Begeisterung

Ich lese wenig bis gar keine Bücher über die Kindererziehung, außer dem „Leitfaden für faule Eltern“, einem Geschenk von Freunden, dass einen tatsächlich inspiriert und bestärkt und manchmal auch ein wenig schmunzeln lässt. Ansonsten finde ich tatsächlich nichts weniger greifbar als Pädagogik. Ein unfassbar weites Feld in dem jeder im Grunde seine Theorie bis zum Letzten aufrecht erhalten kann, koste es was es wolle, es gibt kein richtig oder falsch. Das man Kinder nicht schlagen soll, finden wir ziemlich richtig, findet man andernorts aber gar nicht so selbstverständlich und das man Kinder nicht lebendig begraben darf, finden wir eine ziemlich unwiderrufliche Regel, die IS Kämpfer hingegen zögern da nicht.

Die Welt driftet in ihrer Erziehung um Welten auseinander. Es wäre anmaßend zu behaupten, wir würden es am Besten machen, wir wissen ja nicht, wie wir es machen würden, wären wir selbst woanders aufgewachsen, anders erzogen und indoktriniert und geformt worden.

Ich habe selber Pädagogik studiert und mich noch nie so sehr taumelnd in einer Wissenschaft wieder gefunden, die ich überhaupt nicht greifen kann. Vielleicht kommt daher meine Abneignung gegen Bücher über Erziehung und manchmal denke ich, warum besinnen wir uns nicht in den wesentlichsten Dingen auf das, was die Menschen seit Jahrhunderten tun, denn das kann doch so falsch nicht gewesen sein. Ohne Bücher, ohne Wissen, ohne Zivilisation und Konsum haben die Menschen anscheinend nur das getan, was sie für richtig hielten.

Am Ende ist wichtig, was wir für richtig halten und dieses gegebenenfalls verteidigen, wenn andere das nicht so sehen. Wir sollten nie die Augen verschließen, vor dem was um uns herum erzählt, erzogen und vorgelebt wird. Es gibt so viele Dinge, die schön sind, und die wir in unsere Familien mit hinein nehmen können. Viel öfter sehen wir an anderen, was wir nicht in unsere Familien mit hineinnehmen wollen, und auch das ist eine wichtige Erkenntnis.

Im Grunde kann das, was uns selber glücklich macht, Kinder meistens auch nur glücklich stimmen. Gute Freundschaften, die einen inspirieren, auffangen, so sein lassen, wie man ist. Menschen, die einen lieben und wertschätzen. Sich für Dinge zu begeistern. Kunst, Filme, Bücher, Musik. Ich selber habe eine Abneigung gegen Musicals und liebe reduziertes Theater. Vielleicht fällt es mir ein bisschen schwerer, die Kinder für Musicals zu begeistern, aber Menschen die Musicals mögen, die können und sollten auch ihre Kinder dafür begeistern. Nichts kommt ehrlicher und überzeugender rüber als die echte Begeisterung. Ich weiß zum Beispiel noch nicht so genau, wie ich meine Kinder mal für Spinnen und Mathematik begeistern soll.

Aber ich kann sie auch für banaleres begeistern – fürs aufräumen zum Beispiel und Betten beziehen (die Kinder lieben das!). Sie lieben es zu backen, zu kochen, im Garten zu arbeiten. Ich hingegen spiele nicht besonders gerne. Um sich davor zu drücken, lasse ich sie an meinem Leben teilhaben, Gemüse schneide, Salat waschen, Brotteig kneten. Eine win-win Situation.

Im „Leitfaden für faule Eltern“ ist das hervorragend beschrieben, als deren Geschirrspülmaschine den Geist aufgibt. „Tun sie so, als würde ihnen abwaschen einen heiden Spaß bereiten. Die Kinder werden es dann auch lieben“ Und es hat sich – zumindest bei Autor Tom Hodgkinson – bewahrheitet.

Heute morgen, nachdem ich den Frühstückstisch abgeräumt habe, war es verdächtig still am anderen Ende des Flures. „Was macht ihr?“ rief ich. „Wir sitzen auf dem Sofa und sehen uns Bücher an,“ antwortete Emil. Die Liebe zum Buch scheinen wir vermittelt zu haben. Als wir vor einem Jahr hierhergezogen sind hatten wir für den Umzug fast die doppelte Menge Bücherkartons als normals Kartons. Knapp 900 Bücher sind mit uns umgezogen, obwohl wir uns von vielem getrennt haben und jetzt bereits einiges hinzu gekommen ist. Egal wo und wann, ich lese. Sei es, wenn die Kinder baden, spielen, einschlafen. Und Emil „liest“ auch ständig. Er hasst es, wenn wir das Haus verlassen, ohne ein Buch für ihn dabei zu haben. Jederzeit könnte sich eine Situation ergeben, wo er gerne lesen möchte. Und es wäre schlimm, wenn dann kein Buch greifbar wäre.

Bücher lieben ist toll, es ist etwas ganz wunderbares und das sage ich nicht als ehemalige Studentin der Literaturwissenschaft. Ich glaube, Bücher lieben hat noch niemandem geschadet und ich freue mich jetzt schon auf die aufregenden Harry Potter Erfahrungen. Aber an und für sich ist es nicht wichtig, unbedingt die Liebe zu Büchern zu vermitteln, sondern die Liebe zu irgendetwas (vielleicht nicht grade Computerspiele und Super RTL), aber es gibt so vieles. Und manchmal haben wir ja auch selber vergessen, wofür wir uns mal begeistert haben. So wie Paul, der ein Jahr lang fast einmal die Woche mit Emil ins Zoologische Museum gegangen ist und sich ausgestopfte Tiere angesehen hat. Er hatte vergessen, wie sehr er sich dafür mal interessiert hat. Oder für Sport, fürs Rad fahren, für gute alte Kinderfilme wie „Pippi Langstrumpf“, für Baumhäuser, malen, zeichnen oder Klavier spielen. Jeder von uns hat etwas und wahrscheinlich sogar vieles, für das er sich interessiert und was er mit Begeisterung weiter tragen kann.

Und obwohl ich mit Begeisterung schreibe merke ich grade, dass das Ende des Textes mit dem Beginn nicht mehr viel zu tun hat. Für freie Gedanken kann man sich also auch begeistern 🙂

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