Über Freunde, Freundschaft und mehr

Wir alle dürfen, können und sollen unsere Freunde im Leben selber aussuchen. Das gilt auch – und vor allen Dingen – für kleine Menschen. Emil und Greta sind Freunde seit dem ersten Lebensjahr – klar, Gretas Eltern und wir sind auch Freunde, aber haben wir die Freundschaft der beiden deshalb forciert? Kinder können ihre Freunde selber wählen, sie präferieren schnell zwischen diversen Kindergarten Kindern. Bevor sie richtig sprechen, merken sie bereits mit wem sie auf eine andere Art gut kommunizieren können. Früher habe ich Eltern belächelt, die mit Umzügen haderten, weil sie die Kinder nicht von ihren Kindergarten Freunden trennen mochten. Jetzt seh ich das anders.

Klar, Kinder finden schnell Freunde, sehr schnell. Emil muss nur einmal auf einen Spielplatz gehen, der sich nicht in unserer unmittelbaren Umgebung befindet und nach zwei Stunden hat er trotzdem neue Freunde. Ida ist eine Allein-Spielerin, sie mag andere Kinder, aber sie braucht sie nicht. Sie vermittelt immer so etwas wie freundliche Akzeptanz – spielen an sich tut sie aber lieber alleine.

Wir haben selber viele Freunde, sehen diese oft und viele sind eng in unser Leben verstrickt – vielleicht hat Emil durch uns einen gewissen Stellenwert von Freundschaft im Leben erfahren.

In Emils Kindergarten gibt es nur eine Gruppe – die Familiengruppe. Ein Punkt, der uns bei der Wahl des Kindergartens sehr wichtig war. Alle Kinder kennen sich gut, alle Eltern kennen sich. Die Kinder lernen Rücksicht zu nehmen, sich um andere zu kümmern, die Gruppe zusammen zu halten, Kompromisse einzugehen, aber auch, dass es gewisse Privilegien gibt, wenn man Größer ist. Dinge, die sie noch eine ganze Schulzeit über begleiten werden. Auf Grund der kleinen Gruppe gibt es nur zwei Freundesgruppen der Jungs, die großen und die kleinen. Emil, mit drei (bald vier) Jahren auf diesem schmalen Grad in der Mitte, ist aber bis heute immer Teil der Großen gewesen.

Ich möchte mich bei der Wahl der Freunde meiner Kinder nicht (all zu sehr) einmischen. Und Emil hat eine durchweg sehr gute Wahl getroffen. ich mag seine Freunde, es sind kreative, gerechte und loyale Kinder. Ihre Spiele sind voller Fantasie und ich versuche mich völlig rauszunehmen. Wenn Emils Freunde zu Besuch sind beschränken sich meine Aufgaben auf Äpfel schälen und Wasser ausschenken.

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Die meisten seiner Freunde werden im Sommer in die Vorschule kommen. Was dann aus Emil wird? Wissen wir nicht. Kinder finden ihren Weg, es ist kein Thema das uns Kopfzerbrechen bereitet, aber es lauert irgendwie im Hintergrund. Also haben wir Emil auch die anderen dreijährigen Kinder einladen lassen – es ist ja nicht so, dass sie im Kindergarten nicht auch zusammen spielen. Allerdings hat mich das Ergebnis um einiges ernüchtert.

Beim ersten Kind weiß man im Grunde nichts, außer die Entwicklungsstufe, in der es selber grade steckt. Was danach kommt, werde ich erfahren, wenn es soweit ist. Das Emil sprachlich seiner Entwicklung um Meilen voraus war, habe ich erst durch die Kinderärztin erfahren. Ich dachte, alle Kinder sprechen so. So dachte ich auch, alle Kinder spielen wenn Besuch ist in ihren Kinderzimmern. Wenn Dreijährige auf Dreijährige treffen ist das allerdings nicht so. Der ruhende Pol scheint die Kombination zu sein. Nicht Emil ist ganz außergewöhnlich harmoniesüchtig, sondern das Spiel mit den älteren lässt gar keinen Spielraum für Raufereien und Streitigkeiten. Wenn Dreijährige auf Dreijährige treffen ist das aber sehr wohl der Fall. Gretas Mutter hat das einmal sehr schön zusammengefasst: „Wenn die zusammen sind, nerve ich mich selber. Ich sage Dinge, die ich sonst nie sagen würde!“

Und so ist es bei mir auch. Ich sage ständig Dinge wie:

„Tobt nicht so rum!“ “

Hört auf euch zu streiten!“

„Lasst Ida in Ruhe!“

„Seid doch mal ein bisschen leiser!“

Am Ende sehe ich, wie eines der Kinder einen Lego Turm umwirft. Aus Versehen hin oder her, Emil geht auf ihn zu und kratzt ihn voller blinder Wut absichtlich ins Gesicht. Ich bin fassungslos und sprachlos – ich erkenne mein eigenes Kind nicht wieder. Treten, raufen, um Spielsachen streiten bis einer heult. In meiner Wohnung spielen sich Szenen ab, die ich vorher nicht kannte.

Wir können und sollten Emil dennoch weiter mit den Freunden in seinem Alter spielen lassen. Vielleicht nehmen wir ihm sonst einen Teil der Entwicklung, der auch seine Daseinsberechtigung hat. Vielleicht muss er lernen sich zu streiten, sich durchzusetzen. Vielleicht kann er aber auch ein bisschen weiter mein kleiner Emil bleiben, der weint, wenn eine Spinne stirbt. Der mutig sagt: Ich möchte gehen – wenn er sieht das Kinder sich streiten, schlagen, ärgern. Der nicht híngucken kann, wenn Pippi Langstrumpf sich schlecht benimmt. Ich möchte ein bisschen von diesem Zarten in ihm behalten und ich möchte ihn nicht so wütend und aufbrausend sehen.

Ich habe Freunde gehabt, die mir nicht gut getan haben. Auch ich hab das manchmal zu spät gemerkt. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass jemand mir die Augen öffnen würde. Aber Emil kann ich noch ein kleines bisschen leiten und hoffentlich stark und selbstbewusst genug machen, dass er es schafft, sich seine Freunde richtig auszusuchen. Damit sie ihn stark und niemals schwach machen.

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