Kurz bevor man vier wird

7Kinder großziehen und sie als Teil des eigenen Lebens zu haben ist ein stetiger Prozess. Ständig verändert sich etwas – die größte Veränderung: wir sind auf einmal zu dritt. Wir waren immer zu zweit und jeder für sich, aber jetzt sind wir zu dritt. Und dieser dritte Jemand, der ist voll und ganz abhängig von uns. Will von uns getragen, geliebt, gefüttert und gewickelt werden. Kann in den ersten Wochen nicht einmal seinen Kopf selber halten. Ist völlig hilflos ohne uns. Und wir sind hin und wieder hilflos, vor dieser Verantwortung.

Aber dann wächst dieser Jemand und entwickelt sich. Kann den Kopf heben, Brei essen, reden, laufen, Laufrad fahren. Kann sich selbst die Hände waschen, die Socken anziehen, eine Banane schälen, von einem Kasten springen, alleine schaukeln. Wir aber sind immer Teil dieses sich stetig entwickelnden Prozesses und rechnen in Phasen. Geht die Dreimonatskolik-Phase vorbei, kommt die Zahnungs-Phase. Dann muss man alle Möbel sichern, dann ständig nach dem Essen die komplette Küche wischen, dann die Trotz-Phase, die ich-will-nicht-in-den-Kindergarten-Phase. Immerzu kommt eine neue Herausforderung. Und dann kommt der Moment kurz bevor dieser kleine Jemand vier wird und man hält einen Moment inne.

IMG_9972Denn kurz bevor man vier wird, ist man tatsächlich kein Kleinkind mehr. Die etwas stampfigen Beine sind schmal und extrem schnell geworden, die Haare dick, lockig und dunkel, die Hände nicht mehr ganz so babyweich und hilfesuchend. Mit fast vier kann man auf einmal alleine auf einem richtigen Fahrrad fahren. Man kann auf den Tisch stellen und abräumen, sich selbst die Hände waschen, wenn man rein kommt. Man kann sich morgens alleine anziehen. Ida ein Wasser geben, wenn sie es möchte. Man weiß sich vor allem zu helfen. Man holt sich einen Stuhl, wenn man irgendwo nicht ran kommt. Man weiß alleine, was in den Pfannkuchenteig gehört, kann eigenständig Saft pressen und Ida die Strumpfhose anziehen. Man kann Wäsche sortieren, in dem man sie auf unterschiedliche Haufen wirft (Ida-Haufen, Papa-Haufen, etc.). Man kann sich Nachmittags alleine aufs Sofa setzen und Bücher „lesen“, stundenlang alleine Lego spielen und richtige Bilder mit Haus und Mensch und Baum malen. Man kann erzählen, wie der Tag war, im Café still sitzen, beim einkaufen selber entscheiden, was man mag und was nicht. Man kann Dinge für gut oder schlecht befinden, sich seine Freunde selber aussuchen, zum Fußball spielen gehen.

Wenn man fast vier ist kann man ungefähr Eintausend Dinge, die man vorher noch nicht konnte, und die einem als Mama das Leben so viel leichter machen. Warum hat man das die ganze Zeit über nicht gemerkt?

Jeden morgen, wenn ich Ida in den Kindergarten bringe und Emil neben mir her läuft. Wie lange schon schreie ich nicht mehr „Vorsicht Radweg!“ oder „Warte an der Ampel!“. ich weiß längst, das Emil wartet. Das Emil als Großstadtkind sehr penibel den Radweg achtet.

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Seit wann geht Emil ganz selbstverständlich am Nachmittag mit Freunden mit? Seit wann zieht Emil sich morgens alleine an? Seit wann deckt er den Tisch? Und hebt danach die Krümel auf? Seit wann macht Emil mir das Leben so leicht, ohne dass ich es bemerkt habe?

Seit wann sitzt Emil mir im Café gegenüber ohne über die Sessel zu turnen? Seit wann muss ich Emil in der Kunsthalle nicht darauf hinweisen, die Bilder nicht anzufassen? Seit wann kauft Emil eigenständig das Bus Ticket während ich ganz hinten einsteige?

Es gibt so vieles, was unsere Kinder auf einmal können. So viel eigen- und Selbständigkeit die uns den Alltag erleichtern. Wer einst nicht mal den Kopf alleine heben konnte, der tigert jetzt schon ganz selbstsicher durch den Alltag.

Jede Selbständigkeit entfernt sie ein bisschen von uns und verändert unser bisheriges Zusammenleben. Man kann ein bisschen wehmütig sein, aber man muss vor allem bereit sein, all das Neue aufzunehmen und zu schätzen zu wissen. All das, was vor zwei Jahren in weiter Ferne lag ist jetzt so nah. Die Tage verändern sich, wir können neue, andere Dinge zusammen tun. Und auf einer anderen Basis kommunizieren. Und wir haben ja auch immer noch Ida, die der festen Überzeugung ist, man könne auch langärmlige T-Shirts als Strumpfhosen tragen, das Badewasser Becherweise trinken und Bilderbücher durchaus auch als Malbücher verwenden. Sonst wäre es ja auch fast schon ein bisschen langweilig….

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7 thoughts

  1. Hallo,
    sehr schön geschrieben und vieles fiel mir eben beim Lesen auch auf, was meine Kleine (3 1/2) auch schon kann. Wir sollten viel besser hinsehen, denn mir paasiert es oft, dass ich manche Dinge zu schnell als selbstverständlich hinnehme.

    LG, Heike

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  2. Das hast du ganz ganz toll geschrieben. Vieles was du schreibst kann meine 4,5 jährige Tochter. Erst gestern hatte ich ein Gespräch mit meinem Mann dass er sich langsam daran gewöhnen muss, dass sie nun einfordert allein über die Straße zu laufen und allein auf den Spielplatz hinter unserem Haus gehen will oder dass sie ab einem gewissen Punkt den Nach-Hause-Weg allein gehen will – also vor läuft bzw. vor fährt. Und dass sie schon nächstes Jahr auch allein zur Schule gehen wird. ja die Kinder werden groß.

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  3. So wunderschön geschrieben! Ich kommentiere ja wirklich sehr selten etwas in blogs, aber hier muss es sein. Ich habe gelächelt während sich gleichzeitig ein Tränchen zeigte^^ vielen dank dafür!

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  4. wunderschön geschrieben! So wahr…unserer Maus wird jetzt 2 und kann schon so vieles..wehmütig denkt man an die Zeit zurück, als man sie wegen ihrer Koliken durch die Wohnung getragen hat….und ist stolz und traurig zugleich ….wirklich toll geschrieben!

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  5. Danke für diesen wunderschönen Augenöffner, der gerade in einer mal wieder etwas angespannteren Lage mit unseren Kids die Dinge wieder ins rechte Licht rückt. Gerade diese unerwartete und plötzliche Selbständigkeit verleitet dazu, von unseren Kindern leicht zu viel zu verlangen. Vielen Dank dafür! Susanne (auch mit ein paar Tränen im Auge)

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