Jedes Kind kann schlafen lernen – aber wie?

Über nichts wird unter Eltern in den ersten Lebensjahren ihres Kindes mehr gesprochen, diskutiert und beratschlagt wie übers Schlafen. An und für sich schläft der Mensch ja ganz gerne. Die einen länger, die anderen kürzer, einige früh andere spät. Auf jeden Fall wird Schlaf ungern unterbrochen und wer Schlafmangel in all seinen Facetten kennt, weiß, was es bedeutet NICHT zu schlafen.

Wenn Paul Rufdienst hat, klingelt häufig Nachts das Handy. Dann steht Paul auf und telefoniert. Manchmal zieht er seine Jacke an und kommt ein paar Stunden später wieder ins warme Bett zurück. Manchmal brummelt er dann vor sich hin und flucht ein bisschen über gelegte Zugänge, manchmal ist er voller Adrenalin und sagt so etwas wie: Das war aber wirklich mal eine sehr geile Operation!

Das ist die eine Form von Schlafunterbrechung. Man muss nicht immer irgendwas wirklich tolles tun, aber man muss etwas tun, aufs Fahrrad steigen, sich umziehen, Verantwortung tragen, handeln. Danach schläft man wieder.

Wenn Kinder Nachts aufwachen schreien sie, reden – so wie Emil – oder fangen einfach an wach zu sein, wie Ida. Ida hat schon als Baby super geschlafen, regelrecht außergewöhnlich, denn eigentlich hat sie IMMER geschlafen und egal wo. Nachts ist sie auch als Säugling immer nur einmal wach geworden und das hat sie alsbald ganz eingestellt und durchgeschlafen. Wenn Ida müde war, hat sie sich hingelegt und geschlafen. Manchmal krabbelte sie durch die Küche und ich hatte mich nur einmal kurz umgedreht, da sah ich sie danach schon im Tiefschlaf vor den Küchenschränken liegen. Ida hat nie bei uns im Bett geschlafen. Sie hatte keinen Bedarf und daraufhin haben wir sie immer direkt nach dem Stillen in ihre Wiege gelegt und sie gar nicht erst auf die Idee gebracht bei uns zu bleiben. Als ich über Weihnachten ein paar Tage bei meinen Eltern war, nahm ich Ida mit ins Bett. Ich glaube, sie hat selten etwas so befremdlich gefunden, wie die Tatsache neben mir schlafen zu müssen. Sie hat mich weggeschubst und versucht sich ihren Platz zu verschaffen. Daraufhin hab ich sie eine Nacht später wieder ins Reisebett gelegt. Und sie hat zufrieden geschlafen wie ein Stein.

Neuerdings wacht sie allerdings hin und wieder Nachts auf und beschließt wach zu sein. Einfach nur wach. Sie hat noch nicht mal Bedarf an Unterhaltung, nur alleine sein mag sie nicht. Wach sein zieht sich manchmal bis zu drei Stunden hin. Ida wühlt ein bisschen, starrt, brabbelt, stellt sich am Gitter auf, lässt sich fallen, kichert selbst darüber, stellt sich schlafend bis ich es wage Hoffnung zu haben und dann dreht sie ihren Kopf und lacht mich an. Ida schreit und meckert nur, wenn ich den Raum verlasse. Also liege ich stundenlang neben ihr auf dem Sofa und warte auf die endlich wieder ruhig und regelmässig gehenden Atemgeräusche. Drei Stunden in der Nacht können einem vorkommen wie die Ewigkeit.

Ich könnte raus gehen und sie schreien lassen – deswegen schläft sie aber trotzdem nicht schneller wieder ein. Weckt aber Emil auf. Also bleibe ich da, lasse das Licht gelöscht, rühre mich nicht und versuche jedwede Form von Blickkontakt mit ihr zu vermeiden. Heute war sie gegen halb fünf wieder eingeschlafen. Um sechs rief Emil.

Emil hingegen missbilligt das Einschlafen. Wenn Emil sagt er will ins Bett, dann bedeutet das Vorlesen. Wenn es nach Emil geht mindestens eine Stunde. Emil ist drei und wir lesen bereits die Bücher für Kinder ab sechs und älter. Emil ist so süchtig nach Vorgelesen bekommen, dass er durch die Menge der Bücher die wir bereits vorgelesen haben, einfach mehrere Jahre übersprungen hat. Nach dem Vorlesen gibt es Streit. Emil will mehr vorgelesen haben. Ich will auch endlich mal eine Stunde für mich und Paul. Emil meckert. Irgendwann einigen wir uns auf Licht aus und schlafen. Emil liegt neben mir und wühlt. Emil setzt sich hin und ordnet die Kissen neu. „Ich bau mir schnell noch einen Kuschelplatz!“ Emil legt sich wieder hin. Emil steht auf und holt von irgendwoher noch ein Kissen. „Jetzt hab ich es aber, Mami,“ entschuldigt er sich. Emil wühlt weiter. Mir fallen die Augen langsam zu. „Kann ich deine Haare wuseln?“ fragt Emil. Ich drehe mich um. Emils kleine Hände graben sich in meine Haare. Das hat er schon als Baby getan. Emil wühlt. Ich befinde mich schon in der Phase zwischen wach und schlafend. „Ich bin durstig,“ sagt Emil. Ich bin genervt. Hätte ihm das nicht vor 40 Minuten wühlen, Kuschelplatz bauen und Haare zerren schon einfallen können. Ich hole ein Glas Wasser und sage: Jetzt musst du aber alleine einschlafen. Denn ich bin froh grade wieder wach geworden zu sein. Emil zetert und schreit. Ich lasse die Tür auf und mache die Lichterkette an. Ich bin noch nicht mal aus dem Zimmer da kreischt Emil er habe Angst! Er wird hysterisch. Ich denke vor allem an die Nachbarn und was die von uns denken müssen. Paul geht hin und sagt: Jetzt wird aber geschlafen, kleiner Emil. Emil schreit noch lauter „Aua!“ Jetzt wird’s kritisch. Das hysterische Geschrei wechselt ab zwischen: „Aua, du tust mir weh!!“ und „Ich hab Angst!“ Paul und ich stehen im Türrahmen und sind ratlos und genervt. Gut, kann einem ja egal sein, was die Nachbarn denken, aber ein so schrill schreiendes Kind könnte einen ja irgendwann auch dazu bewegen mal die Polizei zu alarmieren. Die Stimmung kippt bei allen Beteiligten – gerne wacht in diesem Zusammenhang auch Ida wieder auf.

Wenn beide Kinder schlafen sitzen Paul und ich uns gegenüber und sagen: Na ja, so schlimm war es ja auch eigentlich gar nicht. Erstaunlich, wie sehr wir darauf gepolt sind, diese Stimme unseres eigenen Kindes zu hören, die uns je nach Gemütslage zur Weißglut bringen kann, zum verzweifeln, mitheulen oder leiden. Aber so wie sie verklingt, beruhigt sich der Körper. Suggeriert, das jetzt alles gut sei, und wir uns anderen Dingen widmen können.

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Ich urteile nicht mehr darüber wie andere Menschen ihre Kinder zum schlafen bekommen. Weil ich weiß, das einzige was am Ende zählt ist nicht, dass die Kinder schlafen, sondern man selbst. Ich kenne Mütter, die die ganze Nacht ihre Hand durch die Gitterstäbe das Babybettes halten um Körperkontakt zu haben, Kleinkinder, die mit drei Jahren immer noch im Bett der Eltern schlafen, Mütter, die immer wieder auf die Matratze im Kinderzimmer umziehen. Ich glaube, alle hatten irgendwann einmal die Vorstellung davon, ein Kind zu haben, dass irgendwann wieder durchschläft und man selber auch. Aber wenn sich dieses nicht bewahrheitet – sei es aufgrund von Fehlern, die wir selbst Anfangs gemacht haben, Konditionierungen und Gewohnheiten, die wir selber eingeführt haben – es ist egal. Am Ende wollen wir einfach nur eines: Wieder schlafen, koste es was es wolle.

Letzte Woche waren wir auf einem Kindergeburtstag bei einer guten Freundin. Zwanzig Kinder und mindestens genauso viele Erwachsene tobten erstaunlich harmonisch durch die hundert Quadratmeter Wohnung. Alle Türen standen offen, selbst das Bad wurde zum Spielen genutzt. Keinen kümmerte es. Als ich ins Schlafzimmer sah, bemerkte ich beide Kinderbetten neben dem Bett der Eltern. „Hast du die Kinder wieder zu euch geholt?“ erkundigte ich mich. „Ja,“ antwortete sie. „Weil sie jede Nacht zu uns in Bett gekommen sind. Und ich hatte keine Lust mehr auf Füße im Gesicht, an den Haaren ziehen und daher Gewühle. Jetzt schlafen sie mit im Zimmer, bleiben aber in ihren Betten. Und ich kann endlich wieder durchschlafen. Irgendwann wird sich das auch wieder ändern.“ Ich konnte sie so gut verstehen. Und irgendwas scheint ja dran zu sein an dem Spruch: Kein Kind schläft sein Leben lang bei seinen Eltern. Früher oder später kehren sie alle in ihre eigenen Betten zurück. Und bis dahin muss man zusehen, trotzdem so viel Schlaf zu bekommen, wie möglich.

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