Artenlos durch die Nacht

04:10 Uhr, Ida weint. Ich schleiche in ihr Zimmer. Sie träumt. Übelkeit schießt in mir hoch. Auch das noch. Ida schläft wieder ein, ich gehe zurück ins Bett.

04:20 Uhr, ich stehe auf und mache mir einen Tee. Magen-Darm und ich: keine Freunde!

05:50 Uhr, ich schlafe wieder ein

6:00 Uhr: Pauls Wecker klingelt

06:30 Uhr. Geht nicht anders, ich stehe auf. Paul verlässt das Haus, die Kinder winken. Frühstück machen mag ich nicht. Ida kriegt eine Banane, Emil nichts. Kann im Kindergarten frühstücken, denke ich.

07:45 Uhr: Parkplatz gefunden. Geprellter Zeh im Stiefel schmerzt und pochert. „Kann ich auf deine Schultern?“ fragt Emil. „Nein,“ sage ich. „Kann ich bitte auf deine Schultern?“ versucht er es noch mal. „Nein,“ sage ich. „Aber ich hab bitte gesagt!“

8:00 Uhr, Ida abgegeben. „Kann ich jetzt auf deine Schultern?“ Emil wird langsam ungeduldig mit mir. „Nein,“ sage ich. „Aber Ida konntest du auch tragen!“ Ich versuche ihm zu erklären, dass es unfair ist, jemanden häufig um etwas zu bitten, obwohl ihm klar sein muss, dass mein Fuß schrecklich weh tut. „Aber ich bin schlapp,“ sagt Emil. „Dann bleibe ich eben hier liegen.“ und legt sich auf den Gehweg.

08:10 Uhr, nach längerer Diskussion gehen wir weiter. „Du kannst doch beim Sport auch Tausend mal durch die Halle flitzen,“ beginne ich. „Und zu Fuß zum Kindergarten kannst du nicht?“ Er sieht mich konsterniert an. „Beim Sport muss ich das machen,“ erklärt er ernst. „Das mache ich nicht zum Spaß!“ Und ich dachte, es sei umgekehrt.

9:00 Uhr, wieder im Bett. Übelkeit, Schweißausbrüche, mit dicken Socken und Strickjacke unter die Decke. Abwarten, dahin dämmern, schlafen, Tee trinken.

14:00 Uhr, duschen nicht geschafft, ab ins Auto. Militante Fahrradfahrerin fährt in dieser Woche gefühlt zum hundertsten mal mit dem Auto herum. Schlechtes Gewissen. Durchgeschwitztes T-Shirt. In Idas Kindergarten erst mal ausruhen. „Hier haben das grade alle,“ höre ich die Erzieherin sagen. Na dann!

15:00 Uhr, Ida tragen, Emil abholen. „Wo gehen wir heute hin?“ ruft Emil aufgeregt. „Nach Hause,“ sage ich. „Oder zum Sport?“ schlägt Emil vor. „Nein, nach Hause.“ „Oder zum Spielplatz?“ „Nein, nach Hause!“ Schlechte Laune. Ich binde Emils Schuhe zu und richte mich auf. Oje, Kreislauf und ich – auch keine Freunde mehr. Wir schaffen es bis vor den Kindergarten, ich setze mich auf die Stufe zu einem Hauseingang. Kalter Schweiß, Ida zerrt an meinem Schal. „Wo gehen wir heute hin?“ ruft Emil und läuft schon mal vor. Ich glaube, ich geh gar nicht mehr.

15:15 Uhr, Freundin auf der Strasse getroffen. Ob wir zusammen zur „Affordable Art fair“ gehen am Wochenende. Innerlich denken wir beide kurz darüber was genau und in welchem Ausmaß unsere Kinder da etwas anstellen könnten. Wir kommen zu dem Schluss, ja, machen wir. Absolut optimistisch, das ich bis dahin wieder fit bin.

15:30 Uhr, Kaputter Zeh, Magen Darm und kurz vor Kreislaufzusammenbruch rufe ich Paul an und mache etwas, was ich noch nie zuvor in meinem Leben getan habe: Ich bitte ihn, nach Hause zu kommen. „Ich weiß nicht ob das geht,“ murmelt Paul. „Ich ruf dich gleich zurück!“

16:30 Uhr: Im liegen Lego spielen. Den Kindern scheint irgendwie egal zu sein, wie es mir geht. Emil redet ohne Unterlass. Wenn ich mich aufrichte, kippe ich einfach wieder um. Fast ein bisschen amüsant – wenn es nicht so schrecklich wäre.

17:20 Uhr: Paul kommt! Ich schlafe auf der Stelle ein. Die Kinder freuen sich tierisch. Endlich kriegen sie was zu essen – ich habe jede Art von Snack in meinem Beisein verweigert.

18:40 Uhr: Tierisches Wut Geschrei im Flur – Emil fordert ein Kinderkaugummi, Paul wickelt Ida und sagt, er solle einen Moment warten. Emil schreit sich in Grund und Boden. Meine Augen gehen trotzdem kaum auf. Als wäre mein Körper ein Stein. Emil tritt und schreit und explodiert vor der Schlafzimmertür. „So,“ sagt Paul frustriert. „Jetzt habe ich auch keine Lust mehr, dir eine Hühnersuppe zu kochen.“ Macht nichts, hätte ich eh nicht gegessen. Emil schläft neben mir ein.

00.15 Uhr, 02:30 und 03:15 Emil wacht auf und ist in Rede Laune. Er erzählt abwechselnd mir und Paul was er alles so plant demnächst. „Erzähl uns das bitte morgen!“ und „Jetzt wird endlich geschlafen!“ stößt auf taube Ohren. Manchmal ist es zehn Minuten still, Hoffnung keimt auf, dann höre ich ein fröhliches: Du, Papa, und weißt du, was ich dann noch mache?

06:00 Uhr, Pauls Wecker klingelt, aufstehen, Frühstück machen, Kamillen Tee trinken. Kurzes hadern: Geht Emil heute zu seinem Freund L. nach dem Kindergarten oder nehme ich L. mit zu uns? Wenn ich ihn mitnehme habe ich drei kleine Kinder in der Wohnung. Wenn ich ihn zu L. gehen lasse, muss ich ihn Abends abholen. Das geht aufgrund der Parkplatznot nur mit dem Rad. Also krank sein und drei Kinder im Haus oder krank sein und Fahrrad fahren? Ich entscheide mich für Fahrrad fahren.

07:45 Uhr, alle im Auto. Ein letztes mal, sage ich mir, dann fahre ich aber wirklich wieder mit dem Rad! „Mein Gott,“ murmele ich. „Das war aber eine Nacht heute.“ Einen kurzen Moment Pause. Dann höre ich Emil voller Begeisterung von der Rückbank schmettern: Artenlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag bewacht!! Auch scheiß Tage, können hin und wieder ganz amüsante Noten haben.

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