Niemand sagt sich am Ende des Lebens: ach, hätte ich doch mehr gearbeitet!

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Paul ist Arzt. Das ist er schon, seitdem ich ihn kenne – über fünf Jahre. Ich kenne Paul nicht als Studenten oder Schüler oder jemanden, der einfach mal ein Jahr lang nichts tut, viel feiert, reist oder den ganzen Tag schläft. ich kenne Paul nur als Arzt und das ist gut so. Wäre das anders wäre ich wahrscheinlich nach Emils Geburt in ein tiefes Loch der Einsamkeit gefallen. Paul verlässt das Haus um halb sieben und kommt gegen 21 Uhr zurück. Emil und Ida schlafen dann. Meistens arbeitet Paul jedes zweite Wochenende. Zwischendurch aber war Paul ein Jahr lang in der Forschung und dann in einem kleinen, unauffälligen Krankenhaus am Rande von Hamburg. Das waren Zeiten, in denen Paul seine Kinder gesehen hat und gelernt hat, das Leben zu genießen. In Pauls Leben ging es immer viel um Engagement, Idealismus und Karriere – etwas, was sich in dem Beruf nicht ausschließt. Die Erfüllung lag lange voll und ganz in seiner Berufung. Ich erinnere mich an kleine Momente in denen wir uns kennen lernten. Es gab eine Bank in der Straße, die meine und seine Wohnung verband. Ich begann morgens um sieben meinen Studentenjob in einer kleinen Bäckerei, Paul kam häufig um die Zeit erst nach Hause. In der Morgendämmerung trafen wir uns an der kleinen Bank, sahen den zur Arbeit fahrenden Autos hinterher, hielten uns fest und genossen den Moment zu zweit. Häufig waren das unsere einzigen Treffen am Tag. Paul war auf dem Weg ein guter, engagierter und erfolgreicher Chirurg zu werden – bis Emil und Ida kamen. Manchmal frage ich mich was unsere eigentliche Bestimmung ist. Werden wir in dem was wir tun vielleicht auch einfach nur gestoppt, völlig benebelt von dem Glückstaumel in den uns die Kinder werfen? Geben Dinge auf, die wir einst für richtig, unverzichtbar oder erfüllend hielten? Nehmen wir sie eines Tages in dem Maße wieder auf? Aber worauf verzichten wir denn? Auf ein Leben voller Arbeit? Emil und Ida stehen morgens auf ihren Hochstühlen am Küchenfenster und sehen zu wie Paul im Dunkeln sein Fahrrad aufschließt. „Papa!“ ruft Ida und winkt eifrig. Paul winkt zurück. Die alten Zeiten sind zurück gekommen. Paul sieht die Kinder nur in den zehn Minuten morgens in denen sich unsere Wachzeiten überschneiden. „Ich bin immer traurig, dass Papa nicht mehr da ist,“ sagt Emil und klettert von seinem Stuhl herunter. Ich bin auch traurig, dass Paul kaum noch da ist. Aber ich bin auch alleine mit allem. Ich kümmere mich darum das die Kinder angezogen, gewaschen, Zähne geputzt in den Kindergarten kommen, das eingekauft ist, das alle möglichen Behörden Sachen organisiert sind. Ich rufe Kinderärzte und Autowerkstätten an, ich kaufe Geburtstagsgeschenke, hole Kinder wieder ab, bring sie zum Sport, zu Freunden, zum Kunstkurs. Ich fahre mit dem Fahrrad gefühlt kreuz und quer durch Hamburg. Ich sorge für Ersatzkleidung, Windeln, ich wickel im Fahrradanhänger, ich werde sehr oft sehr nass. Ich räume die Wohnung auf, kümmere mich mehr schlecht als Recht um den Garten, ich koche, putze wieder Zähne, versuche zwei kleine Kinder alleine ins Bett zu bringen. Irgendjemand schreit immer. Ich bringe noch ein Wasser ans Bett nur um kurz darauf alles neu zu beziehen („oh, oh, ausgekippt,“ höre ich Emil murmeln). Ich wasche Wäsche, bemerke dass der Trockner kaputt ist, versuche den Klempner zu erreichen. Ich verscheuche Alpträume, mache das Essen noch mal warm, schaue ab halb neun alle zehn Minuten auf die Uhr und hadere: Mit Paul essen oder jetzt? Ich rufe in der Klinik an, spreche mit OP Schwestern, mache das Essen wieder aus. Ich arbeite im übrigen auch. Aber wann genau ich das mache, weiß ich selber nicht so genau. ich kann nicht sagen, dass es keine wichtige Rolle spielt. Ich liebe meine Arbeit. Aber ich bin freier als Paul, ich kann mir Termine so legen, wie sie passen. Zumindest meistens. Manchmal hänge ich Ausstellungen auf während Ida zu meinen Füßen eine kleine Schachtel Nägel auskippt, manchmal dauern Shootings so lange, dass ich es nicht schaffe die Kinder abzuholen. Dann verzweifle ich. Das ganze Familienleben ist eine Frage der Organisation und der Gelassenheit. Wenn beides präsent ist denke ich, ich könnte noch drei Kinder haben, aber wenn ein kleines Rädchen sich nicht so dreht wie es sollte, dann bricht der ganze Organisationsturm zusammen. Wenn ich krank bin und trotzdem auf dem Fahrrad strample, wenn ich Termine nicht einhalten kann, weil ich keinen Babysitter finde. Alles in allem aber habe ich das einzig wichtige, den größten Vorteil gegenüber Paul: Ich habe Zeit mit Emil und Ida. Und in der Zeit steht mir und ihnen völlig frei was wir machen. Also ergänzen wir uns, liegen lange in der Bücherhalle auf dem Boden und lesen Bilderbücher, schlendern durch Ausstellungen (auch wenn Ida „nicht berühren“ nicht verstehen will), trinken Kinder-Kaffee in kleinen Cafés, backen Pizza, pflücken Äpfel im Alten Land, planschen im Sommer in der Elbe, bauen Strandburgen, machen ständig und überall Picknick. Fahren mit dem Fahrrad rum, treffen viele Freunde, gehen zum Sport, pflanzen Gemüse, ernten eigene Erdbeeren, schlafen im Sommer Abends im Garten ein. Kinder bremsen einen nicht – ich kann all das tun, was mir Freude macht und ihnen. Und jeden Abend, an dem Emil schreit und gegen die Türen tritt, weil er nicht als erster ins Bett gebracht wird (aber wird er als erster ins Bett gebracht schreit er noch mehr und tritt noch heftiger gegen die Tür), dann verfluche ich Paul und seinen blöden Job und sein feines Leben in dem man sich um nichts kümmern muss. Bis ich mir sage: Halt! Was hast du eigentlich heute gemacht? Und mir fallen Tausend Dinge ein, die schön waren und meinen Tag bereichert haben. Wenn Paul und ich um halb zehn beim Essen sitzen und uns vom Tag erzählen, dann sagt Paul oft: Ich wäre so gerne dabei gewesen! Und er hat Recht. Nichts auf der Welt kann schöner sein, als ein Tag mit Emil und Ida. Man muss das Glück manchmal nur erkennen!

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