Lieber Emil,…

Lieber Emil,

im Grunde sollten wir uns freuen, die Phase Deiner schlimmen Wutanfälle ist vorüber. Du wirkst wieder so zart und voller Liebe, hilfst uns wo du nur kannst und steckst all deine Liebe in den Umgang mit Ida. Deine kleinen Hände reichst du ihr so oft, um ihr die Stufen vor dem Haus hoch zu helfen, oder sie ohne Angst rutschen zu lassen. Du teilst deine Spielsachen fast immer ohne zu murren, du isst nie einen Keks, ohne ihn mit Ida zu teilen.

Mein kleiner Emil, unter den weichen Locken leuchten immer deine kleinen wissbegierigen Augen. Die Phase der „Warum“ Fragen hast du lange hinter dir gelassen und du fragst immer etwas anrührendes, etwas kluges, etwas sehr durchdachtes. In deinem Kopf entstehen nicht nur Geschichten sondern viele Theorien über die Welt. Viele davon gefallen mir viel besser als das Original.

Du willst alles sehen und alles verstehen und immer helfen. Deine Freundlichkeit ist bezaubernd. Jeden Abend schlingst du deine Arme und wenn du es schaffst deinen ganzen Körper um meinen und flüsterst, wie lieb du mich hast.

Aber, kleiner Emil, irgendetwas macht dich schrecklich traurig. Und jeden morgen fragst du, ob du heute in den Kindergarten gehst und kämpfst mit den Tränen. Du nutzt jede Gelegenheit bei mir zu sein, jeden Moment mich zu berühren, meine Aufmerksamkeit zu bekommen und meine Liebe. Und ich liebe dich schrecklich doll, mein kleiner Emil.

Jeden morgen winken wir gemeinsam Ida durch das Fenster ihres Kindergartens. Ida strahlt und winkt. Du hüpfst neben mir her zum Café. Redest mit mir und mit Fremden, so voller Freundlichkeit. Nie albern, nie laut, aber voller Mitteilungsdrang.

„Na, musst du denn gleich in die Schule?“ erkundigte sich der Herr am Nebentisch. Emil schüttelt den Kopf. „In den Kindergarten,“ antwortet er. „Er ist erst drei,“ erkläre ich freundlich. „Drei?“ wundert sich der Mann überrascht. „Er redet wie jemand der sechs ist.“

Ich mag deine Geschichten, Emil, und ich mag es dein Gesicht zu betrachten, wenn du nachdenkst oder träumst. Im Moment bist du erfüllt mit Idee, was wir alles machen könnten. Du sprichst von der Elbe, vom Meer und von lange zurück liegenden Urlauben. Selbst an Dinge aus dem Oman erinnerst du dich. Du warst noch nicht mal zwei.

Dann springst du neben mir her zum Kindergarten, greifst manchmal nach meiner Hand. „Soll ich dir zeigen, wie lieb ich dich hab?“ fragst du und drückst mich bis du zitterst. Aber manchmal sagst du bereits auf dem Weg Sachen wie „Aber ich kann ganz alleine und ganz leise in meinem Zimmer spielen, während du arbeitest. Ich störe dich nicht, wirklich nicht, Mami.“ Ich weiß, dass du es kannst, Emil, aber du hast doch auch Freunde. Viele Freunde, die dir etwas bedeuten. Du bist auf jedem Geburtstag eingeladen. Jeden morgen höre ich ein fröhliches: „Der kleine Emil ist da!“ rufen unter den anderen Kindern.

Dann hängst du an mir wie ein Äffchen. Klammerst dich immer fester. Kämpfst mit den Tränen und den letzten Versuchen mich zu überzeugen. „Ich bin auch ganz lieb, Mami,“ flüsterst du. „Nimm mich doch wieder mit.“

Ach Emil, du bist kein Kind was lange in den Kindergarten geht. Du kommst oft erst um halb zehn, ich hole dich häufig um halb drei wieder ab. Wenn Ida nicht geht, darfst du häufig auch Zuhause bleiben. Aber soll ich dich von all den anderen Kindern isolieren? Möchtest du wirklich nur alleine sein? Nur bei mir?

„Oh,“ stellte Emil heute morgen fest und leerte die Taschen seiner Fleece Jacke. Ein Haufen Taschentücher fiel zu Boden. „Die sind von gestern, als ich so geweint hab im Kindergarten.“ Ich kämpfe selber mit den Tränen. „Hat dich denn jemand getröstet?“ frage ich. „Ja,“ sagt er. „Petra hat gesagt, ich brauch doch gar nicht weinen, aber ich musste es trotzdem. Es ging nicht anders. Ich habe geweint und Mami gerufen.“ Er sagt das sehr sachlich. Nahezu ohne Emotionen. Wie etwas, das jemand anderem passiert ist.

Lieber kleiner Emil, ich weiß nicht, was ich machen soll. es ist nicht nur, weil ich meine Arbeit liebe und die Zeit, die ich morgens damit verbringe an. All den Ideen in meinem Kopf einen Raum zu geben. Ich brauche das. Ich fühle mich frei und voller Energie, wenn ich auch meine Dinge verfolgen kann. Aber ich kann dich auch sonst nicht Zuhause behalten, hier, wo niemand mit dir spielt wie ein anderes Kind es könnte. Du hast deinen Kindergarten immer geliebt und deine Freunde sehr geschätzt. Sie waren immer Teil deiner aufgeregten Erzählungen, wenn ich dich abgeholt habe.

ich weiß nicht, woher all die Traurigkeit in dir kommt, kleiner Emil. Wenn du bei uns bist, bist du voller Freude und Liebe, voller Begeisterung fürs Leben in all seinen Facetten. Ich hoffe, das du erkennst, was du an den Vormittagen im Kreise deiner Freunde hast. Das du die Dinge wieder trennen kannst, die Zeit mit ihnen genauso genießt wie die Nachmittage mit uns.

Es macht mich traurig, wenn du traurig bist, kleiner Emil. Und es macht mich umso glücklicher, wenn du glücklich bist.

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4 thoughts

  1. Bei jedem Artikel, den ich hier lese, muss ich weinen vor Rührung. So schön geschrieben! Dein Emil erinnert mich an meinen süßen Sohn. Ach könnte man doch in manchen Momenten die Zeit anhalten. All die entzückenden Dinge, die sie von sich geben, sollten sich einbrennen ins Gedächtnis und dann holt man sie wieder heraus, wenn es mal nicht so schöne Tage gibt. Wie sagt mein Sohn immer : ich glaub, ich hab heute keinen guten Tag. Da hab ich ihn dann noch ein bisschen lieber. Wenn das überhaupt geht. Dir ein großes Dankeschön für deine tollen Worte…

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    1. Vielen Dank! Es ist so schön zu lesen, dass es tatsächlich auch andere Menschen berührt. Manchmal denke ich, ich teile so viel privates. ist das gut für mich und für meine Familie und wen interessiert das überhaupt? Aber wenn ich dann die Mails und Beiträge von Euch lese, dann hab ich das Gefühl, es geht gar nicht darum jemanden an meinem Privatleben teilhaben zu lassen, sondern darum, dass wir alle im Grunde etwas ganz ähnliches fühlen. und es gut ist, das zu wissen.

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  2. Ich lese und kann kaum die Worte erkennen, weil mir die Tränen aus den Augen schießen. Mein kleiner Junge ist noch jeden Tag bei mir und nicht im Kindergarten, aber ich fürchte mich schon ein wenig vor dieser Zeit. Geht es ihm dort gut und wie geht es mir dann wohl, wenn er nicht mehr nur um mich herum ist!! Wie geht es deinem Emil? Ist es besser im Kindergarten, habt ihr etwas verändert oder was tut ihr gegen seine Traurigkeit?

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    1. Liebe Jana, der Abschied ist immer schwer. Aber irgendwann kommt der Moment, wo man merkt, dass es ihnen wirklich gut tut. Emil hat mich irgendwann mal gebeten, ich möge ihn nicht immer so früh abholen. Die anderen dürften dann noch weiter spielen. Aber es gibt eben auch Phasen wie diese. Und dann reflektiert man alles noch mal. Hat man die richtige Entscheidung getroffen? Sollte ich mein Kind wirklich so früh schon von mir trennen?
      Emil hat diese Phase hinter sich gelassen – aber ich fand es furchtbar schwer. Manchmal habe ich ihn Zuhause gelassen, aber das hat auch nicht wirklich geholfen. Ich glaube, er brauchte einfach Zeit mit mir. Sehr viel Zeit und Liebe. Als müsse er den Akku wieder aufladen. Jetzt liebt er seinen Kindergarten aber wir stehen vor dem nächsten Problem: der Kindergarten wird zum 1. September geschlossen und wir suchen nach einer Alternative. Wenn Emil dann neben mir steht und leise flüstert: Aber hier mag ich nicht sein, Mama. Dann fällt es wieder genauso schwer wie am Anfang.
      Ich hoffe ihr kriegt das gut hin. Bei aller Schwere des Abschieds merkt man dennoch irgendwann: es geht ihnen gut und sie haben Spaß. Manchmal mehr, als den ganzen Tag alleine mit Mama.
      Ganz liebe Grüße,
      Miriam

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