Glücksmomente 3

Unsere Wochen sind selten leer, gegen Ende der vorhergegangenen Woche füllt sich die folgende. Wir verabreden uns, planen unsere Tage, sehen neue und alte Freunde wieder, notieren wann wir zum Kinderturnen, zum Fußball, zu „Gedichte für Wichte“ wollen. Aber unser Montag blieb leer. Und die Kinder wussten auch das zu schätzen.

Trotz Schaffell und Wolldecken waren sie durchgefroren von der 20 minütigen Fahrradtour nach Hause. Wichige Momente in denen man sein Zuhause, mit all der Wärme, zu schätzen weiß. In denen man merkt, wie sehr das Gefühl von Geborgenheit und Schutz in den eigenen vier Wänden steckt. Die Kinder haben in der Küche am Tisch gesessen, heißen Kakao getrunken und gemalt. Wir haben lange nach einem passenden Küchentisch gesucht, groß, aber nicht zu tief sollte er sein. In der Mitte im Raum sollte er stehen, ein Zentrum, um das sich alles dreht. IMG_0943Ein Tisch, an dem gemalt, gebacken, gegessen, gebastelt, gepuzzelt und mit vielen Menschen gesessen wird. Gesucht haben wir vergeblich – bis Pauls Vater unseren jetzigen Tisch in einer Auktion entdeckte. Ein Wirtshaustisch von 1860. Mit wunderbaren Kerben und Kratzern, die Geschichten erzählen. Geschichten aus einer Welt in der es noch einen Kaiser gab, lange vor zwei Weltkriegen. Dunkel, fest und einladend steht er jetzt in der Mitte unserer ansonsten hochglanzweißen Küche. Ein Kontrastpunkt der die ganze Familie und Freunde zusammen führt.

Paul blieb länger in der Klinik – auch im neuen Job etwas, dass uns im Alltag begleiten wird. Ich habe die Kinder gebadet und ins Bett gebracht. Einschließlich der abendlichen Routine aus Geschrei, Genörgel, Vorlesen, Milch warm machen, Streitigkeiten über den richtigen Schlafanzug und zu kurzem Vorlesen. Dann setze ich mich irgendwann aufs Sofa und denke: Mein Gott, wie bezaubernd sie sind. Trotz allem. Immer. Wie wahnsinnig glücklich ich bin, diese beiden wunderbaren Wesen in unserer Obhut und unserem Leben zu wissen.

Dienstag hat Greta uns endlich mal wieder zum Kinderturnen begleitet. Der Bewegungsdrang der Kinder ist hoch, aber das Kinderturnen langsam unter ihrem Niveau. Sie klettern, turnen und krabbeln nicht mehr. Sie wollen gefordert werden und weil das keiner tut rennen sie wie wild im Kreis herum. Ich habe nur Augen für Idas kleinen, nackten Füße. Größe 20, zarte, schmale Füße. Die mal mehr mal weniger sicher schräge Bänke erklimmen, über Kästen und Matten laufen. Ihr Gesicht, erhitzt vor Aufregung und Stolz. Ihre Augen immer auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Es ist längst mehr Idas als Emils Kurs geworden. Ida hat sich ihren Platz erkämpft. Nach dem sie fast ein Jahr lang nur neben den Geräten abgelegt worden war hat sie nun ihre eigenen Fähigkeiten entdeckt.
Gretas Mutter, ich und die Kinder verbingen noch eine Stunde in der Umkleidekabine. Die Kinder essen Äpfel, verstecken sich, flüstern, erfinden Geschichten. Erobern sich ihre ganz eigene Welt. Wir sehen einfach nur zu. Genießen es, dass wir einfach nur da sind. Kein Stress, kein Grund aufzubrechen oder die Kinder zur Eile zu mahnen. Wir sehen anderen Müttern nach, die Kinder in Handschuhe und Schneeanzüge stecken, heulend, gestresst, genervt. Wir sitzen nur da und sehen dem Treiben zu. Als wir um sechs aufbrechen, ist das auch für die Kinder in Ordnung. IMG_1071

Paul hat am Mittwoch frei, wird aber das kommende Wochenende wieder durcharbeiten. Wir finden kaum Zeit füreinander. Ich muss arbeiten, Paul einen Vortrag schreiben. Mittags schlafen wir für eine Stunde gemeinsam im Bett. Es fühlt sich vertraut, still und sehr außergewöhnlich an. Als wir aufwachen ruft niemand nach uns. Wir trinken einen Cappuccino im Bett. Alles ist still. Wir reden, lesen, sind einfach nur da. „So wünsche ich mir manchmal das Morgens aufwachen,“ sagt Paul. Wir haben uns einen eigenen, neuen Start in den Tag gebastelt. Ruhig, ausgeschlafen und einen kurzen Moment nur für uns selbst verantwortlich.

Den Nachmittag verbringen wir bei Freunden. Wir backen Drachenbrote. Ida knetet hingebungsvoll ihren Teig. Sie ist so stolz, dass sie mitmachen darf. Immer wieder sucht sie Blickkontakt zu den älteren Kindern. Im Gegensatz zu unserem Leben, reduziert sich das Leben unserer Freunde auf das Nötigste. Weg von Konsum, von Überflüssigem, von dieser schönen, neuen Welt die uns vorgaukelt, was wir alles brauchen. Ich fühle mich weder schuldig noch fehl am Platz, sondern immer wieder in meinen Gedanken befreit von all dem schönen Schein, der uns umgibt. Was davon brauchen wir wirklich um glücklich zu sein? Es geht nicht darum sein Leben zu ändern, sondern zu reflektieren. Wir umgeben uns gerne mit schönen Dingen. Ich möchte das nicht ändern. Aber ich nehme gerne auf, dass es auch ganz anders geht. Das man seine Prioritäten völlig anders setzen kann, als wir es tun. Und das es sich immer lohnt, sich anzusehen und anzuhören, wie andere Menschen ihr eigenes Leben betrachten, wie sie es leben, welche Ziele und Vorstellungen sie verfolgen.

Abends kocht Paul für mich. Wir reden über die Unterschiede zwischen uns und unseren Freunden und die Heterogenität unseres Freundeskreises und darüber, was uns selbst das alles gebracht hat. Wieviele Gedanken, Ideen, Bewegungen wir übernommen haben, aber auch, wie oft wir gemerkt haben, dass Dinge die für andere selbstverständlich sind mit unserem Leben nicht kompatibel sind. Das alles ist nicht wichtig, so lange wir bereit sind nicht zu verurteilen und versuchen, Handlungen zu verstehen aber auch zu hinterfragen. Wären wir alle gleich, würden wir in eine Sackgasse laufen.

Am Abend sehen wir „Tod eines Mädchens“. Ein TV Tipp unserer Freundin Polli, die diesen als Junior Producerin betreut hat. Wir sehen selten fern, aber dieser Abend war durchaus wohltuend. Ein ganzer Film, von Anfang bis Ende. Emil bemerkt, wenn der Film von Polli sei, dürfe er ihn auch sehen. Polli sei schließlich auch seine Freundin. Wir intervenieren. Manche Dinge sind eben doch nur für Eltern. Bildschirmfoto 2015-02-15 um 20.20.10

Am Freitag beginnt Ida den Tag um zwanzig nach vier. Sie knetet, blättert in Bilderbüchern, lässt Hundert mal Kugeln die Kugelbahn herunter rollen. Ich sitze mit Wolldecke und heißem Kaffee auf dem Sofa und warte auf den Morgen. Ida kann keine Uhr lesen und ihre innere Uhr hat ihr anscheinend suggeriert, dass sie ausgeschlafen hat. Seit einigen Monaten hat ihr Körper bereits sehr gut verinnerlicht, wann man schläft und wie lange – dass sich da hin und wieder noch Fehler einschleichen, ist ja nur menschlich. Auch wenn meine innere Uhr grade etwas ganz anderes sagt.
Wir sagen aber aus dem Grund unser gemeinsames Essen mit den Griechen nach dem Fußballtraining ab und essen Zuhause. Immerhin eine Chance auch Paul noch für eine Stunde zu sehen, bevor der wieder zum Nachtdienst geht. Qualität statt Quantität. Die Kinder freuen sich und ich freue mich auch (Paul sowieso!).

Momentan sind wir im Schnitt bei drei Dienst-Wochenenden pro Monat – für mich anfänglich jetzt doch etwas schleppend. Zum Glück gibt es genug Freundinnen, die ähnliche Schicksale teilen, unter anderem Familien mit Piloten als Vätern und Familien mit Journalisten als Vätern – die häufig auch ihre Wochenenden fern von Zuhause sind. Also zelebriere ich den Valentinstag mit meiner französischen Freundin – allein vom Akzent außerordentlich romantisch, und ihren beiden französischen Kindern die mit Emil in den selben Kindergarten gehen. Nicht gleichgeschlechtliche Freundestreffen unter den Kindern sind meistens voller Harmonie. Für die Französin und mich eine gute Basis um die Sonne auf dem Spielplatz zu genießen.

Am Sonntag verlassen wir um kurz vor zehn das Haus auf dem Weg zum Wahllokal. Emil erkundigt sich, ob, sollte unsere „Farbe“ am Abend gewonnen haben, wir dann einen Pokal bekämen? Leider nicht, sage ich. „Und dürfen wir dann noch selber entscheiden, was wir trinken?“ Politik für Dreijährige ist wirklich auf ein Minimum heruntergebrochen. Emil ist beruhigt, dass einige wichtige Entscheidungen auch weiterhin innerhalb der Familie bleiben. Beim Stimmzettel abgeben berichtet er allen offenherzig, für welche Farbe wir uns entschieden haben. „Ich glaube, die gewinnen,“ fügt er verschwörerisch hinzu.
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Den Vormittag verbringen wir beim Geburtstagsbrunch der Griechin – Erwachsene, Kinder, sehr gutes Essen, gute Gespräche, Sprach-Wirr-Warr. Gegen Mittag brechen wir auf, verlassen Altona und fahren mit dem Bus ins Grindelviertel zum Kindergeburtstag von Emils Freundin Suri. Wieder viele Kinder, buntes Treiben. Ich gehe kurz mit der schlafenden Ida durchs Viertel und treffe zufällig Freunde. Hamburg? Immer noch sehr klein.

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Frühen Abend kommen wir nach Hause, die Kinder erschöpft, Paul grade erst aufgestanden und schon wieder auf dem Weg zum Dienst. Kleine Momente der Familienzeit, gemeinsames Essen, Emil erzählt von den Geburstagen. Paul und ich verabschieden uns. Nächste Woche, versichern wir uns, haben wir auch endlich wieder Zeit füreinander.

Wer Lust hat mehr „Glücksmomente“ in Blogform zu lesen, kann das bei „Mamamiez“ unter http://www.mamamiez.de/2015/02/16/gluecksmomente-072015/


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