Glücksmomente 4

Montag früh finde ich mich an einem reichlich gedeckten Frühstückstisch in einem kleinen Ort in Schleswig Holstein wieder. Draussen zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen und drinnen duftet es nach frischen Brötchen. Ich bin das erste mal Zuhause bei meinem Lieblings-Zeitzeugen und ich fühle mich gleich sehr willkommen.

Wir reden sehr lange. Ich berichte viel von der Reise, die uns bis fast in sein Heimatdorf geführt hat und er berichtet von seiner Flucht, damals als Zehnjähriger. Wenn er während der Erzählungen anfängt zu weinen, tue ich es auch. Ich kann das nicht stoppen. Vielleicht, weil jemand etwas so traumatisches mit mir teilt, etwas so menschliches, ein Schicksal, bei dem er Menschen verloren hat, die er geliebt hat. Und weiß man nicht als Mutter am Besten wie Liebe sich anfühlt und wie zerreißend schmerzhaft es sein muss jemand Geliebten zu verlieren?

 Als ich Siegfried und seine Frau verlasse ist es schon weit nach Mittag. Wir stehen noch einen kurzen Moment im Arbeitszimmer und sehen auf den Garten hinaus. „Ich glaube,“ beginnt er sinnierend. „Das du eine sehr gute Mutter bist.“ Ich bin gerührt. Wenn jemand, der das ganze Leben hinter sich hat, der Gutes und Schlechtes gesehen hat, seine eigene Mutter fast ein Jahr nicht wiederfinden konnte, wenn so jemand ein Gespräch mit diesen Worten beendet, dann hat man das Gefühl, man hat alles richtig gemacht. Sowohl als Mutter, als auch in meiner Arbeit mit den Zeitzeugen. Ich fahre glücklich nach Hause.

Dienstag hat Paul frei und verschläft tatsächlich fast den ganzen Tag – vier Nächte Nachtdienst machen tatsächlich jeden Biorythmus zu nichte. Eine schmerzende Erkenntnis, wenn man bedenkt, dass Paul momentan eine sechs Tage Woche hat. Wenn der einzige freie Tag dann schlafend verbracht wird ist das kein besonders guter Schnitt. Ich gehe mit den Griechen, dem „großen Emil“ und meinen beiden Kindern ins Dino Bad zum schwimmen (https://emilundida.com/2015/02/17/eins-zu-eins-betreuung-auf-wiedersehen/). Abends hat Paul gekocht. Ich selber bin keine passionierte Köchin, es wird wohl kaum vorkommen, dass ich hier Rezeptideen verbreiten werde. Aber Paul kocht mit Liebe, mit enorm viel Zeitaufwand und Kräutern und Gewürzen, die in meinem Leben bisher keine tragende Rolle gespielt haben. Die Wohnung duftet, es schmeckt hervorragend, wir sitzen den ganzen Abend zusammen in der Küche , denn – Biorythmus sei Dank! – jetzt ist Paul wach.

IMG_0035Mittwoch früh fahren wir zu Oma und Opa aufs Land. Die Sonne scheint, auf dem Dach meiner Eltern sitzen zwei Männer und stopfen das Reet, die Katze liegt auf den Stufen vor dem Haus – wir sind angekommen im Landleben. Emil beschließt bis Samstag zu bleiben. Ida und ich fahren nach dem Abendessen zurück nach Hamburg. Obwohl die Vorstellung von einer Nacht im gemütlichen Zimmer unter dem Dach, einem Abend am Kamin und morgens womöglich ausschlafen, weil die Kinder mit Oma und Opa durch die Küche toben auch extrem verlockend ist. Aber ich muss arbeiten am Donnerstag.

Abends hält Paul mir einen 35 Minuten dauernden Vortrag über chirurgische Komplikationen in der Intensivmedizin. Er ist der einzige Chirurg der bei der Tagung der Intensivmedizin nächste Woche einen Vortrag halten wird. Ich sitze mit Wollsocken, dickem Tuch und Mütze im Bett und friere trotzdem noch – die Erkältungswelle hat mich erwischt. Ich verstehe mehr von dem Vortrag als mir lieb ist. Stolz bin ich trotzdem!

Am Donnerstag schleppe ich mich mehr schlecht als recht durch die anstehenden Fotoshootings. Kopfsschmerzen, Halsschmerzen – ich würde so gerne ins Bett. Stattdesen beginnen Ida und ich die Gartenarbeit bei Frühlingssonne. Ida gräbt mit ihren kleinen Fingern in der dunklen Erde und ich entdecke die ersten sprießenden Pflanzen unter dem Laub. Am Abend planscht Ida alleine in der Badewanne. Ich weiß nicht, ob ihr Emil fehlt. Aber die Zeit mit mir alleine genießt sie auch. Ich hülle sie in einen Bademantel und wir räumen zusammen das Bad auf. Ida lacht viel und ich merke, dass man doch noch recht viele Kräfte mobilisieren kann, wenn man muss. Und wenn man weiß wozu. Als Ida schläft und Paul kommt falle ich aber erschöpft ins Bett. Ich bin trotzdem glücklich – ich habe diesen Tag geschafft, habe gearbeitet, mich um Ida und den Garten gekümmert und Emil vermisst. Ich freu mich sehr darauf, ihn wiederzusehen!

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Ida und ich genießen unseren zweiten Nachmittag alleine und lesen sehr viele Bücher. „Der Buch!“ ruft Ida immer wieder und schleppt neue heran. Zwei Tage nur Ida und sie hat 6 neue Wörter gelernt. Hat Emil von vorneherein so viel besser gesprochen als sie, weil wir viel mehr Zeit alleine miteinander hatten? Bin ich nicht ständig auf seine Bedürfnisse eingegangen? Auf sein Sprachniveau? Und Ida muss immer mitlaufen, muss mithalten in meiner Kommunikation mit Emil – ohne uns zu verstehen? Ich nehme mir vor, viel mehr mit Ida zu lesen. Und stelle trotz an mir nagender Erkältung fest, wie einfach es ist, wenn man sich nur um einen Menschen kümmern muss. Langsam wird es aber Zeit, dass Emil zurück kommt.

Wir nutzen die entspannte Zeit mit nur einem Kind und besorgen am Samstag ein ganzes Auto voll mit Gartenbedarf. Pflanzen, Kübel, reichlich Erde. Ab März müssen wir anfangen zu säen, wenn es in diesem Jahr wieder Gemüse und Obst geben soll. Mittags kommt endlich Emil zurück. Ida kann ihr Glück kaum fassen. Und wir auch nicht. Opa erzählt, dass Emil kurz angemerkt habe, er wisse gar nicht mehr wie wir aussehen, aber dann war ihm eingefallen: Mama ist die schönste Frau der Welt und sie hat ganz viele schicke Kleider!

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Am Nachmittag übergeben wir Emil in der Kunsthalle an die Patentantin, die Professorin. Die beiden stürzen sich eifrig in den angekündigten Kunstkurs. Emil bastelt zwei wunderbare Ritter. Ida räumt während dessen in unserem Beisein die Thalia Buchhandlung auseinander. Es regnet und eine Stunde in der Innenstadt überbrücken stellt sich irgendwie schwieriger heras als wir dachten. Wir blättern ein wenig durch New York Führer, während einer von uns hinter Ida her räumt. Die Professorin kommt spontan mit zu uns und wir backen Pizza.

Emil und Ida genießen es sichtlich wieder zusammen zu sein. Trotz der Kälte verbringen wir den Sonntag im Garten nur unterbrochen durch einen Kurzausflug zum „Heldenmarkt“ – einer Messe für Nachhaltigkeit. Die Kinder probieren sich durch Bio Joghurts und schieben sich wacker durch die vielen Beine der Menschenmasse. Wir hatten gehofft viel mehr Freunde zu treffen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und Konsum beschäftigen, aber vielleicht war es für konstruktive Treffen auch einfach viel zu voll.

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Zwischendurch nervt mich das ständige aufpassen, einfangen, hochheben, „ich hab Hunger“ Geschrei und die ewig schiebende Masse so sehr, dass ich kurz denke: Mein Gott, heute bin ich erst richtig glücklich wenn die beiden schlafen!

Zum Glück ändert sich das, als wir wieder Zuhause sind. Wir verbringen die Rest Sonnenstrahlen im Garten und stellen die ersten Hochbeete auf, sortieren sie gedanklich nach Gemüsesorten – Kartoffeln. Zwiebeln, Lauch, Salate, Bohnen. Stillschweigend träume ich immer noch von meinen zwei Hühnern, die wohl nie bei uns einziehen werden. Danach malen die Kinder. Wild und frei und bunt. Wir backen die Restpizza und lesen endlich mal wieder richtig viele Bücher vor dem Einschlafen.

Wer mehr Glücksmomente von anderen Bloggern lesen möchte kann das unter http://www.mamamiez.de/2015/02/23/gluecksmomente-082015/

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One thought

  1. Vor kurzem hab ich deinen Blog entdeckt und bin von jeden Artikel ganz gerührt. Du kannst auf so eine besondere und einfühlsame Art das Verhalten und die Bedürnisse deiner Kinder reflektieren, wie es wahrscheinlich nur wenig Mütter können! Ich gebe dem älteren Herren recht, du bist eine verdammt gute Mutter.
    Ich freue mich auf mehr Beiträge.
    Liebe Grüße aus dem Süden

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