Wenn man nicht weiß was kommt

Wir können fast alles im Leben vorhersehen, insofern es planbar ist. Wir wissen, dass wir voraussichtlich in den nächsten zehn Minuten aufs Fahrrad steigen und in die Uni fahren werden. Dass wir gegen 17:00 mit Freundin X im Café sitzen. Wenn wir etwas in den Ofen schieben, können wir es höchstwahrscheinlich kurz darauf essen, wenn wir den Fernseher  am Sonntag Abend einschalten, kommt wahrscheinlich ein Tatort. Wenn wir Urlaub in Italien buchen und in den richtigen Flieger steigen, landen wir auch in Italien (und nur meine beste Freundin hat es tatsächlich geschafft, trotz aller Sicherheitsvorkehrungen bei ihrem vermeintlichen Flug nach Thessaloniki in einem Flieger nach Rom zu sitzen). Wenn wir losfahren, wissen wir meistens wohin, wenn wir Essen kochen, wissen wir meistens welches Gericht es wird, wenn wir jemanden anrufen, können wir ziemlich sicher sein, dass diese und keine andere Person ans Telefon geht.All diese Selbstverständlichkeiten haben wir durch jahrelange Erfahrung gelernt. Vieles im Leben ist tatsächlich vorhersehbar, insofern wir es planen.

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Wenn Ida morgens aufwacht erscheint ihr der Tag lang und groß und voller neuer Erfahrungen. Überall lauern Überraschungen und die wenigsten sind für sie vorhersehbar. Wenn ich sie aus dem Bett hebe, kann es sein, das ich ihr den Schlafanzug ausziehe. Es kann aber genauso gut sein, dass ich sie erst mal kurz aufs Sofa setze, ihr ein Wasser gebe oder in Emils Zimmer trage. Sie weiß es nicht und es erscheint ihr alles andere als vorhersehbar. Wenn ich ihr ein Trinken einschenke, wird sie erst in dem Moment wo sie es probiert erfahren, wie es schmeckt. Wenn ich sie in den Fahrradanhänger setze, weiß sie nie wohin wir fahren, geschweige denn wenn wir fliegen. Wenn ich etwas in den Ofen schiebe, weiß sie trotzdem nicht, was nachher auf ihrem Teller sein wird. Wenn ich sie hochhebe, weiß sie nie, wohin sie getragen werden wird. Wenn sie das Telefon in die Hand nimmt, weiß sie weder warum überhaupt keiner dran ist, noch warum hin und wieder mal Oma dran ist.

Wenn sie mit dem Puky über die Türschwelle fährt, geht sie Überkopf, wenn sie Schnee anfasst, werden ihre Finger nass, wenn man zwei Beine in ein Hosenbein quetscht, kann man nicht laufen. Für Ida ist vieles überhaupt nicht vorhersehbar. Was sie selber steuern kann, probiert sie aus. Und lernt, in dem sie fällt, sich den Kopf stösst, stolpert oder nass wird. Vor vielem versuchen wir sie zu schützen – aber einiges muss sie selbst erfahren.

Emil und Ida sind auf dem Spielplatz, im Wald, im Park und mit dem Laufrad oft gestürzt. Beim Hochziehen an Möbeln, bei den ersten Gehversuchen, beim Springen auf dem Sofa. Sie hatten blaue Flecken, Beulen und blutige Nasen. Aber sie haben gelernt sich selber einzuschätzen. Sie wissen in vielen Situationen, welche Risiken sie eingehen können und welche besser nicht. Sie haben gelernt, was ihre Beine tragen können, wie hoch sie klettern ohne Angst zu bekommen, und welche Dinge man meiden sollte.

Alles in allem ist auch mit drei Jahren vieles völlig unvorhersehbar. Bei wem Emil am Nachmittag spielt, zu welchem Sportkurs er geht – das entscheide alles ich. Ich lenke den Tag und Emil läuft mit. Aber bei allem ist am wichtigsten, dass es vorhersehbar, unwiderruflich, ohne Ausnahme immer so ist und sein soll, dass sie wissen das es gut wird. Das sie sicher sind. Das – egal wo sie hingefahren, geschoben oder getragen werden – es egal ist, weil es gut sein wird. Weil sie niemals Angst haben müssen. Weil sie niemals schlechte Erfahrungen gemacht haben. Weil sie wissen, dass jemand sie tröstet wenn sie fallen. Das irgendwann jemand den Schlafanzug ausziehen wird, sie beim richtigen Sportkurs abgeben und wieder abholen wird. Das jemand sie liebt, unfassbar doll, und sie niemals alleine lassen wird. Und das ist das Einzige und Wichtigste, was in ihrem Leben eine Konstante sein muss.

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2 thoughts

  1. Dein Beitrag hat mich sehr berührt. Vertrauen ist das größte was wir unseren Kindern geben und beibringen können. Vertrauen, dass sie sich immer auf uns verlassen können, aber auch dass sie lernen auf sich selbst und ihre eigenen Föhigkeiten zu vertrauen.
    Und wenn ich mir anschaue wie unser MiniFlo mir soviel Vertrauen schenkt, dann ist dies für mich mit das Größte was ich in meinem Leben erfahren darf. Bedingungsloses Vertrauen.

    Lg Verena

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    1. Liebe Verena, das finde ich auch. Mein Vater hat mir bei all meinen Reisen immer gesagt: „Egal was ist, ruf mich an und ich hole dich überall auf der Welt wieder ab! Das hat mir auch als Erwachsene noch so wahnsinnig viel Sicherheit gegeben. Das Gefühl wünsche ich meinen Kindern auch.
      LG Miriam

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