Worüber wir weinen

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Heute morgen entdecke ich folgenden Artikel. Ein Mann, der erfährt, dass die Tochter an Leukämie erkrankt ist, bekommt von seinen Arbeitskollegen deren Urlaubstage geschenkt. 262 Tage, die er von nun an mit seiner Tochter verbringen kann. http://www.stern.de/familie/kinder/zeit-fuer-krebskranke-tochter-kollegen-spenden-vater-13-monate-urlaub-2164790.html?utm_source=facebook-fanpage&utm_medium=link&utm_campaign=080115-1615 Ich lese das, neben all den anderen Geschichten, mit denen ich tagtäglich auf Spiegel online und allen anderen News Seiten bombardiert werde – und ich weine. Es gibt so vieles auf der Welt, das uns erschüttert, berührt, zum verzweifeln bringt, was uns fassungslos, sprachlos und hilflos macht. Aber nicht über alles können wir weinen. Wir sind längst abgehärtet, manches könen wir schon auf Grund der Größe gar nicht fassen, andere Geschichten greifen sich so tief in unsere Seele, das wir sie Nächte lang nicht abschütteln können. Kurz vor Weihnachten schickte mein kleiner Bruder mir einen Video Link. Auf dem staubigen Boden Somalias liegen zwei kleine Kinder, kurz vor dem Verhungern. Sie können ihre Augen noch bewegen, aber sie haben keine Kraft aufzustehen. Plakativ? Vielleicht. „Wir müssen aufhören teure Geschenke zu machen,“ schreibt er. „Und noch viel mehr spenden.“ Die Kinder verfolgen mich in meinen Träumen. Kurz vor Weihnachten hatte Paul einen Nachmittag Zeit die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen. Für Emil und Ida das größte Geschenk, was man ihnen im Alltag machen kann. Vom Auto aus rief Emil mich an. Er musste mir unbedingt mitteilen, das er heute endlich dran gewesen ist, sein Päckchen vom „Kindergartenadventskalender“ zu öffnen. Emils zarte Stimme überschlug sich vor Aufregung. So viel Freude, so viel Glück in einem kleinen Menschen. Ich saß am anderen Ende der Leitung in unserer Wohnung und habe geweint. Vor Kurzem war ich mit einer Freundin bei einer Veranstaltung der „Brigitte“ – ein Diskussionsabend mit Manuela Schwesig, der Bundesministerin für Familie. Ein nicht ganz uneigennütziges Treffen. Im freiberuflichen, kreativen Bereich dreht sich alles um Socialising und Netzwerke. Für B. in diesem Falle viel wichtiger als für mich – sie hatte vor kurzem eine Stiftung gegründet, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Familien finanziell zu unterstützen, die ein Kind verloren haben und auf Grund der Trauerarbeit für einige Zeit nicht in der Lage sind, den Familienunterhalt aufzubringen. Für sie war jeder Kontakt zur Öffentlichkeit wichtig. Nach der Veranstaltung saßen wir bei einem Glas Wein in den Kammerspielen und sprachen über die Stiftung. B. hatte sie im Namen ihres verstorbenen Sohnes gegründet. Für jede Mutter schier unvorstellbar: Wie ist es möglich, weiter zu leben, wenn das eigene Kind stirbt? „Musst du nicht ständig heulen, wenn die Leute dir dann ihre Geschichten erzählen? Wir ihre Kinder gestorben sind?“ B. verneint. „Weißt du, wann ich immer heulen muss?“ fragt sie belustigt. „Bei Tierfilmen! Ich muss immer bei Tierfilmen heulen! Ganz schlimm. Wenn die Tiere von Zuhause weglaufen und nicht zurück finden. Furchtbar!“ Wir müssen beide lachen. „Ich muss immer bei Rückblicken von Sportveranstaltungen heulen,“ beichte ich. „Wenn man sieht, wie jemand durchs Ziel läuft.“ B. fällt noch etwas ein. „Ich war mal beim Pferderennen, da musste ich immer schon heulen, wenn mein Pferd vorbei kam!“ Worüber weinen wir? Und wo können wir aufhören? Wie differenzieren wir unsere Emotionen und Gefühle? Es gibt einen Schutz, der uns umgibt wie ein Wall – die schlimmsten Dinge lassen wir häufig nicht durch, haben gelernt, mit ihnen umzugehen. Haben vielleicht auch schon zu viele Tränen deswegen vergossen. Irgendwann reichen Tränen nicht mehr, um Leid auszudrücken. Irgendwann müssen wir weitergehen und handeln. Aber was immer uns bewegt, sollte uns den Anreiz liefern, zu agieren. Wir können die Welt im Großen und Ganzen nicht retten, aber wir können anfangen. Und wir sollten uns das suchen, was uns zu Tränen rührt. Je mehr Gefühle wir in ein Projekt stecken, desto motivierter und überzeugter können wir es durchhalten und verteidigen. Emil weint, wenn in Filmen andere Kinder geärgert werden. Und wenn Tiere sich verletzen. ist das nicht eine Gabe? Ist seine Empathie nicht etwas, was wir fördern sollten? Etwas, woraus er am Ende etwas Gutes ziehen kann. Eine Motivation entwickelt. Sich stark macht für andere, weil er eine emotionale Bindung aufgebaut hat? Im Moment weine ich im übrigen auch häufig nur aus Wut – weil Emil und Ida mich manchmal zur Weißglut bringen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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3 thoughts

  1. Ich finde, du hast absolut recht – es gibt so viele schlimme Dinge und so viel Leid auf der Welt, man kann nicht über alles weinen. Ich weine vor allem bei Filmen, wenn ich in Bildern damit konfrontiert werde, wozu Menschen fähig sind; was Menschen anderen Menschen ohne jegliches Mitgefühl antun können, überall auf der Welt, auch bei uns. Ich werde nie verstehen, wie Menschen so werden können.
    Dazu muss ich noch nicht mal in andere Länder, in Kriegs- und Krisengebiete blicken, das fängt ja in unserem Land schon an. Ich wohne in Berlin, wo in verschiedenen Stadtbezirken Containerdörfer für Flüchtlinge gebaut werden. In einem Stadtteil sind Menschen dagegen auf die Straße gegangen. Gegen Flüchtlinge. Ich finde, man kann gegen viele sein, aber wer dagegen ist, Menschen, die sonst sterben, Zuflucht zu gewähren, der kann gleich zugeben, dass er gegen Menschen und Menschlichkeit ist.
    Tatsächlich geweint habe ich aber, als ich im Radio einen Bericht gehört habe, wie kurz vor Weihnachten in einem anderen Stadtteil Berlins die ersten Flüchtlinge in ein solches Containerdorf eingezogen sind. Dort gibt es zwar Zimmer, fließend Wasser und Heizung, sonst aber nichts. Daher haben die Behörden aufgerufen, Spenden für die ankommenden Familien abzugeben. Und wie in einem kleinen Weihnachtswunder standen die Menschen Schlange und haben nicht nur überflüssiges Hab und Gut, das sie schon zu Hause hatten, abgegeben, sondern sind teils mit Kofferraum-Ladungen voll Neuware, die sie dafür gekauft hatten, angekommen.

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  2. Liebe Hanna, vielen, vielen Dank für deinen Kommentar. Ist es nicht erstaunlich, wie häufig wir auch über das Gute im Menschen unsere Tränen vergießen? Ich glaube, es ist nur ein Zeichen dafür, wie menschlich wir sind. Und es zeigt wieder, dass die Dinge die uns emotional am meisten berühren uns auch dazu bringen, am ehesten zu handeln. Liebe Grüße, Miriam

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