriam,

    ich lese seit einiger Zeit mit und wollte dir heute danken für die wunderschönen Texte. Ich mag gut geschriebene Texte, noch mehr, wenn sie mir dabei irgendein Gefühl geben, und das ist bei deinen Texten oft der Fall. Und oft ist es ein Gefühl – ..ich weiß nicht, irgendwas zwischen Ruhe, Loslassen, Zufriedenheit. Der Gedanke: richtig, es gibt nicht nur den Alltag und die Sorgen, die vielen Entscheidungen und Konsequenzen. Das vergisst man viel zu oft. Meine Tochter ist gerade 6 Wochen alt, mein Sohn schon 6. Beide geben mir auch dieses Gefühl, das bei mir aufkommt, wenn ich deine Texte lese. Vielleicht übersehe ich das nur recht oft.

    Also: danke für deine schönen Texte. Hör bitte nicht auf zu schreiben!
    Und die Fotos sind sicher richtig, so lange du ein gutes Gefühl hast. Wahrnehmungen bleiben doch subjektiv, auch bei einem Wettbewerb (mit Fotografie kenne ich mich allerdings auch nicht aus…)

    Gefällt 1 Person

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