Wir sind coole, alte Leute

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Wir suchen eine Babysitterin. Ida ist jetzt eineinhalb, es wird Zeit, sich auch wieder vermehrt anderen Dingen zuzuwenden, wenn Emil und Ida friedlichst und zufrieden in ihren Betten schlummern. Unser Leben hat sich gravierend geändert durch Pauls Schichtdienst. Wenn einer Schichtdienst hat und der andere frei ist in seinem Schaffen, dann bekommt man eines geschenkt: Zeit zusammen.

Paul ist häufig gegen 21:00 oder 21:30 nach Hause gekommen. Seit Jahren. Paul hat manchmal bis Mitternacht gearbeitet, Paul hat selten gehört wie jemand „Hallo Papa!“ geschrien hat. Und nie mitbekommen wie lange Emil am Fenster gewartet hat. Paul hat sich selten beklagt, hat immer Kräfte mobilisiert um mit Qualität wett zu machen, was ihm an Quantität fehlte. Und die wenigen gemeinsamen, planbaren Abende hat Paul nie gezögert ins Theater zu gehen, sie bei Freunden zu verbringen, oder mit einem Bier in der Hand auf kleinen Konzerten zu verweilen. Paul und ich haben außer der Vorstellung vom reisen noch eine weitere, ganz grundlegende Gemeinsamkeit: wir haben dieselben Vorstellungen von kulturellem Amüsement. Gut, Paul ist mal in einer endlosen Neumeier Ballett Inszenierung eingeschlafen und hin und wieder findet er, meine Smalltalk Qualitäten auf Parties, bei denen nur Mediziner anwesend sind, seien noch ausbesserungsfähig. Aber alles in allem laufen wir sehr konform, sowohl in unseren Vorstellungen wo wir hingehen, als auch in der Vorstellung DAS wir irgendwo hingehen – und nicht Abend für Abend vor dem Fernseher sitzen.

Also kamen die Babysitterinnen. Es gibt leider keine Leitlinie – außer dem eigenen Verstand – wonach man eine Babysitterin aussucht. Es erinnert mich häufig an WG Castings, und auch da wusste man nach dem gemeinsamen Kaffee nicht wirklich, ob die Person tatsächlich für 365 Tage kompatibel war. Und dann noch Paul an meiner Seite, der tatsächlich nie in einer WG gewohnt hatte. Kinder entscheiden nach Gefühl, nach Sympathien, aber tatsächlich bevor diese bewusst versprüht worden sind. Emils Sympathie galt L., Idas galt definitiv P. Und charakteristisch passte das wie die Faust aufs Auge.

Bei der Suche nach Babysittern höre ich mich Sachen sagen, die ich während meines Studiums selbt gehört habe. Wer noch gewickelt wird, wer wie lange fernsehen darf, dass man sich jederzeit an Essen und Getränken bedienen dürfe. Danach haben wir die Wohnung gezeigt, großzügiger Altbau, frisch saniert, hohe Decken, Flügeltüren, Stuck, Garten. Eine Welt – um Lichtjahre vom Studentendasein entfernt. Dazwischen wir, dicke Wollsocken über der Strumpfhose, kurzes Kleid und Strickjacke, ungeschminkt und unachtsam zusammen gebundene Haare, Paul wie immer eine ungreifbare Mischung aus Hipster und nonchalantem italienischem Professor, Espresso in der einen, Iphone in der anderen Hand. Meine Güte, wir sind ein Klischee unserer selbst. Und das noch nicht mal beabsichtigt.

Am Ende des ganzen Prozederes stehen wir in der Küche und trinken ein Glas Rotwein und Paul resümiert: „Mein Gott, wir sind ganz schön alt im Vergleich zu denen.“ Einen Moment denken wir darüber nach. „Wir sind coole, alte Leute!“ fügt er dann hinzu.

Kurz nach Emils Geburt überkam mich auf einmal eine unfassbare, erdrückende Sehnsucht nach Beständigkeit, nach Sicherheit und Ordnung. Mein Lehramtstudium lag Jahre zurück, aber auf einmal schien es wieder präsent und ich hatte das Gefühl, entgegen all meiner kreativen Neigung, entgegen all dem was ich seit Jahren machte, ich müsse jetzt und sofort Lehrerin werden. Ich hätte all diese wunderbaren Rafinessen, wie ein festes Gehalt, diverse Versicherungen, Aussicht auf Rente. Für die Bewerbung zog ich los mein Abiturszeugnis (wozu zur Hölle brauchte man eine Kopie des Abiturzeignisses, wo man bereits einen Uni Abschluß hatte?) zu kopieren. Der Mann im Copy Shop nahm das Zeugnis und sah mich an. „Das ist aber nicht deins,“ erkundigte er sich. „Doch,“ sagte ich. Er sah mehrmals fassungslos auf das Geburtsdatum. „Dann bist du zweiunddreißig?“ fragte er. Ich nickte und fühlte mich, wie der jüngste Mensch der Welt – nahezu. Zumindest fühlte ich mich befreit. Manchmal fragen mich die Leute in den Cafés, Spielplätzen oder auf der Straße, ob Emil und Ida meine Kinder seien. „Da haben sie aber sehr jung Kinder gekriegt!“ staunen sie dann. Nein, denke ich. Alles andere als das.

Dann treffe ich auf Studenten auf dem Campus, die „Entschuldigung, wissen sie wo das Gebäude XY ist?“ fragen. Als Kommilitonin gehe ich demnach nicht mehr durch.

Im Café saß einmal ein älterer Professor neben uns, der sehr an Emils Geschichten und Mitteilungsdrang interessiert war. Auch er war überrascht, dass tatsächlich ICH die Mutter sei. „Wissen sie,“ fügte er erklärend hinzu. „Es liegt an der Art wie sie mit ihm sprechen. Wie eine Freundin. Nicht wie eine Mutter.“

Alles in allem bin ich das aber, und das auch sehr gerne. Und alles in allem bin ich auch keine Studentin mehr. Und das spielt auch überhaupt keine Rolle. Weil wir uns genug durch unser Umfeld definieren. Die Kleidung die wir tragen, die Musik die wir hören, die Sportarten die wir betreiben, die Städte in denen wir leben, die Berufe die wir ausüben. Aber viel wichtiger ist es doch, durch was wir uns noch definieren. Durch die Dinge die wir denken, tun und ausleben. Durch die Kunst, die wir betreiben, durch die Beziehungen, die wir führen. Und da spielt Alter keine Rolle. Und mit Fug und Recht lässt sich dann sogar mit ein wenig Stolz behaupten: Wir sind coole, alte Menschen.

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