Glücksmomente

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Montags morgens erwartet einen Zuhause eine unnatürliche, nahezu bedrückende Stille nach all dem Kinderlachen, streiten, kreischen und kichern am Wochenende – es gilt also, um sich erst mal wieder zu aklimatisieren, diesen stillen Ort zu meiden, an dem ausschließlich die Katze für etwas leben sorgt, und im Café zu arbeiten. Vor den Scheiben rieseln lautlos Schneeflocken, es duftet nach Karamell und das schönste: Freundinnen kommen vorbei. Jemand hat mal ganz passend gesagt: „Eimsbüttel ist wie ein Dorf nur mit Städtern.“ Ich liebe diesen Vergleich, weil er so wahr ist. Egal, wohin wir gehen, wir treffen unsere Freunde, auf der Straße, im Supermarkt, in Cafés und Restaurants, auf Märkten, Festen und Spielplätzen. Und sie alle tragen Geschichten mit sich, die sie teilen mögen. Und während der Schnee vor dem Fenster rieselt, fährt wie in einem Film – ganz lautlos hinter der Scheibe – die Ida vorbei. Mit kleine Schneeflocken auf ihrer roten Mütze sitzt sie da, auf einem Wagen, umgeben von sechs anderen winzig kleinen Wesen. Ich sehe sie und mein Herz wird warm. Sie sieht sich die Welt und den Schnee an. Ich weiß nicht, ob sie mich genau in diesem Moment vermisst. Sie zu sehen macht mich glücklich und traurig gleichzeitig. Wie oft geben wir unsere Kinder in die Hände anderer, statt die Zeit selbst mit ihnen zu verbringen?

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Am Nachmittag nehmen wir Freunde von Emil mit. Die Wohnung ist von Leben erfüllt – eine wohltuende Atmosphäre. Überall wird gespielt, Hausaufgaben gemacht, gekocht und gelacht. Abends liegen die drei Jungs im Wohnzimmer nebeneinander unter einer Decke. Wir essen mit Freunden. Guter Wein, gutes Essen und gute Gespräche. Um gut in die Woche zu starten, sollten alle Montage so sein.

Emil verbringt den Dienstag mit seiner Freundin Suri und dessen Geschwistern auf dem Spieplatz. Erst lange nachdem es dunkel geworden ist, holt Paul ihn ab. Er schläft direkt im Fahrradanhänger ein. Ich lege ihn aufs Bett und ziehe die kleinen Socken aus, sehe mir die nackten, zarten Füße an, das seelig schlafende Gesicht. „Wenn er schläft, sieht er aus wie ein Engel,“ sagt meine Mama dann immer. Der Engel kuschelt sich in die Kissen. Ich bin voller Liebe und könnte ihn ewig betrachten. Paul hat Nachtdienst, als ich Abends ins Bett krieche, liegt Emil da immer noch in einem Berg Kissen. Ich lege mich auf die Seite und sehe ihm beim schlafen zu. Was ihn wohl in seinem Leben noch alles erwarten wird?

Am Mittwoch mache ich endlich neue Termine mit den Zeitzeugen für mein Buchprojekt – nach der Reise und der Nachrecherche haben sich so viele neue Fragen aufgetan. Ich freu mich sehr auf die kommenden Gespräche. Was vor allem deutlich wird, die, die am wenigsten mit ihrem Schicksal haderten haben ein gutes Leben geführt – die, die ihrer alten Heimat bis heute hinterhertrauern, blicken häufig auf ein unbefriedigendes Leben zurück. Wir können so viel aus diesen Geschichten lernen, wenn uns Menschen mit 80 und mehr Jahren Lebenserfahrung gegenüber sitzen. Wer das Schicksal hinnimmt und weiter läuft hat gute Chancen belohnt zu werden, wer sich vom Schicksal mitreißen lässt, kann untergehen. Ich bin jedem einzelnen meiner Zeitzeugen sehr dankbar, dass sie ihre Geschichte und ihr Leben mit mir teilen.

Da wir den August oder den September in Kanada verbringen werden nutze ich die Zeit mich durch Reiseführer zu kämpfen. Vor allem aber, eine Route zu erstellen, die uns über New York führen wird. Ich spüre fast eine Art Ungeduld, wenn ich daran denke, Emil und Ida diese faszinierende Stadt zu zeigen. Wer sagt, New York ginge nicht mit Kindern, soll sich auf einige Seiten (hoffentlich) wunderbarer Blog-Einträge freuen!

Ich verbinde mit New York sehr viele warme, aufregende Gefühle voller Bilder einer beginnenden Liebe. 6 Wochen kannten Paul und ich uns als wir losgeflogen sind. Eine Reise, die uns sehr zusammengeführt hat. Keinen einzigen Moment seitdem möchte ich mit ihm missen. New York hat einen Grundstein gelegt für eine große Liebe aus der zwei Kinder entsprungen sind und die Gemeinsamkeit das wir weiter reisen werden – egal wohin, aber immer zusammen und mit wieviel Freude wir unseren Kindern die Welt in all ihren Facetten zeigen möchten.

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Den Donnerstag Vormittag verbringen Emil und ich im Café. Dann widme ich mich dem Buch – ich finde den Zugang nur schleppend, aber ich finde ihn und ich glaube, dass es jeden Tag besser wird und das beschwingt mich. Ich treffe einen Freund der berichtet, seine Mutter hätte eine ähnliche Reise gemacht und auch darüber geschrieben. Es tut gut Motivation von außen zu bekommen. Ich kontaktiere das Museum in Stade, dass mir bei der Recherche viel geholfen hat. Ich komme voran, weil ich mich um Dinge kümmere – das habe ich Monatelang vor mir hergeschoben. Und ich merke, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Das macht mich glücklich. Trotzdem sitze ich noch viel vor dem Bildschirm ohne zu schreiben. Ich müsste eine Struktur finden, aber die ist blockiert.

Freitag Nachmittag starten wir einen neuen Versuch beim Fußball. Voller Stolz treten wir mit komplett Familien an – die Griechen und wir. Paul noch ziemlich neben sich stehend vom Nachtdienst schlägt sich aber wacker. Emil platzt vor Aufregung. Die ersten 5 Minuten muss ich mit in die Halle – dann ist er so in seinem Element das ich zu Ida, Paul und den Griechen hinter die Scheibe darf. Emil rennt als gäbe es kein morgen mehr.

Am Großneumarkt überkommt uns fast frühlingshafte Urlaubsstimmung. Es ist kalt, aber die vielen kleinen Restaurants am Markt vermitteln zartes Pariser Flair, in der Dunkelheit leuchten filigrane Lichterketten, Innen sieht es klein, einladend und gemütlich aus. Wir suchen uns einen Italiener, die kleinen Fußballer stärken sich mit Pizza, wir trinken Wein, tauschen New York Erfahrungen aus und die Griechin legt uns nahe, zu einem Kongress nach Philadelphia mitzukommen. Das Datum überschneidet sich mit unserem Familienurlaub in Meran. Und auf den freuen wir uns auch schon sehr.

Gegen acht kommen wir nach Hause und beiden Kinder sind im Auto eingeschlafen. Paul kämpft noch immer mit Jetlag und ich gehe endlich wieder mit Freundinnen weg. Die haben beide keine Kinder und wenn ich sie treffe, fühlt sich alles an wie früher. Dafür liebe ich sie.

Paul und Emil nutzen den ersten freien Samstag seit Wochen um Apfelkuchen und Brot zu backen.

IMG_0927    IMG_0950Und gleich zwei potentielle neue Babysitterinnen stellen sich vor. Und wir haben Glück, wir mögen beide und die Kinder mögen sie auch. Beim Einschlafen sagt Emil, er sieht manchmal Dinge obwohl sie nicht da seien.„Was denn zum Beispiel?“ frage ich. „Eben,“ sagt er. „Habe ich ein Bison gesehen.“ Ich staune. „Ich glaube, dass kommt, weil mein Kopf schon so müde ist aber meine Augen noch nicht schlafen wollen. Dann sehe ich Dinge, die eigentlich in meinen Traum gehören.“ Emils Theorien machen mich auf jeden Fall immer glücklich.

Manche Foto Ideen entstehen aus dem Nichts, ich sehe Dinge, Momente, Situationen, Motive und setze sie um. Manchmal plane ich viel und nichts klappt. Am Sonntag allerdings waren nur Ida und ich zusammen, in einem Treppenhaus , 20 Minuten. Wir hatten nichts geplant, wir wollten nur eine Kiste rausbringen. Aber diese Momente sind es, die eine Kraft in sich haben, die man niemals planen, stellen, inszenieren kann. Sie sind einfach da und man muss bereit sein, sie zu fassen.

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Wer mehr „Glücksmomente“ in Blog Form lesen möchte kann das unter http://www.mamamiez.de/2015/02/09/gluecksmomente-062015/


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