Venezia – so nah und doch so fern

Nach Venedig fliegt man von Hamburg aus 1,5 Stunden. Wir sind schon viel längere Strecken mit den Kindern geflogen. 1,5 Stunden – das erscheint mir wie eine Busfahrt ans andere Ende von Hamburg (obwohl die wahrscheinlich länger dauern würde).  So sieht das in der Theorie aus. In der Praxis sieht das dann so aus: Wir glauben, man kann ohne weiteres morgens packen wenn man erst Mittags fliegt. Man muss nur genau im Auge behalten, was man bereits eingepackt hat, denn kaum hole ich mir einen Kaffee oder ein sauberes Paar Socken aus einer Schublade, hat Ida einen Teil des Kofferinhaltes bereits übermotiviert wieder ausgepackt und in eines der vielen Zimmer geräumt – manches löblicherweise sogar zurück in irgendeine Schublade. Es gilt genau zu koordinieren was ins Handgepäck und was in den Koffer soll. Am Ende haben wir zwei Handgepäckstaschen, einen Kinder Trolley, einenBuggy und einen Koffer. Um Punkt 11:00 verlassen wir das Haus. Emil kann seinen Koffer selber ziehen. Es soll sich heraus stellen, dass er das genau bis ans Ende der Strasse schafft. „Kann ich auf deinen Arm?“ Sicher nicht. „Aber ich kann deinen Koffer nehmen,“ mache ich als Friedensangebot. „Kann ich auf deinen Arm?“ wendet er sich an Paul. “ Nein,“ sagt Paul. „Ich muss den Koffer ziehen.“ „Dann auf die Schultern,“ schlägt Emil vor. Im Bus ist es eng – Emil will immer auf den hohen Sitzen Platz nehmen. Völlig verständlich, denn sonst kann er nicht aus dem Fenster sehen. Hin und wieder soll es aber in Hamburger Bussen vorkommen, das diese Plätze bereits besetzt sind und man schon ein kleines inneres Feuerwerk abfackeln kann, wenn man überhaupt einen Sitzplatz bekommt. „Ich will aber da oben sitzen,“ insistiert Emil. „Da sitzt aber schon jemand,“ sage ich. „Kannst du die fragen, ob die aufstehen können?“ Ida macht ein filmreifes Theater weil sie nicht einsieht, wieso sie im Buggy sitzen bleiben muss. Der Bus fährt an, der Koffer fällt um. „Mama!“ Emil zieht an meinem Bein das auf dem Boden des Busses kniet um den Koffer wieder aufzurichten. „Kannst du die fragen oder nicht?“ „Oder nicht,“ sage ich und richte den Koffer wieder auf. Ida versucht aufzustehen. Die Hamburger Verkehrsbetriebe haben es nicht so mit dem Einbau von Fahrstühlen – selbst an stark frequentierten Haltestellen nicht. Den Fahrstuhl als solchen, scheinen sie für eine Art Überflüssigkeit zu halten. Paul trägt das Gepäck runter, Emil muss unten warten, dann hilft er mir mit dem Buggy. Ida lacht kurz, dann entscheidet sie aber, dass sie doch noch lieber jetzt sofort und auf der Stelle aussteigen möchte. Da das nicht geht, macht sie Theater. In der Bahn darf sie endlich aussteigen und entgegen der Sicherheitsvorschriften lehnen es beide Kinder selbstverständlich ab auch nur eine Sekunde der Fahrtzeit auf einem Sitzplatz zu verbringen. Statt dessen hantieren sie geschäftig am Koffer einer Mitreisenden herum. Als wir nach 40 Minuten ankommen muss Ida zurück in den Buggy – der Protest ist selbstverständlich riesig. Die Kraft die Emil gefehlt hat die 300 Meter bis zur Bushaltestelle selber zu laufen scheint er im Terminal zurück bekommen zu haben, denn er flitzt in alle Richtungen davon. Wahlweise auch auf dem Kinderkoffer sitzend und rollend. Dieser ist extra für solche waghalsigen Flughafenmanöver gebaut – allerdings mehr im Sinne der Kinder als der Mitreisenden, denen Emil in einer Tour vor die Füße fährt. Wir füllen mehr als 6 Kisten beim Sicherheitscheck. Erstaunlich, wieviel bei uns als Handgepäck durchgeht. Emil will nicht durch die Sicherheitskontrolle laufen. Wir stehen alle auf der anderen Seite und reden ihm gut zu. Die Freundlichkeit des Sicherheitspersonals lässt etwas zu wünschen übrig. Am Gate ist es langweilig, wie an allen Gates dieser Welt. Selbst für Erwachsene ein Ort der öder kaum sein kann. Eine wahnsinnig triste Kinderecke weis auch nicht so richtig für sich zu begeistern. Ida und Emil stehen am Fenster und sehen den Flugzeugen zu. Um 14.30 steigen wir endlich ein. Ida möchte jetzt aber wirklich nicht mehr sitzen. Langsam reicht es ihr. Wer seine Beine erst seit ein paar Wochen so richtig in Funktion kennt, der will das schließlich auch nutzen – und nicht still sitzen. Das ist absolut verständlich – aber leider auch absolut unmöglich. Emil setzt sich Kopfhörer auf und ist jetzt die nächsten 1,5 Stunden nicht ansprechbar. Selbst mit Schokolade kann man ihn nicht locken. Wenn Emil Hörspiele hört ist er weg aus dieser Welt. Mein Plan war, dass Ida während des Fluges schläft. Idas Plan war das allem Anschein nach nicht. Wir schleppen unser Gepäck im Nieselregen zur Anlegestelle des „Alilaguna“ Bootes, dass uns nach Venedig bringen wird. Fahrtzeit 1 Stunde 10 Minuten. Ida zappelt in der Manduca. Wir werden darauf hingewiesen, dass der Buggy so nicht an Bord kann. Während Paul versucht ihn zusammenzuklappen wird er von diversen Menschen überrannt, die mit Koffern und Taschen nicht schnell genug aufs Boot können. Emil, Ida, Taschen, Buggy, Koffer – alles die schmale Treppe runter unter Deck. Emil kann nicht rausgucken, also erlauben wir ihm sich auf den Sitz zu stellen. Mir ist alles egal. Wenn er das Fenster öffnet regnet es rein – dafür sieht man die Inseln, die vor Venedig liegen. Murano, Lido, die Friedhofsinsel. Emil steht am Fenster, die kleinen feinen Tropfen legen sich auf seine Locken und sein zartes Gesicht. Manchmal träumt er, manchmal zeigt er aufgeregt auf die Stadt, die mir so viel bedeutet. Die Zinnen vom Arsenale, die Lichter vom Marktplatz, die Kuppel der Salute Kirche. „Wo hast du gewohnt, Mama?“ fragt er. Ich zeige auf den Lido. „Da,“ sage ich. „Wo der Strand ist und die großen alten Hotels. Da hab ich gewohnt.“ Emil staunt. Er saugt alles in sich auf. Ida will ständig von mir zu Paul und zurück. Natürlich bleibt es nicht aus, dass sie bei dem Geschaukel stürzt und mit dem Kopf gegen die Kante eines der Plastiksitze knallt. Mit Beule sieht sie immer noch gut aus. Buggy, Koffer, Handgepäck, Emil – wir ziehen und tragen alles durch die engen Gassen bis zu unserem Hotel. 17:30. Wir sind da. Es ist dunkel und riecht feucht – es riecht nach Venedig. Wir schmeißen unsere Sachen ins Zimmer und laufen wieder die Treppe herunter. Wenn man erst mal angekommen ist, dann ist es, als wäre die ganze Anstrengung der Reise nie gewesen. Wir suchen uns durch die schmalen Gassen den Weg zum Markusplatz. Bei Regen im November sind wir fast allein. Emil sieht sich staunend um – von 11:00 bis jetzt unterwegs. Es wird Zeit Energie los zu werden. Und nichts fasziniert Kinder mehr, als ein großer leerer Platz ganz für sie alleine. Seine kleinen Beine können gar nicht so schnell und so viel flitzen wie er gerne möchte. Von einer Seite zur anderen, unter den Arkaden hindurch, den Nieselregen im Nacken. “ Das,“ sagt er, als er irgendwann atemlos wieder vor uns steht. „Ist aber der schönste Platz, den ich je auf dieser Welt gesehen habe!“ IMG_7990

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