Eins zu eins Betreuung: auf Wiedersehen!

Morgens zu zweit zwei kleine Kinder fertig machen ist nahezu ein Kinderspiel – eins zu eins Betreuung. Anziehen, Frühstück machen, ständig auf die Uhr sehen, Joghurt vom Boden wischen, sich selbst schminken, passende Schuhe suchen, so wie Schal, Mütze, Handschuhe. Zähne putzen Kind eins, Zähne putzen Kind zwei. Alles kann man teilen – nahezu beschwingt leichtes Spiel in unserem Hause! Und dann das: alle Jacken, Mützen, Schals an und der kurze Moment des Inne haltens: Verdammt, heute ist Fasching. Ida wieder ausziehen, wieder auf die Uhr sehen, Ida ein Erdbeer Kostüm überstreifen, Ida rote Wangen malen mit dem einzigen auffindbaren Lippenstift. Ida reißt sich hundert mal die Erdbeermütze vom Kopf – was soll’s? Wer eins ist hat kein Mitspracherecht über sein Kostüm. IMG_9944

Mit Erdbeerkostüm passt Ida nicht in ihren Kindersitz im Auto, Emil nörgelt er habe Sand im Schuh, aber was soll’s? Eins zu eins Betreuung und geschwind geht es weiter. Wir bringen zuerst die Erdbeere in den Kindergarten und dann Emil. Viele Küsse, kurzer Abschied. Eins zu eins Betreuung abgeschlossen. Tage können so entspannt beginnen.

Mittags, Ida abholen. Ida steckt noch im Erdbeerkostüm und ist nur mit stopfen und quetschen in den Schneeanzug zu bekommen. Verständlicherweise heult sie. Handschuhe finde ich nur einen, also einfach gar keinen mitnehmen und die Schuhe passen nicht über die Thermo Strumpfhose, also keine Schuhe. Ida will laufen und geht auch schon mal los – in Strumpfhosen, ohne Schuhe, Richtung Grindelallee. Auf halber Strecke fange ich sie wieder ein und stecke sie in den Buggy. Monster Geschrei! Ida zappelt und zetert und ich versuche sie anzuschnallen. Eins zu eins Betreuung? Immer noch. IMG_9955

Emils Blick beim Abholen spricht Bände. Jetzt schon? Emil hat keinen Abhol Bedarf – er muss dringend noch etwas zeichnen, bauen, basteln. Ida zerrt sich den Schneeanzug vom Leib und stolpert über ihre eigenen Füße. Ich sage mehrmals: Aber wir wollten heute mit den Griechen zum schwimmen! „Aber ich will malen,“ konstatiert Emil und verschwindet mit Stiften unter dem Arm aus meinem Blickfeld. Ida hat es endlich geschafft, der Schneeanzug hängt jetzt nur noch an den Füßen fest und das dicke Erdbeerkostüm entfaltet sich wieder. Beim Versuch den Anzug wieder hochzuziehen kratzt sie mich und schreit. Was fällt mir denn ein? Eins zu eins Betreuung? Vorbei.

Emils Freund, der „große Emil“, hört nur schwimmen und stellt fest, dass er auf jeden Fall mit möchte. Meinetwegen. Je mehr, desto besser. Die Mutter des großen Emils stimmt zu, muss aber erst die Schwimmsachen holen. Kein Problem, denn Emil macht keine Anstalten den Kindergarten innerhalb der nächsten halben Stunde verlassen zu wollen. Ida klettert unbeobachtet auf einen Hocker und schmeißt ein paar Zahnputzbecher um. Verdammt, woher soll ich wissen, welche Zahnbürste denn jetzt in welchen Becher gehört? Ich nehme Ida vom Hocker und sie quakt. Der Schneenanzug hängt immer noch an ihren Füßen fest. Sie bietet mir aber nur die Option ihn ganz abzuziehen, wenn ich versuche ihn wieder anzuziehen, bricht sie in erbostes Kreischen aus.

Emil kommt auch, läuft aber erst mal ohne Jacke und ohne Schuhe los. „Ist nicht so kalt!“ schreit er. Doch, denke ich. Ich pfeife Emil zurück, riesiges Procedere mit dem Anziehen, Ida geht ohne Schuhe draußen schon mal in den Garten. Man, Ida! IMG_9956

Im Auto passt Ida mit Schneeanzug und Erdbeerkostüm wieder nur sehr bedingt in den Autositz, ich quetsche und drücke, Ida murrt und windet sich, Emil fängt an eine Dose mit Salzstangen zu öffnen. Die meisten landen auf dem Boden. „Oh, tschuldigung.“ Ida kreischt, sie will auf der Stelle auch Salzstangen. Was soll’s, ich suche welche vom Boden auf und gebe sie ihr. Eins zu eins Betreuung? Definitiv vorbei.

Während der Fahrt kreischt Ida jedes mal, wenn ihre Salzstangen alle sind und sie möchte, dass Emil ihr neue reicht. „Langsam nervt es,“ murrt Emil. Frag mich mal!

In der Tiefgarage des Schwimmbades sind die Parkplätze so eng bemessen, dass man zwar hinein passt, dann aber nicht mehr aussteigen kann, geschweige denn Kinder aus ihren Kindersitzen befreien kann. Hin und her rangieren oder quetschen? Quetschen. „Mir tut das weh, wenn das so eng ist,“ murrt Emil. Kann ich verstehen. Aber grade auch nicht ändern.

An der Kasse vor uns steht eine Frau, deren „Multicard“ abgelaufen ist, die jetzt aber trotzdem in die Sauna möchte. Klingt für mich gar nicht so kompliziert – stellt sich aber als höchst komplexe Aufgabe heraus. Emil sagt „Ich muss mal“ und Ida möchte partout nicht mehr auf dem Arm sein. Ich lasse sie laufen und sie hat nichts besseres zu tun, als aus dem Buggy einer türkischen Familie eine Packung Kekse zu ziehen. „Ich muss echt dringend,“ insistiert Emil. Die Multicard-Frau fragt, ob sie nicht eine neue Card haben könne. Eine blaue. „Blaue haben wir glaube ich gar nicht mehr,“ sagt der Kassierer und beginnt in Schubladen zu wühlen. „Ich kann kaum noch aushalten!“ flüstert Emil. „Können wir sonst schnell bezahlen?“ erkundige ich mich. „Wir ham’s gleich,“ vertröstet mich der Kassierer. „Nee, die meinte ich nicht,“ sagt die Multicard Frau und schüttelt den Kopf. Der Kassierer sucht weiter. Ida wird freundlich aufgefordert, die Kekse zurück zu geben und Emil tritt einen Schritt von mir zurück und pinkelt in die Hose. „Ging jetzt echt nicht anders,“ murmelt er beschämt. „Tschuldigung, Mama.“

Ich finde einen leeren Schrank und Emil steht neben mir und sagte alle zwanzig Sekunden: „Ich will das ausziehen, Mama. Das ist alles nass!“ Ida verschwindet mit zwei Männern und ihrem Erdbeerkostüm hinter der Tür der Männerdusche. Ich laufe hinterher und zieh sie wieder raus. „Lauf doch nicht ständig weg,“ bitte ich sie, aber ich weiß, dass sie das nicht versteht oder nicht verstehen will. Sie verschwindet hinter irgendwelchen Schränken. „Na, wo kommst du denn her?“ höre ich es aus mehreren Umkleiden. Ich ziehe Emil die nassen Sachen aus. Er schlüpft in seine Badehose und ruft: „Und jetzt, duschen!“ Er rennt Richtung Dusche. Ich versuche zwei Taschen und Winterjacken und Emils nasse Sachen in einem Schrank unterzubringen und laufe im letzten Moment los Ida davor zu retten, sich nicht die Finger an der sich schließenden Tür zur Dusche zu klemmen. „Warte doch bitte mal kurz,“ sage ich zu Emil und ich höre mich dabei selbst. Ich bin genervt. Meine Stimme klingt genervt. Ida will das Erdbeerkostüm nicht ausziehen. „Jetzt?“ fragt Emil alle dreissig Sekunden. Ida zappelt. „Kann ich was essen?“ erkundigt sich Emil und greift noch mal zu der Dose. Die Rest Salzstangen verteilen sich auf den Fliesen der Umkleidekabine.

Emil kommt nicht alleine an den Duschknopf. „An!“ ruft er und ich trete mit Ida auf dem Arm unter der eigenen Dusche hervor, drücke auf Emils Knopf und gehe zurück. Das machen wir ungefähr 15 mal. Dann stelle ich Ida ab um unsere Tasche mit den Handtüchern zu greifen, Ida rutscht auf den nassen Fliesen aus und heult. „Auf geht’s!“ sage ich beschwingt und fände eins zu eins Betreuung jetzt etwas ganz wundervolles.

Wir finden eine letzte freie Liege, Ida reißt die Handtücher aus der Tasche, eines fällt auf den nassen Boden. Okay, eins weniger. Was soll’s?

Ida findet alles im Dino Bad ziemlich angsteinflössend und klammert an mir wie ein Äffchen und mit diesem Äffchen auf dem Arm klettere ich von Schwimmbecken zu Schwimmbecken, immer hinter Emil und dem großen Emil hinterher. Der große Emil kann ein bisschen schwimmen, Emil kann das nicht und ich hab das Gefühl, ich muss ihn ständig im Blick haben. Ich merke aber auch, dass ich das nicht schaffe. Ida will lieber ins Babybecken. Die Griechen und die Mama vom großen Emil bleiben mit im großen Dino Becken, aber ich weiß, dass sie nicht Hundert Prozent Aufmerksamkeit für meinen Emil haben werden. So viele Kinder, so viele Nischen, so viel Geplansche.

Gegen 18:00 bestellen wir den Kindern etwas zu Essen. Emil und Emil wollen aber lieber rutschen und verlassen postwendend das Restaurant um zurück zum Becken zu rennen. Ida sitzt im Hochstuhl und haut erwartungsvoll mit dem Plastiklöffel gegen alles in Reichweite. Ich hab keine Ahnung ob klein Emil alleine rutschen kann. Ich verlasse mich drauf, dass er es kann. (Und versuche aus meinem Kopf auszublenden, dass bei der Rutsche ein Schild steht mit der Aufschrift: Nur für Kinder zwischen 6 und 16 Jahren). Emil und Ida streiten sich um die Pommes. Die Hälfte landet unter dem Tisch, den Ketchup verteilt Ida auf ihrem Handtuch. Noch ein Handtuch weniger. Was soll’s?

Um kurz vor sieben brechen wir verspätet auf. Ida – völlig übermüdet. Emil sagt er friert, ich habe nur noch nasse Handtücher und eines mit Ketchup drauf. Emil bockt. Ida schreit. Ich frage mich, wie ich die ganzen Taschen ins Bad bekommen habe. Hatte ich mehr Hände als wir angekommen sind? „DU SOLLST MICH TRAGEN!“ schreit Emil. Würde ich gerne, denke ich, denn dann würde alles schnell gehen, aber ich habe zwei Taschen, dreckige Handtücher und eine schreiende Ida. „Wie soll das gehen?“ versuche ich ruhig zu fragen. „IST MIR EGAL!“ schreit Emil.

In der Umkleide trete ich ständig auf unsere eigenen am Boden zerbröselnden Salzstangen. Emil hat nichts anzuziehen – ist ja alles vollgepinkelt. „Wie soll ich jetzt ins Auto?“ schreit er. Weiß ich nicht. „Im Bademantel?“ frage ich. Drei Grad Plus. Trockene Handtücher keine mehr da. Ida verlässt schon wieder nackig die Umkleidekabine und ich hab keine Ahnung in welche Richtung sie gelaufen ist. Suchen Kinder nicht irgendwann nach ihren Eltern? Ida nicht. Ich ziehe Emil ein T-Shirt von mir als Kleid an und friere jetzt selber. Außerdem finde ich eine Ersatzstrumpfhose von Ida. Die reicht aber nicht ganz bis zum Po. „So kann ich doch nicht laufen,“ sagt Emil kleinlaut. Er merkt, dass ich keine Lust mehr auf Streit hab. Ich kann es nicht ändern. Ich muss erst mal Ida finden. Die hat sich einer Behinderten-Schwimmgruppe angeschlossen. Mehrere Jugendliche kommunizieren mit ihr im Vorraum der Männerdusche. Ihre Bewegungen sind motorisch ungelenk, ihre Aussprache sehr rau und dunkel. Ich hätte als Kind Angst bekommen – Ida nicht. Das ist ja auch gut so. Aber weglaufen soll sie trotzdem nicht.

Ich ziehe Ida an und mich als letztes. Durchgefroren bin ich jetzt sowieso schon. Emil sagt, er hätte jetzt gerne Buchstaben Kekse. Hab ich nicht, antworte ich. Emil bricht in Geschrei aus.

Ich versuche beide Kinder in ihre Kindersitze zu bekommen, aber es ist immer noch viel zu eng. Ida heult und Emil nörgelt, dass er die viel zu kleine Strumpfhose ausziehen will. Ich kann ihn sehr gut verstehen, aber ohne ist es zu kalt, außerdem muss er die Schuhe anlassen, sonst kann er gleich nicht vom Auto bis zur Wohnung laufen und wer weiß wo wir parken werden. „Ich kann sowieso gar nicht mehr laufen,“ stellt Emil fest. Na dann!

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Ich parke im Halteverbot und muss morgen früh um sechs weg sein. Na super. Dafür ist es nicht ganz so weit zur Wohnung. Die schlafende Ida in den Buggy, den schlafenden Emil auf den Arm, der nackige Po muss die drei Grad ein paar Minuten aushalten.

Zuhause: Coq au vin und exzellenter Rotwein, schlafende Kinder und gute Musik – Paul und ich zusammen. „Und, wie war es‘,“ fragt Paul. „Total schön,“ sage ich. Und meine das auch so.

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6 thoughts

  1. Vielen Dank! Ich glaube, solche Kommentare und so ein Feedback von Freunden und Familie, das ist es, was einen dann auch solche Tage positiv sehen lässt. (Aber ein kleines bisschen vor Wut rum geschrieen hab ich zwischendurch auch mal…) 🙂

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