Je suis Charlie

Emil weiß, jeder darf auf dem Spielplatz spielen, jeder darf die Stifte im Kindergarten mitbenutzen, niemand darf geärgert werden. Jeder muss etwas zu essen haben, wenn die Menschen, die vor den Supermärkten auf der Strasse sitzen nichts haben, kauft Emil ihnen Bananen. Im Kleinen hat Emil das große Ganze bereits verstanden – zumindest ein bisschen.

Ganz abschotten kann und will ich meine Kinder vor politischen und gesellschaftlichen Ereignissen nicht. Während unserer Recherche Reise nach Polen und an die russische Grenze hat Emil vieles aufgenommen, was mit dem zweiten Weltkrieg zu tun hat. Er hat Hitler als den bösesten Menschen der Welt in seinem Gedächtnis abgespeichert und sich gefragt, ob die Attentäter des 20. Juli wohl so heldenhaft waren, dass sie über ihn rüberspringen könnten? Er hat in der Wolfsschanze gesehen und gehört, wie Menschen auf Flaschen geschossen haben, und ein für alle mal für sich entschieden, dass etwas das so laut ist und Glas so zerspringen lässt, nicht gut sein kann.

In Emils Büchern gewinnt immer das Gute. Das Böse – in Form von hinterlistigen Tieren, gruseligen Grüffelos und der „Prusseliese“ bei Pippi Langstrumpf – lässt ihn häufig immer mehr zusammenkauern, aber am Ende weiß er, dass immer die guten gewinnen. Die guten Ideen über die schlechten, wer gutes tut, bekommt gutes zurück – und umgekehrt.

Religion an sich hat Emil noch nicht so recht verstanden – aber ich habe mehrere Monate eine Fotodokumentation über das Leben in Hamburger Moscheen gemacht, und Emil hat verstanden, dass es Kirchen, Moscheen und die jüdische Synagoge an seiner Sporthalle gibt. Was aber das schönste ist: Emil differenziert nicht zwischen diesen drei Religionen. Sie haben für ihn einen gemeinsamen Nenner: Glauben. Etwas, was ihm mehr als Begriff, als als Definition bekannt ist, er aber mit etwas Positivem verbindet.

Gestern sieht Emil durch Zufall bei Spiegel online ein Bild von den Attentätern von Paris.

“ Warum haben die geschossen?“ erkundigt er sich. “ Das ist kompliziert,“ weiche ich aus. „Die einen haben etwas gemalt, was den anderen nicht gefallen hat. Nicht etwas, was nicht schön war, sondern etwas was sie sehr verärgert hat.“ Emil denkt nach. „Aber jeder darf malen was er will,“ sagt er. „Du hast es auf den Punkt gebracht,“ sage ich.

Am Abend greift Emil das Thema wider auf als Paul aus der Klinik kommt. Es hat ihn beschäftigt. Ich frage mich, ob ich ihn davor hätte schützen müssen? Muss ein Kind verstehen, was in der Welt passiert? Sollte ich ihn nicht lange genug in dem Glauben lassen, das nur das Gute gewinnt, das wir sicher sind, das wir Gutes ernten, wenn wir Gutes sähen? Aber die Unterhaltung scheint für ihn viel weniger bedrohlich als der bereits hundert mal gelesene Grüffelo Text. Es ist, wie etwas, das nur in der Welt der Erwachsenen eine Rolle spielt. Und ist es nicht auch so?

Paul und ich wissen nicht, inwieweit wir die Kinder vor Medien und der Welt außerhalb ihres eigenen kleinen sicheren Bereiches abschotten müssen. Sie sollen sich sicher fühlen, aber sie müssen lernen, dass man nicht mit Fremden mitgeht. Das es auch etwas Böses gibt. Das es surreal und vage bleibt, aber da ist. Das es das Kleine auch im Großen gibt. Das man nicht ärgern darf – und nicht schießen. Das man malen darf was man will. Und das man sich durch Angst nicht einschüchtern lassen sollte. Im Kleinen, wie im Großen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s