Über den Wert der Dinge

Wir leben in einer Stadt, die uns mit Konsum umwirbt an allen Ecken. Unsere Wohnung – ein Sammelsurium von Antiquitäten, Design und Kunst. Wir lieben die schönen Dinge und umgeben uns damit. Wir streben nach Nachhaltigkeit, Fair Trade und Qualitätsprodukten, versuchen lokal zu kaufen, unterstützen kleine Läden – aber wir kaufen. Wir konsumieren, wir ziehen unsere Kinder schön an, fahren teure Fahrräder und sparen nicht am Weihnachtsbaum. Wir wollen unsere Kinder lehren zu verzichten, Dinge in ihrem Wert zu schätzen – und tun es so oft selber nicht. Leisten uns, was uns gefällt und wir uns leisten können. Können wir den Wert der Dinge noch erkennen?

An unserer Tafel im Flur steht als Leitsatz unseres Lebensstils: Mehr reisen, weniger Konsum. Aber halten wir uns daran? Wir reisen UND konsumieren. Wir finden kleine Schätze zeitgenössischer Kunst junger Künstler, spazieren über Märkte mit klaren und schlichten Designs, wir lesen Zeitschriften und Onlineportale, die uns non stop über alles Neue informieren, das genau in unser Beuteschema passt. Und zusätzlich zu alldem glauben wir zu wissen, was zu unseren Kindern passt.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Kinder können sich artikulieren. Sich Dinge wünschen. Manchmal gefallen sie uns, manchmal passen sie so gar nicht in die Welt unseres eigenen ästhetischen Empfindens und unserer eigenen Vorstellung vom pädagogisch perfekten Spielzeug,

Emil wünscht sich „Cars“.

Er wünscht sich ein „Cars“ Hochbett, „Cars“ Hausschuhe, Schlafanzüge, Socken, Unterhosen, Rucksäcke – als alternative ginge noch „Planes“. Paul und ich verzweifeln. Wir wollen entscheiden, was Emil schön finden kann und was nicht. Wir wollen, das Emil den Wert der Dinge erkennt und zu schätzen weiß. Aber für uns hat „Cars“ überhaupt keinen Wert. Und wir betreten den schmalen Grad zwischen unseren und seinen Vorstellungen von einem perfekten Geschenk, einem perfekten Leben und einem perfekten Bild von Schönheit.

Emils Freunde wohnen hauptsächlich in Harvestehude. Sie werden in großen Kinderzimmern unter beeindruckenden Stuckdecken groß, haben alleinstehende Villen mit Alsterblick, Trampoline im Garten und sitzen immer sicher in großen Geländewagen. Die Mutter von Emils Freund John allerdings lebt so beengt, dass sie sich das Schlafzimmer mit ihren beiden Söhnen teilt. Als ich Emil von einer Geburtstagsparty an der Alster abholte, bemerkte ich im Auto: Schönes Haus, oder? Und Emil sieht auf das Haus, denkt kurz nach und erwidert: „Aber am schönsten ist es bei John. Da schlafen alle zusammen. Das wünsche ich mir auch.“

Unsere Vorstellungen sind so vernebelt von all dem, was uns tagtäglich in den Medien und in der Gesellschaft vorgelebt wird. Ich sage nicht, dass groß immer gleich schön ist. Das reich immer gleich schön ist. Luxus erstrebenswert sei. Ich mag die kleinen Dinge, das ich mir einen Blumenstrauss leisten kann, beim zweiten Kaffee nicht überlegen muss, ob er noch im Budget ist. Ich mag es, dass ich nicht immer den Geschmack der „Schöner wohnen“ Welt teile. Das ich Dingen einen Wert gebe, der nur mir etwas bedeutet. Alte Möbel, die eine Geschichte erzählen. Und ich versuche, das in den Dingen zu sehen, die Emil wichtig sind.

Einmal haben wir Emil eine Laterne gekauft, da war eine Giraffe drauf. Emil mochte die Laterne, aber noch viel mehr mochte er dieses kleine Stück Pappe, auf dem sie eingeschweisst war. Denn da war auch eine Giraffe drauf, und drei andere Tiermotive, die auch käuflich zu erwerben waren. Am Rande war die Pappe bereits kaputt gerissen, aber das hatte keine Bedeutung. Es hat dem Ganzen nicht den Wert genommen, den Emil darin erkannt hat. Er bat mich, das Stück Pappe in seinem Zimmer an die Wand zu hängen. Es hing dort bis wir aus der alten Wohnung ausgezogen sind.

Einmal hatte Emil von Oma eine Handvoll Bonbons bekommen. Sie waren in buntes Papier gewickelt, für das sicherlich kein Produktdesigner einen Preis bekommen hätte. Emil strich jedes Papier einzeln glatt und presste es in einem Buch. Und es bekam einen Wert für ihn. Er sammelte es in einer kleinen Schachtel in seinem Schrank. Das ist Monate her. Er würde sofort bemerken, wenn ich es entsorge. Für Emil hat es einen nahezu unschätzbaren Wert.

Kurz vor Heiligabend waren Paul und ich ohne die Kinder unterwegs. In einer anderen norddeutschen Großstadt. Ich nenne sie nicht beim Namen, damit mir niemand nachher die Illusion nimmt und behauptet, nicht ALLES sei so, wie ich es mir ausmale. Aber ich mag diese Stadt mit ihren kleinen Straßen, den zweistöckigen Häusern und kleinen Gärten mitten in der Stadt. Und ich komme so gerne hierher, weil es mich immer wieder aufweckt und auf den Boden zurück bringt. Je akademischer der Hamburger Stadtteil wird, desto schicker die Wohnungen, desto durchgestylter die Kinder und ihre Kinderzimmer, noch mehr Pünktchen und taubengraue Holzbetten, perfekte lackierte Holzböden und kindgerechte Designerlampen. In dieser anderen norddeutschen Großstadt hat man das Gefühl, je akademische ein Stadtteil, desto mehr barfuß laufende Kinder und Mütter auf selbstbemalten Fahrrädern, desto mehr Freiheit für Fingermalfarben und Fensterbilder, die in keiner „Schöner wohnen“ ihren Platz gefunden hätten. Mehr Flohmarktmöbel und Küchenkräuter, Bücherwände und Wollpullover. Mehr Freiheit, statt Konventionen. Mehr das, was ich mir für meine Kinder wünsche.

Stattdessen, oder auch ohne das „statt“ bauen Paul und ich Nachts noch ein Hochbett fürEmil auf. Nicht das gewünschte „Cars“ Hochbett, sondern eines mit Wert. Einem Wert, den wir ihm geben. 30,- Euro hat uns das gute Stück bei Ebay gekostet. Auseinanderbauen mussten wir es selber. Und zusammenbauen auch. Meine Mutter näht heimlich Vorhänge aus Piratenstoffen,  noch am Abend vor dem Heiligabend sitze ich bis weit nach Mitternacht im Wohnzimmer und male feinsäuberlich Captain Sharky Embleme auf Holz, während Paul Baldachin und Mond Lampe aufhängt. Und dann steht es da und Emil platzt vor Glück. „Niemals nie habe ich schon mal so ein tolles Hochbett gesehen,“ staunt er. der Wert ist unermesslich – für uns und für ihn gleichermassen.

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