Die Wut in kleinen Menschen

Wir machen so viele Fehler im Umgang mit unseren Kindern. Jeden Tag. Und keiner kann uns sagen, was wirklich richtig ist. Wir lesen Ratgeber und fragen andere Eltern. Im Stillen denken wir, das meiste machen wir doch ziemlich richtig! Aber dann setzen wir uns zusammen und summieren, wie oft wir das Gefühl haben, Dinge falsch angegangen zu sein. Wie oft denken wir nach kleinen Streits, dass wir überreagiert haben. Das dritte mal das Glas umgeworfen, weil man an den Käse wollte. Weil die Motorik machmal den übereifrigen Ideen nicht so perfekt hinterher kommt, wie wir uns das wünschen. Und wie sehr wir uns bis heute noch ärgern, wenn wir ausversehen selbst aus Unachtsamkeit ein Glas umwerfen. Es ist ein Glas. Und meistens Wasser. Manchmal Wein. Aber auch das geht weg, oder verewigt sich dann doch mehr recht als schlecht auf dem teuren Ledersofa. Darauf sitzen können wir trotzdem noch.

Heute morgen sagt Emil, er möchte ein nicht aufgeschnittenes Brötchen. Er tut sich verständlicherweise sehr schwer damit von außen die Butter gegen das Brötchen zu schmieren. Er grummelt. Das Messer rutscht ihm immer wieder ab. „Soll ich es doch durchschneiden?“ frage ich ihn. Er sagt ja. Ich schneide das Brötchen durch. Er schreit wie vom Teufel besessen. Niemals, aber auch wirklich niemals nie habe er gesagt, dass das durchgeschnitten sein soll. Er wolle es ganz oder gar nicht. Ich habe keine Lust auf Streit, nehme sein Brötchen und gebe ihm ein neues. Er rastet aus vor Wut.

Ich sage: möchtest du heute die Fußballschuhe anziehen? Heute würde es gehen, weil es nicht nass und auch nicht so kalt ist. Emil sagt ja. Ich hole die Fußballschuhe und er rastet aus. Liegt auf dem Boden und tritt um sich. Die Fußballschuhe wolle er auf gar keinen Fall und sowieso niemals nie anziehen.

Im Auto läuft „Der Grüffelo“. Ich freue mich über einen Parkplatz, mache das Auto aus und will Ida aus ihrem Sitz heben. Emil schreit und tritt auf seinem Kindersitz um sich. Er wolle „Der Grüffelo“ noch zu Ende hören. „Weißt du was,“ sage ich. „Zuhause baue ich dir einen Kuschelplatz in meinem Arbeitszimmer und dann kannst du die ganze CD hören.“ Emil rastet aus. Er wolle niemals nie die Grüffelo CD hören! Paul und ich sagen: „Gut, dann nicht“ und sind uns erstaunlich einig. Emil wütet weiter und randaliert im Auto herum. Vor dem Auto lässt er sich auf dem Gehweg fallen und bleibt dort liegen, während er schreit: Ich kann nicht laufen! Ich küsse Ida und wünsche ihr einen schönen Tag im Kindergarten. Sie zieht mit Paul von dannen. Ich sehe mir Schaufenster an. Emil wütet und schreit. Eine Gruppe Studenten steigt über ihn rüber und lächelt. Ich lächle nur noch verhalten. Langsam finde ich Emil anstrengend. Nach einer kurzen Entschuldigung trage ich Emil bis zum Blumenladen. Ab da, so versichert mir Emil, könne er alleine laufen. Super, denke ich, denn wenngleich nur 15 Kilo, ich finde Emil auf Dauer auf den Schultern schwer. Am Blumenladen krallt er sich in meinen Haaren fest und brüllt, er könne nicht laufen. Ich versuche ihn runterzuzerren ohne umzukippen. Theatralisch fällt er zu Boden und bleibt da liegen. Ich gehe Schaufenster gucken. Wieder steigen Passanten über ihn rüber. Emil brüllt und tobt. Ich arbeite mich von Schaufenster zu Schaufenster und sage: „Ich geh schon mal hier lang, du kannst ja nachkommen.“ Das Gebrüll wird lauter. Nach zwanzig langen Minuten gebe ich auf und hebe ihn hoch. Innerlich koche ich, nach außen bin ich super-Mom zwischen den ganzen mich beobachtenden Studenten, Meine Wut muss aber auch irgendwo hin, also flüstere ich Emil ins Ohr: „Gut, wenn deine Beine nicht funktionieren, trage ich dich bis zum Kindergarten. Aber dann darfst du heute nicht mit auf den Weihnachtsmarkt,.“ Emil tobt auf meinem Arm und tritt und jammert und weint. Er wolle aber mit auf den Weihnachtsmarkt. Niemals nie dürfe er mit auf den Weihnachtsmarkt! Vor dem Kindergarten tritt er noch ein bisschen liegend gegen den Bürgersteig.

Emils Kindergarten ist klein, alle Eltern kennen sich, es gibt nur eine Gruppe. Alle bleiben stehen und muntern mich auf. „Kenne ich gut,“ nicken sie. Ich packe Emil und trage ihn rein. Er sitzt auf einer kleinen Bank und weint. „Ich liebe dich aber, Mama,“ schluchzt er. Gleich muss ich mitheulen. „Ich mag nicht ganz alleine im Dunkeln Zuhause sein, wenn ihr auf den Weihnachtsmarkt geht,“ schluchzt er weiter. Ach Emil, denke ich, und ziehe ihm diese winzig kleinen Hausschuhe an. Er ist drei, sage ich mir, er ist ein winzig kleiner Mensch der erst seit drei Jahren hier auf der Welt ist und alles verstehen soll. IMG_6790

Emil und wie er die Welt sieht – jeden Tag Neues, jeden Tag so vieles, was ihm nicht auf Anhieb verständlich ist. Jeden Tag neue Wunder. Er möchte, dass wir ihm die Welt erklären. Verstehen, warum er Dinge kann und andere nicht. Warum man vieles darf und manches nicht.

Paul und ich setzen uns in ein Café´ und haben Zeit zu reflektieren. Wir wollen eigentlich für uns sein, mit unseren Gedanken ein bisschen beieinander. Aber wir sind bei Emil – so viel Wut und Unglück in diesem kleinen zarten Menschen. Wir suchen unsere Fehler – nicht seine. Was haben wir verkehrt gemacht? Was können wir ändern? Unsere eigene Ungeduld steht uns im Wege – unsere Vorstellung vom perfekten Leben. Aber unsere Kinder haben ihre eigene Vorstellung vom perfekten Leben. So wie Ida nur im Stehen isst, und Emil niemals freiwillig zum einschlafen die Augen zu macht. Wie oft haben wir Ida zurück in den Kinderstuhl geschoben, bis wir beschlossen haben: Wer sagt uns denn das man beim Essen sitzen muss? Seitdem darf Ida aufstehen. Die einen beobachten das mit Skepsis – haben wir denn kein Durchsetzungsvermögen gegenüber unserer Kinder? Oder haben wir einfach nur festgestellt, dass alle entspannter und glücklicher gemeinsam Essen, wenn Ida steht? Wie weit setze ich meine Bedürfnisse um um ihre zu unterdrücken? Schaffe ich es zeitlich nicht, den Grüffelo noch zu Ende zu hören? Wie oft bestimme ich über Emil und Ida? Ich muss Regeln aufstellen, aber kann ich nicht auch Wünsche erfüllen? Nicht materielle Wünsche?

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One thought

  1. Genau so verlaufen momentan unsere Tage!
    Danke für den Artikel und das Teilen deiner Gedanken!
    „Unsere eigene Ungeduld steht uns im Wege – unsere Vorstellung vom perfekten Leben.
    Ja so ist es. Sehr lange konnte ich mich zurückhalten. Geduldig sein, ihn machen lassen und mich über seine Entschlossenheit und Phantasie freuen.
    Wie ging das nur verloren? Mit dem zweiten Kind, das nun auch seine Bedürfnisse zeigt?
    Oder eher damit, dass ich mich manchmal etwas gefangen zwischen den Kindern fühle und gern was für mich mache?
    Meine eigene Ungeduld! Ich muss unbedingt die im Zaum halten!
    Den kleinen Wesen zuliebe!
    Lieber Gruss
    Kristina

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