Die Wut in kleinen Menschen – Teil 2

Paul hat Geburtstag. Immer am selben 16. Januar des aktuellen Jahres und ich habe kein Geschenk. Ida hat das ganze Wochenende mit einem Magen Darm Virus gekämpft (nein, eher ICH habe gekämpft und Ida hat gelacht – auch nach der dritten Maschine Wäsche und dem zweiten mal baden, weil man Reste aus den Haaren waschen musste). Weil ich mir von Herzen wünsche, dass im Kindergarten meiner Kinder keine Magen-Darm-ansteckenden kleinen Menschen abgegeben werden, behalte ich Ida am Montag Zuhause. Am Dienstag auch. Am Mittwoch fahren wir aufs Land zu meinen Eltern. Sobald der Hamburger seine Stadtgrenzen hinter sich lässt, befindet er sich auf dem Land. Am Anfang habe ich noch immer gefragt: Ja, wirklich? Wohin fahrt ihr denn? Um dann antworten wie Husum, Lüneburg oder Stade zu bekommen. Für den Hamburger beginnt das Land dort, wo Hamburg endet. Das sich da noch weitere Städte befinden, wird unter den Teppich gekehrt. Belanglos. Da, wo es gehäuft Einfamilienhäuser mit Garten gibt, den ein oder anderen Obstbaum und womöglich noch ein herumirrendes Nutztier – da ist das Landleben.

Meine Eltern leben auch nicht auf dem Land. Sie leben  am Rande einer Kleinstadt. Im Reetdachhaus mit Katzen, direktem Zugang zum Wald und einem See hinter dem Haus. Mehr Landleben geht für den Hamburger ja kaum!

In der Kleinstadt finde ich kein Geschenk für Paul. Da bleibt ja noch der Freitag. Beide Kinder im Kindergarten und ich habe den ganze Tag Zeit alle meine Ideen noch umzusetzen.

Morgens allerdings, als ich Ida in den Schneeanzug stecken will, merke ich, dass sie erschreckend heiß ist. Über 39 Fieber – Ida muss Zuhause bleiben. „Dann,“ stellt Emil fest. „Bleibe ich auch Zuhause!“ ich erkläre, dass das nicht geht. Wenn ich Ida warm einpacke, zudecke und abschirme merkt sie ja kaum, ob sie im Bett oder im Buggy liegt. Sie kann mich auf meine Shopping Tour begleiten. Ich verspreche Emil, dass ich ihn direkt nach dem Mittagessen abholen werde. Emil kreischt vor Wut. „ER MÖCHTE NICHT NACH DEM ESSEN ABGEHOLT WERDEN!“ „Okay,“ sage ich. „Umso besser, dann hole ich dich um drei.“ Emil dreht durch vor Wut.

Ich warte gefühlte zwanzig Minuten, dass Emil zum Zähne putzen ins Bad kommt. Emil bockt. Ida weint. Ich erkläre ihm, dass wir keine Geschenke für Papa haben, wenn er mir jetzt nicht wenigstens drei Stunden Zeit lässt, eben diese zu besorgen. Emil schreit.

Emil kommt ins Bad und will jetzt Zähne putzen. Die Capt’n Sharky Zahnpasta befindet sich noch irgendwo im Sammelsurium der Taschen, die wir mit zu Oma und Opa hatten. Er kann Idas Zahnpasta benutzen. Emil dreht durch und schreit. Niemals nie wird er Idas fürchterlich scharfe Zahnpasta benutzen. „Ida ist eins,“ versuche ich ihn zu überzeugen. „Die hat doch keine fürchterlich scharfe Zahnpasta.“ Emil tobt und tritt gegen die Tür bevor er in sein Zimmer rennt. Ich gucke auf die Uhr. Jetzt aber schnell, sonst darf ich ihn nicht mehr abgeben.

„ICH WILL NICHT IM KINDERGARTEN FRÜHSTÜCKEN!“ schreit Emil. „Sehr gut,“ sage ich. „Das Frühstück ist auch schon gleich vorbei. Das schaffst du jetzt sowieso nicht mehr.“ Emil schreit schrill, wenn er im Kindergarten kein Frühstück bekommt, geht er nicht mit.

ich ziehe Ida an. Ich ziehe mich an. In vager Hoffnung gehen wir einfach schon mal vor die Tür. Drinnen tritt Emil voller Wut immer wieder gegen die Badezimmertür und schreit, er wolle jetzt sofort Zähneputzen! „Das schaffen wir nicht mehr,“ sage ich. „Ich hab dich vorhin mehrmals gebeten zu kommen. Jetzt müssen wir los.“ Emil schnaubt, gebärdet sich wild und verschwindet mit Türen knallen in seinem Zimmer.

Da er allem Anschein nach nicht vorhat demnächst zu kommen, gehe ich hin um ihn zu holen. Emil tritt gegen alles. Auch gegen mich. Ida steht im Wohnungsflur und weint. Ich werde jetzt laut. Die Zeit rennt, ich könnte heulen. Ich muss noch so viel erledigen. „Dann darfst du eben nicht mitfeiern!“ schreie ich. Emil grinst und sagt:“ Du kannst mich ja nicht einsperren, du hast ja gar keinen Schlüssel für mein Zimmer.“ Ich werde wütend!

Fern jedweden pädagogischen Verhaltens versuche ich alles gleichzeitig. Ich bin verständnisvoll (aber nicht lange. meine Geduld ist am Ende, freundlich sein kostet mich zu viel Kraft), ich drohe alles mögliche an (Ich sage Oma und Opa, das sie morgen nicht kommen sollen! Du darfst eine Woche nicht zum Sport! Du darfst Papa sein Geschenk nicht geben!), ich versuche ihn zu packen (andere Frauen müssen doch in solchen Situationen ihre Kinder auch in den Kindergarten kriegen? Die können ja nicht beim Arbeitgeber anrufen und sich damit entschuldigen, dass sie ihren dreijährigen Sohn nicht ins Auto bekommen haben). Ida weint. Das Geschrei macht ihr Angst. Ihre Wangen glühen.

Halb zehn. Ab jetzt darf man seine Kinder nicht mehr abgeben. Emil tobt immer noch, Ida glüht und wimmert. ich sitze im Bad und heule. Der einzige Raum mit Schlüssel. Ich habe nicht ihn ein, sondern ausgesperrt. Ida und ich sitzen auf dem Badewannenrand und Emil schlägt von außen abwechselnd mit dem Kopf oder den Füßen gegen die Tür. Ist das noch normal? frage ich mich verzweifelt. Laut der einschlägigen Literatur ja. Es soll Kinder geben, die sich in ihrer Wut die Köpfe blutig schlagen. Macht Emil nicht. Trotzdem empfinde ich ihn als extrem und fühle mich mit allem allein gelassen.

Emil hilft Ida den Schneeanzug anzuziehen. Er redet ganz leise. Er zieht ihr kleine Handschuhe über die Finger. Er sagt immer wieder „Arme, kleine, kranke Ida.“. Er fragt, ob er meine Tasche tragen soll. Oder den Autoschlüssel. „Dann kann ich dir aufschließen, Mami, und du kannst Ida besser reinsetzen.“

Wir fahren in ein riesiges Einkaufszentrum. Es ist vorprogrammiert, dass wir hier nichts finden werden. 154 Geschäfte werden uns angepriesen. Immerhin muss Ida jetzt nicht immer vom Warmen ins Kalte und wieder zurück. Sie schläft. Emil läuft neben mir her. Wir teilen uns ein Brötchen, ich bekomme die größere Hälfte. „Weil du immer so lieb bist, Mama.“ Er lächelt mich unter den weichen Locken an. Wir kämpfen uns durch die Geschäfte. Wir finden nichts. Nur einen Spiderman Schlafanzug, den Emil haben möchte. Ich sage: „Aber nicht heute. Den kannst du dir wünschen.“ ZACK – Emil dreht durch. Zetert und schreit. Ida wacht auf und weint. Ich habe immer noch kein Geschenk. Emil grinst mich an und rennt weg. Na super. 154 Geschäfte und irgendwo dadrin ein dreijähriger, der es lustig findet wegzulaufen. Dazu ein fieberndes Kleinkind und eine Mutter, die liebend gerne wie eine Furie im Laden herumschreien würde, statt dessen aber laut und diszipliniert seinen Namen ruft und innerlich gegen die Wut ankämpft.

Wir finden uns wieder. Kurze Diskussion. Emil murrt aber geht wieder neben mir her. „Ich will Rolltreppe fahren,“ sagt er und deutet auf die Rolltreppe. „Das darf man mit Buggy nicht,“ erkläre ich. „Lass uns zum Fahrstuhl gehen.“ „Ich will Rolltreppe fahren!“ insistiert Emil. ich erkläre noch mal, dass das nicht geht. „Lass doch Ida hier oben, fahr mit mir Rolltreppe und dann kannst du doch Ida später holen!“ Ida sitzt im Buggy und weint. Grandiose Idee. „Das geht nicht, Emil. Ida kann uns doch dann gar nicht mehr sehen. Die kriegt Angst!“ Ist Emil egal. Er setzt sich neben die Rolltreppe und ist bockig. Ich versuche es mit reden, ich versuche ihn wegzuziehen (in solchen Fällen schreit Emil gerne lauthals „AUA!“) dann entscheide ich mich für die Variante einfach zu gehen. Emil kommt nicht nach.

Zuhause trägt Emil alle Sachen rein. „Ich packe alles alleine ein,“ ruft er stolz. „Dann lege ich es hierhin und wenn Papa kommt freut er sich furchtbar doll!“ Wir beschließen erst mal etwas zu Essen. ida bekommt einen rosa Teller und einen rosa Becher. Emil sagt, er möchte auch zusammen passende Sachen haben. „Aber du hast schon einen Porzellanteller,“ sage ich.“Weil du immer sagst, du möchtest keinen Kinderteller mehr.“ Nein, jetzt möchte er aber einen Kinderteller. Ich bin jetzt irgendwie leicht zu verärgern, hab aber keine Kraft mehr für weitere Streits und hole ihm einen lila Teller und einen lila Becher. Emil schmeißt den Becher wütend auf den Boden. Dieses Geschirr wolle er auf gar keinen Fall! Ich sage zum hundertsten mal an diesem Tag „Jetzt reichts aber!“ Ich glaube mir schon selber nicht mehr.

Abends im Bett legt Emil seine Arme um mich und klammert sich fest wie ein kleines Äffchen. „Du, Mama?“ fragt er vorsichtig. „Hm,“ sage ich. „Heute hab ich ganz schön viel mit dir rumgeschrien.“ „Das stimmt,“ sage ich – aber nicht nachtragend. Er überlegt einen Moment. „Und weißt du was, Mama?“ ich schüttele den Kopf. Ich fand den Tag zu anstrengend, um Abends noch viele Worte zu finden. „Ich weiß überhaupt nicht wieso. Es passiert dann einfach. Und ich kann nicht aufhören.“ Einen Moment schweigen wir. „Das wollte ich dir nur noch mal sagen,“ schließt er ab, dreht sich um und schläft.

Nachtrag: Die Wut in kleinen Menschen

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Ich bin jetzt seit mehr als drei Jahren auf dieser Welt und bin jeden Tag damit beschäftigt eben diese zu begreifen. Jede Sekunde mache ich Erfahrungen, jeden Tag erlebe ich hunderte Dinge zum allerersten mal. Ich habe meine Zähne schon mal mit der „Capt’n Sharky“ Zahnpasta geputzt und mit der Kinderzahnpasta bei Oma und Opa, aber noch nie mit Idas. Woher soll ich wissen, dass die nicht eventuell scharf ist? Ich laufe ständig hinter Mama her und versuche alles richtig zu machen. Jeden Tag gucke ich ganz genau was sie macht, deshalb kann ich jetzt schon alleine einen Salat machen, mein Brot schmieren, die Tür aufschließen, den Buggy mit Ida schieben. Ich kann bitte und danke sagen und weiß auch, wann ich das einsetzen muss. Ich halte bei rot und gehe bei grün immer erst wenn ich trotzdem noch geguckt habe. Ich versuche so freundlich wie Mama zu reden, mich um Ida zu kümmern, beim Sport der Beste zu sein. Wenn ich spiele und Mama los will, dann komme ich, auch wenn ich lieber weiter spielen würde. Wenn Mama sagt, ich soll die blaue und nicht die Dino Jacke anziehen, dann mach ich das, obwohl ich die Dino Jacke viel toller finde.

Ständig soll ich irgendwo hin laufen, am besten noch besonders schnell und eigenständig. Morgens zum Kindergarten, Nachmittags zum einkaufen – Ida darf immer im Buggy sitzen. Manchmal laufe ich dann aber zu weit, zu schnell, zu langsam, in die falsche Richtung und sofort kriege ich geschimpft. Manchmal weiß ich wirklich nicht, woher ich das immer alles wissen soll.

Meistens hört Mama mir zu, wenn ich was erzähle, aber manchmal schreit Ida oder sie telefoniert oder ich hab zu viel geredet, dann hört sie nicht mehr zu. Aber trotzdem passieren dann Dinge, die ich sagen will und fragen will, wie mit der Spinne. Im Einkaufszentrum, als wir die Geschenke für Papa kaufen wollten, standen wir am Fahrstuhl und Mama rief „Oh, eine Spinne!“ und eine dicke Spinne seilte sich von Idas Buggy ab. Mama mag keine Spinnen. Sie tut immer so, als fände sie Spinnen gar nicht so schlimm, aber ich merke sofort, dass sie dicke Spinnen überhaupt nicht mag. Ein Mann hat die Spinne in die Hand genommen und vom Buggy gesetzt. Mama hat „Danke“ gesagt und den Buggy in den Fahrstuhl geschoben. Aber ich habe gesehen, dass der Mann danach mit dem Schuh auf die Spinne drauf getreten ist. Und ich weiß, dass man sowas niemals tun darf. Ich wollte noch „Nicht machen!“ rufen, aber es war zu spät und Mama hat mir nicht zugehört. Die Spinne ist jetzt tot und vielleicht hat sie ein Zuhause, wo ihre Familie auf sie wartet.

Eigentlich hatte Mama gesagt, ich darf auch ein Geschenk für Papa aussuchen, aber immer wenn ich etwas schön fand, mit Batman oder Spiderman, dann hat sie es wieder weggelegt. Das habe ich nicht verstanden. Darf ich jetzt selber aussuchen, oder nicht? Und wenn ich im Einkaufszentrum zu schnell laufe ist das auch schon wieder verkehrt.

Dann wollte ich Rolltreppe fahren. Das macht Mama immer mit mir und ich mag das. Alleine traue ich mich nicht. Sie muss immer vorher genau ankündigen, auf welche Stufe sie tritt und mich mitziehen. Dann fühle ich mich sicher. Rolltreppe fahren darf ich aber auch nicht. Nicht schnell rennen, nicht Rolltreppe fahren, kein Geschenk für Papa selber aussuchen. Und was ist jetzt mit der Spinnenfamilie? Wenn ich das dann doof finde, gucken mich fremde Menschen komisch an. Soll ich mich darüber freuen? Die mögen mich glaube ich nicht.

Abends darf ich fernsehen – ich glaube, nur weil Mama kurz in Ruhe gelassen werden will. Ich lasse sie gerne in Ruhe, denn ich finde sie heute nicht besonders freundlich. Bei der „Sendung mit der Maus“ ist ein Herr Werlin, der immer alles aufräumt und sortiert. Er geht sogar einmal in ein Bällebad und will die Bälle nach Farben sortieren. Aber er hat gar nicht seine Schuhe ausgezogen. Ich sage das Mama aber sie kocht und sagt, dass ist nur ein Film. Aber ich weiß genau, dass man im Bällebad immer seine Schuhe ausziehen muss. Auch in einem Film! Zwischen allen grünen, gelben und roten Bällen findet Herr Werlin einen einzigen blauen und weil der nicht in seine Ordnung passt, packt er den in die Tasche seiner Jacke. Ich rufe Mama. Man darf keine Bälle klauen. Mama sagt, das ist nur ein Film. Herr Werlin geht aus dem Bällebad raus. „Gibt es keine Polizei bei der Sendung mit der Maus?“ rufe ich. Mama sagt, das wisse sie nicht. Ich sehe, wie Herr Werlin mit dem Ball raus auf die Strasse geht. Ich rufe Mama, sie soll das ausmachen! Herr Werlin ist ein Räuber! Mama findet die Fernbedienung nicht schnell genug. Ich habe ziemliche Angst. Was ist, wenn die Polizei kommt und sieht, dass Herr Werlin den blauen Ball aus dem Bällebad geklaut hat? Endlich ist es aus. Mama sagt, es sei nicht wirklich schlimm, dass Herr Werlin den blauen Ball mitgenommen hat. Das verstehe ich nicht. Ich dachte, man darf nichts mitnehmen. Aber Herr Werlin, der darf das.

Als Papa kommt freue ich mich riesig, weil er jetzt seine Geschenke auspacken kann. Aber Mama weint. Sie findet ihre Geschenke nicht schön. Dabei finde ich die sehr schön! Und Geschenke kriegen ist doch immer schön. Papa findet seine Geschenke auch schön und er sagt, wir seien ja sowieso das allerschönste Geschenk.

Abends telefoniere ich mit Opa – weil ich den so sehr lieb hab. Opa sagt, dass Mama ja sein Kind sei, und das er das überhaupt nicht mag, wenn sein Kind weint. Und Mama mag nicht, wenn ihre Kinder weinen. Das habe ich verstanden. Ich hab wohl ein bisschen zu viel falsch gemacht heute. „Mach ich aber nicht noch mal, Opa,“ sage ich. Und das meine ich auch so.

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4 thoughts

    1. Danke, das finde ich auch. Aber man muss sich das auch immer wieder vor Augen führen. Manchmal, wenn man besonders genervt oder gestresst ist, tut es ganz gut sein ganzes Glück noch mal zu bündeln und sich zu sagen: Gut, dann ist es jetzt grade eben mal scheiße und anstrengend, aber alles in allem ist es unglaublich toll. Das klappt meistens, aber auch nicht immer 🙂

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