Cafe mit Emil Teil 1

Wir können vieles von unseren Kindern lernen. Wir lernen geduldiger zu werden. Mit ihnen, mit uns, mit der Welt. Wir lernen zuzuhören, wir lernen unsere eigenen Grenzen kennen. Wir lernen auch banale Dinge, wie mit weniger Schlaf auszukommen. Wir lernen auch etwas über uns, über uns als intelligentes Lebewesen. Wie rum muss ich einen Pullover halten, damit der Aufdruck nach dem Anziehen vorne ist? Wie binde ich Schuhe zu. Am spannendsten von allem: Wie lerne ich Sprache?

Aber ich glaube, wenn es heißt, dass wir durch unsere Kinder lernen, dann ist damit vor allem ihre Sicht auf die Welt gemeint. All die kleinen philosophischen Dinge, die sie von sich geben, all die Theorien, die sie sich zurecht spinnen, all die Erklärungen, die uns so fern liegen und ihnen doch so nahe sind.

Zwei mal die Woche gehen Emil und ich gemeinsam morgens ins Café. Emil bestellt seinen Kakao selber – er ist stolz, dass er Dinge alleine kann. Er sagt bitte, er weiß, dass man auf das Rückgeld warten muss. Seitdem Ida da ist muss Emil mir das Busticket kaufen, während ich hinten einsteige. Das Wort „Kurzstrecke“ hatte er häufig schon wieder vergessen, wenn er sich vorne zwischen den Beinen all der großen Menschen hindurchschob und oft genug vom Busfahrer übersehen wurde. Er wusste, dass er auf das Ticket warten muss, dass er Geld zurück bekommt und dann, bevor der Bus wieder anfährt, sich irgendwo festhalten muss.

Emil weiß meistens besser als ich, was wir Zuhause auf unsere Einkaufsliste geschrieben haben. Er weiß, wie man die Kitchen Aid in der Küche bedient und wieviel Mehl man für Pfannkuchen braucht (ich weiß beides ehrlich gesagt nicht so genau).

Wenn Emil im Café seinen Platz einnimmt, rührt er lange in seinem heißen Kakao. Ich sage meistens nichts. Die schönsten, klügsten und inspirierendsten Dinge kommen aus Emil, wenn man ihn nicht direkt nach etwas fragt. Ich trinke meinen Kaffee, schaue auf den Weihnachtsmarkt hinaus, fühle mich sehr gemütlich, als Emil aus dem Nichts sagt: Welches ist die letzte Zahl der Welt?

Eine Sekunde und es ist wieder da, diese Wahnsinns Gedanken in diesem kleinen Lockenkopf. „Eine letzte Zahl gibt es nicht,“ sage ich und während ich in meinem Kopf noch nach kindlichen Erklärungen für die Unendlichkeit suche, sagt Emil nüchtern: „Dann eben die Vorletzte.“

Machen wir uns eigentlich bewusst, was unsere Kinder uns täglich erzählen und was sie uns alles noch erzählen würden, würden wir noch mehr Zeit mit ihnen verbringen? Noch mehr Geduld haben, ihnen zuzuhören? Wie komplex sind ihre Gedanken und kreisen sie nicht genau wie unsere unentwegt um etwas? Sie machen sich keine Sorgen um Abgabetermine von Projekten, um Rentenversicherungen und Immobilienkäufe, aber sie machen sich Gedanken um all das, was in ihrem Leben eine Rolle spielt und darüber können und wollen sie reden.

“ Greta war schon mal gestorben,“ fährt er fort. Der Tod ist zur Zeit alles bestimmendes Thema – und ich habe keine Ahnung warum. Dem Ganzen liegen aber keinerlei Emotionen bei. Sterben ist nicht mit Verlust oder Trauer konnotiert. „Nein,“ sage ich. „Dann hast du sie falsch verstanden.“ Emil schüttelt energisch den Kopf. Er mag es nicht, wenn ich seine Geschichten revidiere. Zu Recht, gestehe ich ihm ein, denn schließlich hat Greta IHM die Geschichte erzählt und nicht mir und mir steht es nicht zu über Wahrheit und Unwahrheit zu urteilen. Hier erscheint es mir aber grade sehr unwahrscheinlich. „Sie ist aus dem Himmel aber wieder zurückgekommen,“ erklärt er lapidar. „Das geht nicht,“ sage ich, aber Emil unterbricht mich. „Mit einer sehr langen Leiter würde das gehen.“ Das haben wir uns doch selber zuzuschreiben. Die Geschichte mit dem Himmel, in dem Emils Oma und seine Uroma in seiner Vorstellung leben. Und dann können wir fliegen und große Leitern und Kräne bauen und können trotzdem zwischen diesen beiden Welten nicht nach belieben hin und her flanieren?

“ Wenn man tot ist, kommt man in den Himmel,“ fährt Emil ungehindert mit seiner Geschichte fort. „Aber wo war man vorher?“ Ziemlich viele Fragen für einen Montag morgen. „Auf der Erde,“ sage ich. „Nein,“ sagt Emil. „Bevor man auf der Erde war!“ Manchmal suche ich nach banalen Antworten, weil ich keine anderen weiß. „In meinem Bauch,“ erkläre ich. „Ja,“ sagt Emil. „Aber als ich in deinem Bauch war, war Ida nicht da drin. Also wo war Ida bevor sie in deinem Bauch war?“Ja, wo war Ida, frage ich mich. Es gab noch keine Ida. Aber wie soll ich einem drei Jährigen das erklären? Ich tue etwas pädagogisch ziemlich dummes und sage: „Weiß ich nicht,“ in meinem typischen freundlichen Mama Ton. Liebe Frage, mein liebes Kind, aber eine Antwort weiß ich nicht. „Ich glaube, die gab’s da noch gar nicht.“ sagt Emil lapidar und trägt eigenständig seinen leer getrunkenen Kakao Becher zu den Tabletts mit den dreckigen Tassen. Ich sehe ihm kurz hinterher. Als er zurück kommt und seine Jacke nimmt stellt er fröhlich fest: Aber jetzt sind wir ganz schön froh, dass wir die Ida gekriegt haben.

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