A christmas carol

Warum überrascht einen das Gute im Menschen eigentlich häufig mehr als das Schlechte? Es scheint, als würde man Nächstenliebe, Zivilcourage, Empathie und Hilfsbereitschaft kaum noch einen Raum geben im Trubel der Selbstverwirklichung und dem ewigen Streben nach oben, der stillen Angst, irgendwann könnte es uns schlechter gehen als heute – und anderen womöglich besser als uns.

DSC00045Letztes Jahr kurz vor Weihnachten, wahrscheinlich ungefähr um diese Zeit – und es muss ein Mittwoch gewesen sein – verbrachten Emil, Ida und ich den Nachmittag im „Eltern Kind Café“. Es muss ein Mittwoch gewesen sein, nicht allein aus dem Grunde, weil nur Mittwochs das „Eltern Kind Café“ geöffnet hat, denn viel wichtiger für diese Geschichte: Mittwochs ist Spielzeugtag im Kindergarten.

Ich liebe Emils Kindergarten. Eine schmale weiße Villa mit großzügigen Räumen und hohen Decken inmitten des Grindelviertels. 26 Kinder vergnügen sich hier auf über 200 qm und lernen vor allem eins: Rücksicht und Fairness. Keine übermotivierten bilingualen Erzieher, kein großes Brimborium um Frühförderung, keine französische Klavierlehrerin. Viel Platz für wenig Kinder – viel Platz um zu spielen und Kind zu sein. Im Sommer sitzen sie morgens im Schatten der großen Bäume und frühstücken, immer frisch gepflückte Blumen in kleinen Vasen auf dem Tisch. Im Winter flackert es vor Kerzenschein und duftet täglich nach frisch gebackenen Plätzchen.

Mittwochs ist besagter „Spielzeugtag“. Jedes Kind kann ein Spielzeug von Zuhause mitbringen und den anderen im Morgenkreis zeigen. Unsere Spielzeuge wiederholen sich in einer Tour, das scheint aber nicht relevant zu sein. Eines morgens fanden wir partout nichts, was wir noch NIE gezeigt hatten, bis auf eine leicht zerkratzte Fußballkarte mit dem Konterfei Phlipp Lahms, die dann voller Stolz ausgewählt wurde. Bereits an der Garderobe konnte Emil nicht abwarten seine Fußballkarte zu zeigen. Ich vernahm ein anerkennendes „Oh!“ und „Cool!“ von den ihn umringenden Kindern. Emil – den unbändigen Stolz ins Gesicht geschrieben. Samt der kleinen schnellen Hausschuhe flitzte er in den Kindergartenraum und eines der ihn eben noch umringenden Kinder trat auf mich zu. „Ich weiß, dass die Karte eigentlich gar nicht so cool ist,“ begann er. „Aber ich hab das gesagt, damit Emil sich freut!“ – Das zum Thema Fairness.

An diesem besagten Mittwochmorgen allerdings hatten wir das non plus Ultra aller bisher gezeigten Spielzeuge dabei. Emil – noch zwei – war schon vor Aufregung um kurz nach fünf wach geworden. Das „Wackelauto“ sollte heute zum Einsatz kommen. Das „Wackelauto“ war ein gelblich verblichenes Disney Auto, dass meine Tante aus ihrem Keller gekramt hatte, und in den Siebzigern mal im Besitz ihres eigenen Sohnes gewesen war. Das „Wackelauto“ verfügte über vier ebenfalls verblichene Disneyfiguren, die sich bewegten, sobald man das Auto hinter sich herzog. DSC00066

Diesmal war ihm die „echte“ Begeisterung seiner Kindergartenfreunde sicher. Das „Wackelauto“ folgte uns zum „Eltern Kind Café“ und von dort zum Bus. Der stand bereits an der Haltestelle. „Emil, komm schneller!“ ermahnte ich ihn und zog ihn samt Wackelauto hinter dem Kinderwagen her. Emil ist ein sehr emphatischer kleiner Mensch. Wenn ich mich freue, freut er sich mit. Im Bus quetschen wir Idas Kinderwagen zwischen die kalt feuchten Menschen und Emil strahlt: „Das haben wir aber gut geschafft!“ Ich nicke. Dann fällt mein Blick auf das zu seinen kleinen Füßen stehende Wackelauto. „Oh nein, Emil,“ sage ich und mein Bestürzen ist echt. „Wir haben eine Figur verloren!“ Emils Blick wandert zum Wackelauto. Ich sehe Tränen. Aber Emil weint nicht.

Wenn Emil weint erscheint es mir wie etwas handfestes – als sei bereits ein Teil des Trostes abgegolten. Emil verschafft sich vorrangig erst mal selber Trost durch seine Tränen. Wenn Emil nicht weint und mit allen Mitteln versucht seine Tränen zu unterdrücken, dann bricht es mir das Herz.

Ich hocke mich zu ihm runter. „Das tut mir leid,“ sage ich vorsichtig. „Der Pluto ist weg,“ sagt Emil fassungslos. Seine kleine Stimme ist kaum zu hören. Er starrt das Wackelauto an. Glück und Unglück liegen bei Kindern so sagenhaft nah beieinander. Sie können über so viele Dinge aus vollem Herzen lachen, die wir nicht ansatzweise lustig finden, und binnen von Sekunden kann eine ganze Welt zusammen stürzen. Zum Beispiel, wenn man den Pluto aus dem Wackelauto verliert. Ich nehme Emils Hand und halte sie ganz fest. Als ich mich aufrichte bin ich sprachlos. Alle Menschen aus dem Bus sehen uns an. Und ich sehe so viel Menschlichkeit und Mitleid. Viele versuchen Emil zu trösten. Der Kampf gegen die aufsteigenden Kindertränen geht weiter. Für den Verlust eines Pluto gibt es keinen Trost.

Mir zerreißt es das Herz. Zwei Haltestellen weiter und Emils Gesicht ist immer noch starr auf das Wackelauto gerichtet. „So,“ sagt eine Frau entschlossen und greift nach ihrer Tasche bevor sie sich von ihrem Sitz erhebt. „Ich fahre jetzt zurück und suche die Figur!“

Brauchen wir mehr als diese Geschichte vor Weihnachten? Brauchen wir mehr Bestätigung dafür, dass wenn in einem Bus nur Menschen voller Menschlichkeit stehen, dass diese sich noch auch in den Häusern neben uns, auf den Märkten, Straßen und in den Geschäften befinden. Wollen wir abstreiten, dass nicht neben all dem Schlechten, von dem wir tagtäglich aus den Medien erfahren nicht auch sehr viel Gutes in unserem Alltag passiert? Jeden Tag – vielleicht sehen wir es nicht immer?

Gegen acht klingelt es an unserer Tür. Emil bereits im Schlafanzug – nimmt Pluto entgegen. Und ich sehe Glück und zwar nicht nur in seinem Gesicht. Denn schenken ist schöner als geschenkt bekommen, geben ist seliger denn nehmen, das Glück des anderen sehen wir auf unseren eigenen Gesichtern.

Paul hat einmal gesagt: „Wenn du selber glücklich bist, siehst du auch das ganze Glück um dich herum. Wenn du unglücklich bist, dann siehst du nur das Schlechte.“ Recht hat er.

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4 thoughts

  1. Ich sitze hier mit Tränen in den Augen, die ich gerade vergeblich versuche, wegzuzwinkern. Danke für Euer nachträgliches Weihnachtswunder, mein Herz ist gerade ganz weit.
    Dein Blog ist toll und ich lese mich hier gerade fest, obwohl ich eigentlich so viele andere Dinge tun müsste. Aber einen kurzen Augenblick gönne ich mir noch.

    LG Verena

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