Am Nebentisch ist es immer interessanter

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Wir kommen zu spät zum Fußball. Nur weil wir noch „ganz kurz“ bei Greta waren nach dem Kindergarten. Und dann lief uns irgendwie die Zeit davon. „Aber ich will nicht zu spät kommen!“ schluchzte Emil reumütig im Auto. Keine Sorge, denke und sage ich, einfach fix umziehen und ab in die Halle. In der Umkleidekabine ziehen sich bereits die Jungs der vorhergegangenen Gruppe um. Emil starrt. „Emil, los!“ muntere ich ihn auf. Emil zieht einen Schuh aus. Eine Fremd-Mama tadelt ihren Sohn, er solle DAS lassen. Was könnte nur DAS sein? Emil starrt. „Hopp, Emil,“ sage ich. „Der kleine Grieche ist schon drin!“ Emil starrt weiter. (Ida klemmt sich die Finger an der Tür zum Umkleideraum). „Ich hab solche Fußballschuhe,“ sagt ein Fremd-Kind und zeigt einem weiteren Fremd-Kind seine Schuhe. Emil dreht den Kopf. Was für Schuhe er wohl meint? „Emil, zieh die Hose aus!“ sage ich. Ida hebt Brotreste fremder Kinder vom dreckigen Boden der Umkleide auf und steckt sie genüsslich in den Mund. „Ida, lass das!“ versuche ich noch zu intervenieren. Emil starrt Ida an. Was die wohl grade gegessen hat?

Warum ist es am Nebentisch des Lebens eigentlich immer interessanter als im eigenen? Und wie oft würden wir eigentlich viel lieber zuhören, welche Gespräche am Nebentisch geführt werde, trauen uns aber nicht. Die Neugier zu erfahren, wie es anderen ergeht, was andere machen, sich erzählen, teilen und anhaben. Wenn einen als Kind etwas interessiert, dreht man sich um, geht nah ran, hört man einfach zu. Ohne Hemmungen. Wer hat uns das bloß abgewöhnt? Wäre es nicht manchmal auch ein wenig erfrischend, bereichernd und amüsierend, könnten wir auch noch alles so anstarren wie wir gerne möchten?

Gut, aber wir wissen, das Recht würde dann für alle geltend gemacht werden, und ich wiederum möchte weniger gerne angestarrt werden, oder das sich jemand an meinen Tisch dazugesellt, damit er meiner Unterhaltung mit Paul besser folgen kann.

Als wir endlich die Turnhalle betreten, schießt vor allem Ida hoch motiviert den Ball. Originalgröße – also Ida nahezu bis zu Hüfte reichend. Mir graut vor dem Geschrei, was gleich losbrechen wird, wenn ich sie aus der Halle wieder raustragen muss. Erledigt sich aber vorher, weil ein etwas ungestümer Junge sie zu Boden rammt. Ida schlägt zum zweiten mal in dieser Woche mit der eh noch blau und grün schimmernden Nase auf, das Blut läuft und mit Fußball ist erst mal Schicht im Schacht. Ida weint, dann will sie ein Buch lesen, dann essen, dann weglaufen. Manchmal sehe ich, wie Emil immer wieder zum Fenster sieht, wo alle Eltern stehen und ihren Kindern zujubeln. Nur Emils Mama nicht. Das sind die Momente, wo auch ich einsehe, dass es am anderen Tisch grade aufbauender zu geht als an seinem. Wie genau macht man das eigentlich? Jeden Kind gerecht zu werden?

Nach dem Fußball teilen die beiden die ganzen Obst-Rationen in ihren Brotdosen (dabei haben sie beide das gleich darin). Es geht aber um mehr als Nahrungszufuhr. Es geht viel mehr ums teilen. Ein größerer Junge kommt und versucht Ida auf eine Bank zu heben. Ich weiß nicht, ob das ihre Intention war, aber ich versuche mich nicht einzumischen. Ida wird schon kreischen, wenn sie das nicht möchte. Aber Emil ist schneller. Er stellt sich neben ihn, einen Kopf kleiner, und konstatier nur sachlich, aber mit dem gewissen Maß an Bestimmtheit. „Das ist meine Schwester.“

Abends im Bett versuche ich das Thema wieder aufzugreifen, aber ganz subtil und kindgerecht. Emil durchschaut mich aber sofort. „Ach Mama,“ sagt er. „Ich glaube, meistens gucken die anderen Kinder was wir so machen. Weil es bei uns eigentlich immer am Besten ist.“

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