Raus auf’s Land

Wo wollen wir leben?

Die Frage, wo wir leben wollen beschäftigt uns ein Leben lang. Sind wir der Land- oder der Stadt Typ, der Süd- oder Nordeuropäer. Tag- oder Nachtmensch? Brauchen wir Platz oder profitieren wir vom engen Zusammensein?

Hamburg, Berlin, Amsterdam, New York? Großstadt versus Landleben, Urbanität versus Gemütlichkeit. Wo leben, was arbeiten, wie jeden einzelnen Tag gestalten. Das Leben ist kurz, es gilt das beste daraus zu machen. Und wo ich lebe nimmt so viel Einfluss darauf. Ich muss finden, was zu mir passt. Was mich glücklich macht. Am Ende des Lebens möchte ich denken können: da hast du dich aber mal wirklich richtig entschieden!

Ich reise gerne und gerne über den Hotelalltag hinaus. Ich liebe Großstädte, ich liebe es sie zu erkunden, durch Strassen und Gassen zu irren – vielleicht bin ich deshalb so genervt, wenn Paul bei Orientierungsfragen so gerne sein Iphone zückt. Lauf doch erst mal los! denke ich. Vielleicht finden wir etwas, womit wir gar nicht gerechnet haben. Aber wenn Paul sein Iphone fragt, finden wir natürlich das MoMa, denn das haben wir schließlich ja auch gesucht. Jetzt tue ich Paul unrecht. Er ist auch ein unruhiger durch Städte Treiber.. Unsere erste gemeinsame Reise ging nach New York – stundenlang sind wir herumgelaufen. Kannten uns erst seit ein paar eher flüchtigen Wochen, waren uns noch gar nicht wirklich vertraut – genau wie diese riesige Stadt die uns in ihren Bann zog. Übermächtig, inspirierend, voll, manchmal dreckig, düster, unendlich hoch, architektonische Wunderwerke neben kleinen Stadt Oasen.

Und ich liebe afrikanische Großstädte, bunt und chaotisch, eng, staubig, voller Menschen, Stimmen, Dreck. Voller pulsierendem Leben. Erschreckende gesellschaftliche Kluften und die Schönheit im Kleinen zu finden. Karierte Tische in kleinen Hinterhof Cafés die die besten Pancakes Kampalas backen, unendliche Fröhlichkeit bei der Arbeit. Ich liebe Havanna, Rom, Berlin, New York – an allem liebe ich am meisten das Unperfekte und die Bewegungen die von unten entstehen. Vielleicht habe ich deshalb eine Abneigung gegen gepflegte Vorgärten und in Reih- und Glied aufgereihte Tulpenbeete, gegen akkurat gemähten Rasen und Orte in denen die einzige Bewegung darin besteht, bei der Organisation des alljährlichen Feuerwehrfestes zu helfen.

Ich mache keine Vorwürfe und urteile nicht – würden alle gleich leben wollen, dann gäbe es keine Heterogenität mehr. Ist es nicht einfach nur wichtig, dass wir am Ende glücklich sind mit dem was wir haben?

Aber dann kam Emil. Und Emils kleinen Beine begannen zu laufen. Und wenn Emil konnte, dann lief er zu Ästen und Schnecken, zu Kastanien und Büschen, zu Enten und ihn überragenden Gräsern. Bevor Emil den Konsum verstand, verstand er die wahren Reize des Lebens – die Natur.

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Wie sollen wir leben? Fragte wir uns erneut.Wie sollen unsere Kinder groß werden? Nicht was sollen sie lernen, sondern was sollen sie erfahren? Was sollen sie spüren, erleben, erkunden?

Damit eine Familie funktioniert, wirklich in ihrem Inneren funktioniert, muss jeder Einzelne glücklich sein. Und das Glück an die anderen weiter tragen. Was macht uns glücklich, und was macht die Kinder glücklich?

Paul sagt, er könne sich ein Leben auf dem Land vorstellen. „Keine halben Sachen,“ sagt er. Keine Vororte, keine Neubaugebiete und Filterkaffee auf der eigenen Terrasse. Richtiges Landleben. Ein Resthof, ein Hund, ein Pferd für mich und vielleicht irgendwann für Ida und eine Streuobstwiese. “ Wir können doch auch auf dem Land ein modernes Leben führen. Wir können doch unsere gesammelte Kunst, die Charles Eames Stühle und unseren ach-so-offenen-Horizont mitnehmen und jegliche Feuerwehrfeste ignorieren.“ Ich wünschte, ich könnte auch so denken, wie Paul. Aber ich kann nicht aufs Land. Wir haben uns trotzdem ein altes Fachwerkhaus angesehen. Von Emils Fenster aus sieht man auf eine neblige Pferdekoppel und den Wald.

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Wo sollen wir leben, dass wir allen gerecht werden?

Damit alle glücklich sind, muss man Kompromisse eingehen. Und das, was man nicht hat, vielleicht im Kleinen suchen. Emil und Ida wachsen in der Stadt auf, mit Eltern, die das glücklich macht. Sie haben eine Katze, die sowohl drinnen als auch draussen mit ihnen das Leben teilt und Abends schnurrend auf Emils Bett einschläft. Sie können Gemüse pflanzen, Kräuter ziehen, hoffentlich bald die ersten Äpfel ernten. Sie können barfuss im Gras laufen, auf Bäume klettern und Schlösser für Marienkäfer bauen. Sie werden niemals wissen, wie es ist, morgens aus dem Haus in den Wald zu gehen, und um 18:00 zum Abendessen zurück zu sein. Sie werden nie wissen, wie es ist jeden Tag mit dem eigenen Pony durchs Moor zu reiten, Lämmer mit der Flasche groß zu ziehen oder wie Paul als Kind das Gras in der Schweiz mit der Sense zu mähen. Sie werden wahrscheinlich keinen Hund bekommen, nie so gut schnitzen können, wie wir früher, sie werden aber vor allen Dingen weniger auf eigene Faust erkunden können. Nicht den ganzen Sommer barfuss durch den Bach waten und Stichlinge fangen.

Gestern waren wir zum Brunch. Bei Nieselregen standen wir danach auf dem Spielplatz und sahen den Regenhosenkindern zu. „Wir haben das doch alles früher gehabt,“ sagte ich ein bisschen wehmütig. „Aber würden wir unsere Kinder das genauso machen lassen, wie wir es früher durften?“ überlegt T. Wahrscheinlich nicht.

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