Wenn ich könnte…

… würde ich gerne alles im Leben so sehen wie Emil. ich würde jeden Moment so nehmen, lieben und leben wie er kommt. Ich würde alles negative sofort wieder vergessen und durch neue Situationen ersetzen. Ich wäre nie nachtragend, würde niemals über etwas grübeln, mit etwas hadern. Wenn ich wie Emil wäre, würde ich jeden Tag nach Allem suchen, was ich noch nicht kenne und mich daran erfreuen. Und gibt es nicht auch heute noch Tausend Dinge die ich nicht kenne, begreife, wahrnehme? Aber ich habe verlernt sie zu entdecken. Ich entdecke sie nur mit Emil.

Emil sieht die Schönheit in vielen Dingen, die ich längst kategorisiert und damit abgeschlossen habe. Auf dem Weg zum Kindergarten passieren wir häufig eine Obdachlose Frau. Samt ihrem ganzen Hab und Gut schiebt sie morgens mit dem Rad den Grindelhof hinunter. „Guck mal,“ sagt Emil. „Da hinten ist wieder die schöne Frau.“ Ich sehe mich um. „Welche Frau?“ frage ich. „Die, die immer soviele Sachen übereinander an hat. Das finde ich besonders schön.“

Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich so besonders schön finde. Konsumgüter einmal ausgenommen. Ich finde Emil und Ida schön und Paul. Ich finde meine Freunde schön und unsere Wohnung. Unseren Garten und unsere Katze, wenn sie schnurrend auf dem Sofa liegt. Ich finde Situationen schön, Dinge, die gesagt werden und Kleinigkeiten, der Moment wo Emil meine Hand nimmt, die Art wie Ida lacht, auf einer Parkbank mit den Kindern sitzen und sich zu dritt einen Apfel zu teilen.

Jeden Abend erzählen Emil und ich uns all die Dinge, die wir am Tag besonders schön fanden. Manchmal hat Emil ganz andere Dinge als besonders schön empfunden als ich.

Als Emil kleiner war, waren wir im Tropenaquarium mit ihm. Wir dachten, die vielen bunten Fischen würden ihn faszinieren. Emil lief auf seinen winzigen, noch unsicheren Beinen neben uns her. Sah mal hier und mal dorthin. Erst am Ausgang begann er das Staunen, über einen im Boden installierten Türstopper. Emils Begeisterung war riesig.

Ich glaube, es ist gar nicht so wichtig, was wir schön finden. es ist auch nicht wichtig, ob Emil Cars schöner findet als Michel aus Lönneberga. Viel wichtiger ist, dass wir Dinge schön finden. Das wir uns noch begeistern können und begeistern lassen. Das wir uns bewusst machen, wieviel Schönheit um uns herum ist. Und wie schön wir selbst sind.

Das Leben ist schön und wir müssen dieser Schönheit Raum geben. Wir müssen sie zulassen und erfassen. All die kleinen Dinge, die uns umgeben.

Mein Job lebt von seiner eigenen Schönheit. Von der Natürlichkeit und der Inszenierung. Vielleicht lernt man mit dem fotografischen Blick die andauernde Faszination seiner Umgebung besser wahrzunehmen. Aber am Besten sehe ich die Welt in Begleitung von Emil und Ida.

Einmal habe ich zu Paul gesagt: „Alles in unserem Leben ist so schön grade. So schön, dass man im Stillen nur darauf wartet, dass irgendetwas Schlimmes passiert.“ Aber Paul hat gesagt: „Es passieren viele schlimme Dinge. Deine Oma ist gestorben, die du sehr geliebt hast. Das Schlimme nehmen wir nur nicht als so schlimm wahr, weil alles andere gut ist. Weil uns das Glück dann wieder auffängt. Stell dir mal vor, Deine Oma wäre gestorben in einer Zeit in der eh schon vieles schief läuft. Dann hätte man das Schlimme nur noch potenziert. Jetzt wird es durch das ganze Gute in unserem Leben wieder aufgewogen.“

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