Und wenn ich morgen sterben müsste…

…dann wüsste ich, ich hätte alles richtig gemacht.

Vor einem halben Jahr erzählte mir eine Freundin von ihrer Cousine, die an Krebs gestorben sei. Ihre Kinder waren 8 und 12 Jahre alt. „Ab dem Moment,“ sagt sie nachdenklich. „Wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Wenn ich morgen sterben würde, möchte ich wissen, dass ich bis zu dem Moment alles richtig gemacht habe.“

Sie hat ihre Kinder aus dem Kindergarten und aus der Nachmittagsbetreuung der Schule genommen. „Ich möchte wissen, dass wenn ich morgen sterbe, ich alles genossen habe und meinen Kindern alles gegeben habe – Zeit und ein Zuhause.“

Ich habe Emil und Ida nicht aus dem Kindergarten genommen. Ich schlendere jeden morgen mit den beiden über die Fußgängerbrücke am Isebekkanal, ich beobachte jeden Tag im Frühling wie mehr Blätter an die Bäume kommen, ich höre Emil bei jeder grünen Knospe vor Staunen kreischen, aber ich gehe manchmal alleine in eine Ausstellung, in die Stadt, mit Freunden ins Café, obwohl ich in der Zeit auch die Kinder hätte eher abholen können. Ich mache manchmal bewusst Dinge ganz alleine und genieße sie. Aber ich genieße auch jeden einzelnen Moment, der mir mit ihnen geschenkt wird. Und ganz selten, wenn Emils Wut durch den Supermarkt zetert und schreit, wenn Ida zwei Stunden lang nicht einschlafen will, wenn ich morgens genervt bin, weil wieder ein Gummistiefel fehlt während Ida ihr Glas umstösst, dann sage ich mir: Wenn ich morgen sterben würde, dann möchte ich alles richtig gemacht haben. Dann schreie ich trotzdem, ärgere mich, bin gestresst oder genervt – aber tief in meinem Inneren weiß ich, auch dieser eine Moment ist mir und ihnen so wichtig. Und wenn sie kurz danach einträchtig nebeneinander im Fahrradanhänger sitzen, mir das Rad wieder drei mal umgefallen und dabei meine Tasche zwei mal von der Schulter in den Matsch gerutscht ist (beim dritten mal bin ich so schlau sie gar nicht wieder umzuhängen), dann höre ich Gekicher und zarte, gutgelaunte Stimmen, dann höre ich Ida :Da!Da!Da! rufen und auf einen Hund zeigen und an Tagen, an denen ich weiß, das sich alles richtig gemacht habe steht Emil neben mir in der Schlange beim Bäcker und sagt aus dem Nichts: Mama, weißt du eigentlich wie lieb ich dich habe? Von hier bis in den Himmel.

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