Wo ist Paul? – oder der Abschied vom Reisen auf unsere Art

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Zu den Dingen die ich nicht mag gehören Menschen die behaupten, mit Kindern würde sich alles verändern (im positiven meinetwegen ja) und vieles, was man einst gemacht hat, könne man nun auf Grund dieser winzigen abhängigen Wesen nicht mehr so zelebrieren wie man es einst genossen hat. Dazu zählt in den meisten dieser „Ich-kann-mit Kindern-nicht -mehr“-Reden das Reisen. Es ist, als würden 80 Prozent der Eltern ab dem Moment, wo sie den Mini-Menschen in ihre Familie aufnehmen ein Dauer Abo für Dänische Ferienhäuser abschließen. Nichts gegen dänische Ferienhäuser – 6 Wochen nach Idas Geburt haben wir zwei wunderbare Wochen auf Bornholm mit Freunden verbracht. Und wer schon immer gerne dem Müßiggang frönte und an dänischen Sandstränden Muscheln suchen möchte, der soll das bitte auch weiterhin tun! Niemand wird gezwungen aufgrund eines Neuzuwachses in der Familie unter Beweis zu stellen, dass man von heute auf morgen zum Thailand Traveller wird oder mit dem VW Bus 6 Monate durch Afrika reist. Aber das, was einem einst mal wichtig war, das sollte man beibehalten. Wer gerne reist, kann weiter reisen. Wer Städte mag, kann Städte besuchen. Denn alles, was uns fasziniert, kann doch nur auf unsere Kinder abfärben. Sie lechzen danach, sich für das zu begeistern, was uns begeistert.

Die Eltern von Emils bester Freundin Greta (3 Jahre)  sind passionierte Theaterbesucher, verpassen kaum eine Premiere, sind Dauergäste auf Kampnagel, im Thalia und Schauspielhaus und durchaus offen für experimentelles Theater. So verbrachte Greta nicht nur als Baby so manche Nacht schlafend im Kinderwagen einer beliebigen Theatergarderobe, sie begleitet bei Babysittermangel ihre Eltern auch heute noch. Als sie zuletzt in der Schlange für eine experimentelle japanische Tanz Performance an der Abendkasse stand, passierte sie zwei Bühnenarbeiter, von denen einer mitleidig den Kopf schüttelte und „Das arme Kind“ in seinen Bart murmelte. Greta aber schien zu explodieren vor Freude und Teilhabe an dem bunten, lauten und wilden Tanzspektakel auf der Bühne. Das, was die Eltern für gut befinden, öffnet die Kinder für die Schönheiten dieser Welt.

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So ist es auch mit dem Reisen. Paul und ich lieben Städte. So flogen wir im Frühling nach Rom, Ida konnte kaum krabbeln, Emil hatte seinen dritten Geburtstag noch vor sich. Zu unserem Glück waren Gretas Eltern nur zwei Wochen vor uns zusammen mit Greta ebenfalls in Rom. Bei ihrer Heimkehr und dem Austausch von Restaurant und Kultur Tipps überreichten sie uns eine mehrseitige Schatzkarte. Auf dieser war detailliert beschrieben, wo Greta für Emil kleine Schätze hinterlassen hatte. Wir stromerten durch Kirchen, krochen unter den Bänken hindurch, orientierten uns an Skulpturen, wagten uns in die Katakomben. Überall fanden wir gut versteckte kleine Schätze – eine bessere Art Emil für die Erkundung einer Stadt zu begeistern, hätten wir nicht finden können. Abends aßen wir auf frühlingswarmen Plätzen Pasta und schoben die schlafenden Kinder durch schummerige Gassen auf dem Weg zum letzten Glas Wein.

Venedig allerdings stellte uns vor eine neue Herausforderung – und das waren weniger die Brücken oder die nicht abgesicherten Kanäle. Es war die Tatsache, das aus Ida ein laufendes kleines Wesen mit ganz eigenen Vorstellungen geworden war. Und Ida wollte Murano Glas Schaufenster sehen, während Emil Tauben jagen wollte. Ida wollte langsam, wahlweise auch gerne zurück gehen, während Emil schnell, wahlweise auch gerne schnell an das nicht abgesicherte Wasser rennen wollte. Wenn Emil mal in den Buggy wollte, dann wollte Ida partout nicht getragen werden und wenn Ida im Buggy war, wollte Emil liebend gerne auf die Schultern. Und so war es, dass wir morgens um sieben das Hotel verließen um Abends gegen 20 Uhr zurückzukehren und dazwischen hinter Emil und Ida herzulaufen.

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Abends beim Essen sehe ich Paul an und denke: bis eben hätte ich nicht sagen können, was er unter seiner Jacke anhat. 12 Stunden laufen wir nebeneinander durch die Gassen, aber mir fehlt die Ruhe ihn wahrzunehmen. Einer von uns rennt immer hinter den kleinen Beinchen her, hört Emil zu, zeigt Ida noch mehr Murano Glas. Einer von uns passt immer auf, dass der heiße Kakao nicht vom Tisch gerissen wird, das Ida nicht zu weit unter die Tische anderer Gäste krabbelt. Einer von uns sieht immer zu, wie Emil auf Mauern klettert, teilt seine Begeisterung für Boote und Gondeln. Einer von uns schaukelt immer die kleine Ida herum, wischt Nasen ab, pustet heiße Pizza Stücke.

Wir machen aus unseren Reisen unbewusst ein riesiges kindgerechtes Abenteuer. Wir erfinden Geschichten und schleichen durch dunkle Gassen, wir begeistern für riesige tote Fische auf dem Markt und kleine Spatzen die sich getrocknete Tomaten klauen. Wir merken gar nicht, wie wir unsere Reisen und auch unseren Alltag immer auf das Glück unserer kleinen Begleiter abstimmen. Wir machen das, was wir auch ohne sie gemacht hätten, wir verzichten nicht aufs reisen, nicht auf die Treffen mit unseren vielen Freunden, abendliche Grillparties in Parks, Kurztrips, Theater-Museum-Kunsthallen Ausflüge. Aber ohne es uns bewusst zu machen, stimmen wir alles auf sie ab, und begeistern sie damit für unser Leben. Als meine Mutter mich nach der Reise fragte, wie es war, habe ich spontan gesagt: Für Ida und Emil war es großartig! Aber wo Paul und ich dabei geblieben sind weiß ich nicht so genau. Ich glaube, die ganze Kraft des Reisens, diese ganze Energie, ziehen wir aus dem Glück unserer Kinder. Aus der riesigen Freude, die sie in jedem Moment empfinden.

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